Kaum jemand hat die moderne Schweizer Volksschule dermassen geprägt wie
er. 1976 veröffentlichte der damals unbekannte Sonderschullehrer Jürg Jegge
«Dummheit ist lernbar» und zeigte darin auf, wie unser Schulsystem vielen
wissbegierigen Kindern die Neugier und die Freude austreibt. Das Buch wurde
nicht nur ein sensationeller Bestseller und Jegge zum bekanntesten Lehrer des
Landes, es leitete auch den Durchbruch der 68er Pädagogik in der Schweiz ein.
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| Jegge: Schule hat falschen Fokus, Bild: Hervé Le Cunff
"Problemkinder sind interessanter", Weltwoche 36/2016 von Rico Bandle
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Heute ist Jegge 73 Jahre alt, und noch immer funkeln seine Augen, wenn von der
Schule die Rede ist. Obschon viele seiner Forderungen wie kleinere Klassen,
individuellerer Unterricht oder grösserer Stellenwert von musischer Betätigung
umgesetzt worden sind, glaubt er nicht, dass die Schule besser geworden ist.
Im Gegenteil, einiges habe sich auch massiv verschlechtert.
Wir treffen uns in Freienstein im Zürcher Unterland. Hier, in einer alten Spinnerei, hat Jegge 1985 den «Märtplatz» gegründet, eine Vorzeige-Institution, die Jugendlichen, die durch sämtliche Maschen gefallen sind, eine Berufsausbildung ermöglicht. Ein kleiner, rundlicher Mann empfängt uns, mit seiner Erscheinung und seinem Schalk erinnert er an den verstorbenen Volksschauspieler Jörg Schneider. Jegge ist ein Mann, bei dem die Lebenslust, der Idealismus und vor allem die Liebe zu den sogenannten Problemkindern mit jeder Gestik, jedem Satz zum Ausdruck kommen. Er erzählt von der grossen Erfolgsquote des Märtplatz: Bei 50 Prozent der Jugendlichen gelinge die Integration in die Berufswelt vollständig, bei weiteren 30 Prozent immerhin teilweise. Wenn man nach dem Essen urteilt, das uns die Kochlehrlinge später zum Mittagessen auftischen, so kann man tatsächlich sagen: Diese Jugendlichen können etwas.
Für Jegge, das wird im Gespräch schnell klar, sind die Kinder und Jugendlichen nie das Problem, und seien sie noch so schwierig. Wenn sie den Unterricht stören, «verhaltensauffällig» werden, wie man das heute nennt, oder sich der Schule verweigern, so liege das nicht an den Schülern, sondern an der Schule.
Herr Jegge, wenn Sie heute am Strassenrand die stolzen Erstklässler sehen, die sich voller Freude auf den Weg in die Schule machen, was geht Ihnen da durch den Kopf?
Dass sich ihre Euphorie bald in Frust umwandeln wird. Die Landung in der Schulrealität ist hart, ausser bei den Kindern, denen unsere Art Schule entspricht und die meist gebildete Eltern haben. Wir sehen das bei den Jugendlichen hier im Märtplatz: Sie sind eigentlich gute Köche, Schreiner oder Maler, also Leute, die einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten können. Viele von Ihnen haben hier zum allerersten Mal in ihrer Schulkarriere ein Erfolgserlebnis. Die haben neun Jahre lang auf den Deckel gekriegt, sind am Schluss selbst davon überzeugt, dass sie nichts können. Die haben verständlicherweise eine riesige Wut auf die Schule entwickelt. Wir reden hier nicht von einer kleinen Minderheit. In den Medien liest man immer von Problemen mit der Gymi-Prüfung – eine stumme Mehrheit hat aber ganz andere, viel gravierendere Probleme mit unserer Schule.
Was läuft schief?
Es gibt zwei Binsenweisheiten. Erstens: Jeder Mensch ist anders, hat eine andere Geschichte, andere Begabungen. Ich muss immer lachen, wenn von «Hochbegabten» gesprochen wird. Jedes Kind ist hochbegabt, einfach nicht unbedingt in jenen Dingen, die in der Schule gefragt sind. Zweitens: Es gibt Tausende von interessanten Sachen, mit denen man sich beschäftigen kann. Aber was macht die Schule: Sie legt den Fokus ganz auf Rechnen und Schreiben. Wem das nicht liegt, der hat Pech gehabt. Und das betrifft einen grossen Teil der Schüler. Heute wird alles und jedes vermessen, mit Pisa- und anderen normierten Tests mehr denn je. Die Schüler müssen genau ins Schema passen, sonst gelten sie als Problemfall.
