Wegen
Harmos werden Kinder früher schulpflichtig – das stellt Kindergärten vor ein
Problem.
Mit Windeln in den Kindergarten, Sonntagszeitung, 4.9. von Nadja Pastega
Manche
Eltern sind schwer erziehbar. Das weiss Schulleiter Bruno Glettig aus
Erfahrung. An seiner Schule in Obersiggenthal AG gilt eine einfache Regel:
Windeln sind im Kindergarten nicht erwünscht. «Wir erwarten, dass die Kinder
selbstständig auf die Toilette gehen können», sagt Glettig, «zum Windelwechseln
haben wir im Kindergarten schlicht keine Zeit.» Der Schulleiter schickt den
Eltern ein Informationsschreiben in unzähligen Sprachen, damit es wirklich alle
verstehen. «Trotzdem», sagt er, «haben wir im Schnitt immer ein Kind pro
Kindergarten, das noch nicht trocken ist.»
Damit
ist Schulchef Glettig nicht allein. In vielen Kindergärten gibt es immer wieder
ein Windelkind. Oder einen Knirps, der noch nicht trocken ist und ohne Pampers
kommt, weil die Eltern um das Windelverbot wissen. Es gebe auch Schlaumeier,
erzählen Kindergärtnerinnen, die ihren Nachwuchs mit einem unauffälligen dünnen
Windelhöschen ausstatten.
Mit
Merkblättern, Flyern und auf Elternveranstaltungen weisen die Schulen darauf
hin, was ein Kind im Kindergarten können muss. Dazu gehört: Selbstständig auf
die Toilette gehen. «Wir wechseln keine Windeln», heisst es bei den
Kindergartenverbänden in den Kantonen Zürich, Aargau und Bern. Aus- nahmen
würden gemacht, wenn ein Kind aus medizinischen Gründen eine Windel brauche.
«Das
hätte einen Aufstand in der Öffentlichkeit zur Folge»
Das
Windelproblem stellt sich vor allem deshalb, weil mit Harmos, dem Konkordat zur
Harmonisierung der Schulen, das Einschulungsalter sinkt. Der Stichtag für den
Kindergarteneintritt wird schrittweise auf den 31. Juli verschoben. «Damit
kommen jetzt bereits knapp Vierjährige in den Kindergarten», sagt Brigitte
Fleuti, Präsidentin beim Kindergartenverband des Kantons Zürich. Dem
Harmos-Konkordat sind 15 Deutschschweizer Kantone beigetreten.
Mit
etwa drei Jahren, so lautet eine Faustregel, sollten die Kinder tagsüber keine
Windeln mehr brauchen. «Es kommt aber immer wieder vor, dass auch Vierjährige
noch nicht trocken sind», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Allan
Guggenbühl. Das könne Veranlagung sein – oder «mangelnde Erziehung».
Mit den
Folgen müssen sich die Schulen herumschlagen. Die Windel stellt die
Kindergärten vor sehr reale Probleme. «Die Kindergärtnerin muss immer alle
Kinder im Auge behalten, sie kann sich nicht zurückziehen, um ein Kind zu
wickeln», sagt Lisa Lehner, Leiterin Kindergarten der Schule Baden. «Ganz
kritisch wird es, wenn Männer im Kindergarten arbeiten und Windeln wechseln
sollen», sagt Erika Reichenbach vom Lehrerverband das Kantons Bern. «Das hätte
einen Aufstand in der Öffentlichkeit zur Folge.»
Für
Kinder mit Windel brauche es zusätzliches Personal, sagt Brigitte Fleuti. Der
Grund: «Im Kindergarten gelten die gleichen rechtlichen Bestimmungen wie in
einem Hort. Beim Windelwechseln gilt das Vieraugenprinzip, es müssen immer zwei
Personen anwesend sein.» Das könne ein Kindergarten nicht bieten.
Die
meisten Kindergärten haben sich für einen pragmatischen Weg entschieden: Sie
bieten die Eltern telefonisch auf, wenn die Windel voll ist und gewechselt
werden muss. So macht es auch Bruno Glettig an seiner Schule. «Damit wollen wir
einen gewissen Druck entstehen lassen», sagt der Aargauer Schulleiter. Das
sorge bei den Eltern oft für ein grosses Aha-Erlebnis.
Viele
Eltern wollen den Schuleintritt verschieben
Per
Gesetz müssen die Kindergärten alle Kinder aufnehmen, die das vorgeschriebene
Alter haben. Auch wenn sie noch in den Windeln stecken oder in anderer Hinsicht
nicht die nötige Reife haben. An der Schule von Lisa Lehner in Baden drücken
jetzt alle Kindergärtnerinnen die Schulbank. Sie absolvieren an der
Fachhochschule einen Weiterbildungskurs zum Ʈhema «Junge Kindergartenkinder».
Im Kanton Zürich erarbeitet der Kindergartenverband dazu ein Positionspapier.
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