Rechnen und Schreiben sind nun mal nicht ganz unwichtige Fähigkeiten im Leben, auch wenn einem das nicht liegt.
Natürlich, aber überschätzen sollte man das nicht. Bei Vorträgen habe ich das Publikum manchmal gefragt, wer sein Geld hauptsächlich mit fehlerfreiem Gebrauch der deutschen Sprache oder mit Rechnen verdient. Aufgestreckt haben dann höchstens ein Journalist, ein Lehrer, vielleicht noch eine Bankmitarbeiterin. Die grosse Mehrheit liess den Arm unten.
Dann ist es für Sie ein nebensächliches Problem, dass gemäss Pisa-Studie knapp 20 Prozent der Schulabgänger nicht richtig lesen und schreiben können?
Dies beweist vor allem, dass noch immer zutrifft, was ich bereits vor vierzig Jahren festgestellt habe: Das System versagt bei vielen Schülern! Man könnte bedenkenlos etwas anderes probieren, viel schlechter kann es nicht werden. Mein Vater war ein Leben lang Mittelstufenlehrer (vierte bis sechste Klasse) in Küsnacht. Er erzählte mir einmal von einem Mädchen, das in der vierten Klasse den Zehnerübergang beim Rechnen noch nicht begriffen hatte. Sie war also mit einer Rechnung wie «8 + 4» überfordert, weil ihr die Finger dazu fehlten. Er hat sie nicht gedrängt, sondern einfach weiter lernen lassen. Sie kam dann in die Real, die heutige Sek B. Jahre später hat er sie in Küsnacht in der Bankfiliale wieder angetroffen – hinter dem Schalter. Sie hat vom Rechnen gelebt. Das Beispiel ist nicht untypisch: Wir glauben zu wissen, in welchem Tempo ein Kind lernen muss. Dabei hat jeder Mensch sein eigenes Lerntempo. Es geht vor allem darum, dass die ersten Lernerfahrungen positiv verlaufen. Sonst belastet das die gesamte Schullaufbahn.
Sie sind in den fünfziger Jahren eingeschult worden, damals waren Körperstrafen im Klassenzimmer noch verbreitet, die Klassen waren riesig. Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?
Ich war ein unauffälliger Schüler, hatte kaum Probleme, ausser beim Turnen, wo ich ausgelacht wurde, etwa weil ich nie die Kletterstange hochkam. Die Misserfolge, zum Beispiel beim Rechnen, konnte ich andernorts kompensieren. Erst später, als Lehrer, begriff ich, was für eine Qual die Schule für die schlechten Schüler ist.
Ihre erste Klasse als Lehrer übernahmen Sie 1964 im zürcherischen Pfungen, 47 Schüler in einem engen Schulzimmer, da war wahrscheinlich nichts mit individuellem Unterricht.
Ich habe viel gezeichnet, viel Musik gemacht. Das gefiel den Kindern und mir auch. Ansonsten war ich voll damit beschäftigt, den Unterrichtsstoff durchzubringen. Wie jeder Lehrer empfand ich es als lästig, wenn Schüler schwatzten oder die Hausaufgaben nicht machten.
Später sagten Sie: «Wenn die Schüler stören, dann haben sie guten Grund dazu.»
Ja. Nach drei Jahren wechselte ich nach Embrach und begann, den Unterricht anders zu gestalten, als es das damals üblich war. Es gab weniger Druck, die Kinder durften sich viel mit dem beschäftigen, was sie interessierte, zum Beispiel mit Theaterspielen. Die Schüler waren begeistert, die Eltern und die Behörden weniger. Allein schon, dass die Kinder gerne in die Schule gingen, war ihnen verdächtig. Zudem habe ich auf Hausaufgaben verzichtet, das ging gar nicht. Ich wurde beschimpft, man sagte mir nach, ich sei ein «Kommunist», ein «Mädchenverführer», ein «Homosexueller» oder gleich alles zusammen. Es gab schliesslich keine Schulpflegesitzung mehr, in der ich nicht angegriffen oder persönlich beleidigt worden wäre.
Aber man hielt an Ihnen fest.
Nur, weil akuter Lehrermangel herrschte. Man wies mir aber die «schwierigen» Klassen zu, was mir ganz recht war. Erst unterrichtete ich eine Realklasse [heute Sek B], dann die Oberschule [Sek C], schliesslich die Sonderklasse. Mit den Lehrerkollegen hingegen hatte ich immer ein gutes Verhältnis.
Sie galten als Chaoslehrer?
Die Leute dachten, bei mir würden die Schüler machen, was sie wollen. Dem war aber nicht so: Sie wollten, was sie machten. Von aussen ist das schwer zu unterscheiden. Aber ich sage Ihnen jetzt: Wenn ich nochmals zurückkönnte, ich wäre noch radikaler, würde auf noch mehr Ordnungselemente verzichten, es wäre das noch grössere «Chaos». Heute weiss ich, dass die entscheidende Frage lautet: Setzen wir lieber auf die Ich-Stärke oder auf Kontrolle? Der Erfolg bei Ersterem ist viel höher als bei konventionellem Unterricht, das ist erwiesen. Aber Eltern und Behörden fürchten sich vor dem vermeintlichen Chaos und der Disziplinlosigkeit.
Wann genau haben Sie jene Schüler, die als «Schulversager» oder «verhaltensauffällig» gelten, ins Herz geschlossen?
Von Anfang an. Viele Lehrer nehmen unruhige Kinder vor allem als Störenfriede war, diese werden dann mit Diagnosen wie ADHS für krank erklärt. Mittlerweile erhalten ja mancherorts mehr als die Hälfte der Kinder sonderpädagogische Massnahmen! Jede Abweichung will man umgehend korrigieren. Dabei sind die sogenannt schwierigen Kinder die interessanteren, es ist immer etwas los, hier spürt man das Leben; es ist lustig mit ihnen, auch wenn halt nicht alles genau planbar ist. Ich habe Kinder erlebt, die sich wirklich Mühe gegeben haben, trotzdem haben sie beim Diktat einen Zweier erhalten. Manchmal hat einer zu weinen begonnen, ich musste dann so etwas sagen wie: «Für dich ist ein Zweier doch ziemlich gut.» Für mich war klar: Hier läuft grundsätzlich etwas schief, mit diesem System macht man aufgeweckte und neugierige Kinder kaputt.
1976 kam dann «Dummheit ist lernbar» heraus. Durch das Buch wurden Sie schlagartig zum bekanntesten Lehrer des Landes.
Das Buch war eine Verteidigungsschrift. Das ist auch seine Schwäche. Fehler machen darin nur die anderen, ich stelle mich als tadellosen Lehrer dar, der 365 Tage im Jahr 24 Stunden für die Schüler da ist. Meine späteren Bücher sind viel differenzierter.
Aber es hat voll eingeschlagen, hat sich 200 000-mal verkauft und eine riesige Debatte ausgelöst.
Ich war von einem Tag auf den anderen vom schlechtesten Lehrer Embrachs zum gefeierten Pädagogen geworden. An jedem Kiosk konnte man das Buch kaufen, ich war in Illustrierten, im Fernsehen, im Radio, überall.
Der brillante Titel, «Dummheit ist lernbar», hatte sicher einen beträchtlichen Anteil am Erfolg. Wie sind sie darauf gekommen?
Der Titel stammt nicht von mir. Mit einem befreundeten Psychoanalytiker suchte ich nach einem Titel. Wir sassen zusammen, tranken viel – irgendwann sagte er: «Dummheit ist lernbar.» Ein Volltreffer! Es gab dann viele Nachahmer: «Erfolg ist lernbar», «Gesundheit ist lernbar», auf dem Sachbuchmarkt war plötzlich alles «lernbar».
Gab es auch negative Reaktionen?
Kaum. Es war, als hätten alle auf ein solches Buch gewartet. In Deutschland kam zu jener Zeit ein ähnliches heraus, Konrad Wünsches «Die Wirklichkeit des Hauptschülers». Auch das war ein Bestseller. «Dummheit ist lernbar» entsprach voll und ganz dem Zeitgeist: Man entdeckte gerade die «Randgruppen», auch an den Schulen.
Sie wurden nicht nur zum bekanntesten Pädagogen des Landes, das Schweizer Fernsehen engagierte Sie dann noch als Moderator.
An dieser Geschichte bin ich ziemlich gereift. Vier Ausgaben der Gesprächssendung «Telespiel» wurden ausgestrahlt, dann hat man sie nach einer Blick-Kampagne eingestellt.
Einer Kampagne gegen Sie?
Das war eine eigenartige Erfahrung. Am Morgen nach der Sendung bin ich ins Dorf gegangen, die Leute waren alle auffallend nett zu mir. Jemand sagte: «Gälled Si, das isch scho no gemein.» Ich wusste nicht, wovon diese Person sprach. «Haben Sie den Blick noch nicht gesehen?» Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich den Blickgekauft habe. Tatsächlich war ich auf der Frontseite, ich wurde als «Oberlehrer der Nation» lächerlich gemacht, man bemängelte mein schmuddeliges Auftreten. Inhaltlich hatte der Blick ja recht, die Sendung funktionierte tatsächlich nicht.
Fühlten Sie sich da wie ein Schüler, der schlechte Noten erhält?
Nein, gar nicht. Das war spannend. Wer kann schon von sich sagen, auf dem Titelblatt des Blicks gewesen zu sein . . .
Sie haben einmal gesagt: «Wenn die Lehrperson die Kinder gern hat, richtet die Schule wenigstens keinen Schaden an.»
Das ist auch so eine Binsenwahrheit, die mittlerweile von Neurobiologen bestätigt worden ist und deshalb in der Pädagogik wieder wichtig wird: Die Grundlage für gutes Lernen ist eine funktionierende Beziehung zwischen Schüler und Lehrer. Nur wenn die Beziehung stimmt, glaubt das Kind, wenn der Lehrer ihm sagt: «Es ist wichtig, einigermassen fehlerfrei schreiben zu können, sonst wirst du später ausgelacht.» Ich rede oft mit jungen Lehrern, die sagen mir: «Ich habe 25 Schüler, alle haben unterschiedliche Interessen, stammen aus unterschiedlichen Kulturen, lernen in unterschiedlichem Tempo: Ich kann nicht allen gerecht werden, das ist unmöglich.» Ich antworte dann: «Aber natürlich ist das möglich. Wie das geht, weiss man in der Pädagogik seit etwa hundert Jahren. In Berggemeinden, wo Schüler aus verschiedenen Stufen in einer Klasse sind, macht man das schon seit je, und es funktioniert tadellos. Die Kinder solcher Klassen sind nicht schlechter als andere.»
Kürzlich hat man im Kanton Zürich einen Versuch mit altersdurchmischten Klassen wieder gestoppt.
Das ist klar. Eltern und Behörden haben immer Angst, die Leistungen könnten nicht stimmen, deshalb zieht man einen solchen sinnvollen Versuch nicht durch. Die Angst ist unbegründet.
Sie beanstanden immer wieder, dass Lehrer ihre Schüler unterschiedlich beurteilen, je nachdem, aus welcher sozialen Schicht sie kommen.
Die Gesellschaft ist dreigeteilt: Es gibt jene, die führen, jene, die geführt werden, und jene, die an der Nase herumgeführt werden. Und ja, die Schule sorgt dafür, dass dies so bleibt. Das mit der unterschiedlichen Beurteilung ist mittlerweile genau erforscht worden. Kürzlich hat der in Freiburg lehrende Pädagoge Daniel Hofstetter eine hochspannende Dissertation veröffentlicht, in der er ganz genau zeigt, wie die schichtspezifische Behandlung funktioniert. Das ist äusserst faszinierend.
Am Ende geht es doch hauptsächlich darum, dass gebildete Eltern die Kinder unterstützen, sie motivieren, zum Beispiel bei den Hausaufgaben. Man kann diesen Eltern doch nicht vorwerfen, dass sie sich um die Kinder kümmern, dass sie mit guten Büchern ihre Kinder zum Lesen animieren, anstatt sie den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen zu lassen!
Nein, das nicht. Aber man könnte das lösen, indem man die Hausaufgaben abschafft.
Diese Forderung ist heute wieder in aller Munde. Aber Hausaufgaben haben ja auch ihren Zweck.
Die Sache ist ganz einfach: Wir schicken die Kinder in die Schule, damit sie etwas lernen. So wie wir zum Friseur gehen, damit er uns die Haare schneidet. Mir hat noch nie ein Friseur eine Schere nach Hause gegeben, ich solle zu Hause weiterschneiden.
Der Vergleich hinkt. Ich gehe ja nicht zum Friseur, um zu lernen, wie man Haare schneidet. Dann würde zu Hause üben Sinn ergeben.
Wenn jemand etwas begriffen hat, so muss er es in der Regel nicht üben. Und wenn er es nicht begriffen hat, so übt er zu Hause das Falsche. Es gibt natürlich Ausnahmen, Französischwörter zum Beispiel muss man zu Hause lernen. Das versteht ein Schüler auch. Nicht aber, wenn es einfach aus Prinzip täglich Hausaufgaben gibt. Dann verliert man die Freude an der Schule.
Die Abschaffung der Noten fordert heute kaum mehr jemand ausser Sie. Noten und ein gewisser Wettbewerb spornen an, das sehe ich bei meinen Kindern.
An dieser Aussage merke ich, dass Ihre Kinder gut sind in der Schule. Für die schlechten Schüler bedeuten Noten bloss einen Stempel: «Du bist ein Löli.» Dass ein Schüler mit jeder Prüfung von neuem erfahren muss, wie blöd er ist, und dann zu Hause auch noch von den Eltern gemassregelt wird, das kann nicht die Lösung sein. Das ist ein Fahrschein nach unten.
Was empfehlen Sie Eltern, deren Kinder nur noch widerwillig in die Schule gehen?
Sie sollen ihre Kinder dazu animieren, sich durchzumogeln, damit die Schule erträglicher wird. Es ist zum Beispiel verdammt wichtig, zu wissen, wie man dasitzen kann, damit der Lehrer meint, man passe auf. Mädchen sind darin viel besser als Buben . . . Es kann auch helfen, sich mit der Lehrerin anzufreunden. Entscheidend ist aber etwas anderes: Die Eltern sollen die Schulnoten nicht als gültige Beurteilung ihres Kindes betrachten. Gerade bei Eltern aus tieferen sozialen Schichten ist die Schulgläubigkeit sehr gross, zu gross. Egal, was in der Schule passiert, die Eltern sollten zu ihren Kindern stehen.
Auf der anderen Seite kommen Eltern heute mit dem Anwalt angerannt, wenn sie mit den Noten des Kindes nicht einverstanden sind.
Das ist furchtbar. Ich befürchte aber, dass ich nicht ganz unschuldig bin an dieser Tendenz. Mein Plädoyer an die Adresse der Eltern «Steht zu euren Kindern», kann man offensichtlich auch falsch verstehen.
Sie haben 1985 die Stiftung Märtplatz gegründet, eine Institution, wo Jugendliche, die durch alle Maschen gefallen sind, eine Berufsausbildung machen können. Sie reparieren also die Schäden, die die Schule angerichtet hat?
In ihrer Lehre bei uns müssen die Jugendlichen nur einmal pro Woche in die Berufsschule, oft haben sie aber schon zwei Tage zuvor dermassen Panik, dass sie kaum zu gebrauchen sind. Das Schultrauma, erzeugt durch neun Jahre Demütigung, muss man erst behutsam abbauen.
Was sollte das primäre Ziel der Schule sein, abgesehen vom Rechnen- und Lesenlernen?
Dass die Kinder interessante Dinge kennenlernen. Ich nenne das «die Welt an die Kinder herantragen». Als Sonderschullehrer habe ich einmal zwei Jahre lang an einem Bauernhof unterrichtet. Das war der Idealfall. Wenn ein Kind ausgetickt ist, konnte es in den Stall, dem Bauern helfen oder auf dem Feld herumrennen, um die Energie loszulassen. Sie sollten die Glückseligkeit sehen, wenn man mit Kindern einen Bach stauen geht oder wenn man mit ihnen Musik macht. Wenn man ein solches Umfeld bieten kann, fällt auch das Erlernen des klassischen Schulstoffs viel leichter.
Jürg Jegge, geboren 1943 in Zürich, war Lehrer,
Fernseh- und Radiomoderator und Liedermacher. Nebst
dem Bestseller «Dummheit ist lernbar» hat er zahlreiche
weitere pädagogische Bücher verfasst,
die alle im
Zytglogge-Verlag
erschienen sind. Er ist Ehrenpräsident der von ihm gegründeten Stiftung
«Märtplatz»,
die Jugendlichen mit
psychischen oder sozialen
Schwierigkeiten eine Berufsausbildung ermöglicht.
Jegge wohnt in Rorbas ZH und Wien.

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