5. September 2016

Keine Windeln im Kindergarten

Wegen Harmos werden Kinder früher schulpflichtig – das stellt Kindergärten vor ein Problem.
Mit Windeln in den Kindergarten, Sonntagszeitung, 4.9. von Nadja Pastega


 Manche Eltern sind schwer erziehbar. Das weiss Schulleiter Bruno Glettig aus Erfahrung. An seiner Schule in Obersiggenthal AG gilt eine einfache Regel: Windeln sind im Kindergarten nicht erwünscht. «Wir erwarten, dass die Kinder selbstständig auf die Toilette gehen können», sagt Glettig, «zum Windelwechseln haben wir im Kindergarten schlicht keine Zeit.» Der Schulleiter schickt den Eltern ein Informationsschreiben in unzähligen Sprachen, damit es wirklich alle verstehen. «Trotzdem», sagt er, «haben wir im Schnitt immer ein Kind pro Kindergarten, das noch nicht trocken ist.»

Damit ist Schulchef Glettig nicht allein. In vielen Kindergärten gibt es immer wieder ein Windelkind. Oder einen Knirps, der noch nicht trocken ist und ohne Pampers kommt, weil die Eltern um das Windelverbot wissen. Es gebe auch Schlaumeier, erzählen Kindergärtnerinnen, die ihren Nachwuchs mit einem unauffälligen dünnen Windelhöschen ausstatten.

Mit Merkblättern, Flyern und auf Elternveranstaltungen weisen die Schulen darauf hin, was ein Kind im Kindergarten können muss. Dazu gehört: Selbstständig auf die Toilette gehen. «Wir wechseln keine Windeln», heisst es bei den Kindergartenverbänden in den Kantonen Zürich, Aargau und Bern. Aus- nahmen würden gemacht, wenn ein Kind aus medizinischen Gründen eine Windel brauche.

«Das hätte einen Aufstand in der Öffentlichkeit zur Folge»
Das Windelproblem stellt sich vor allem deshalb, weil mit Harmos, dem Konkordat zur Harmonisierung der Schulen, das Einschulungsalter sinkt. Der Stichtag für den Kindergarteneintritt wird schrittweise auf den 31. Juli verschoben. «Damit kommen jetzt bereits knapp Vierjährige in den Kindergarten», sagt Brigitte Fleuti, Präsidentin beim Kindergartenverband des Kantons Zürich. Dem Harmos-Konkordat sind 15 Deutschschweizer Kantone beigetreten.

Mit etwa drei Jahren, so lautet eine Faustregel, sollten die Kinder tagsüber keine Windeln mehr brauchen. «Es kommt aber immer wieder vor, dass auch Vierjährige noch nicht trocken sind», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Das könne Veranlagung sein – oder «mangelnde Erziehung».

Mit den Folgen müssen sich die Schulen herumschlagen. Die Windel stellt die Kindergärten vor sehr reale Probleme. «Die Kindergärtnerin muss immer alle Kinder im Auge behalten, sie kann sich nicht zurückziehen, um ein Kind zu wickeln», sagt Lisa Lehner, Leiterin Kindergarten der Schule Baden. «Ganz kritisch wird es, wenn Männer im Kindergarten arbeiten und Windeln wechseln sollen», sagt Erika Reichenbach vom Lehrerverband das Kantons Bern. «Das hätte einen Aufstand in der Öffentlichkeit zur Folge.»

Für Kinder mit Windel brauche es zusätzliches Personal, sagt Brigitte Fleuti. Der Grund: «Im Kindergarten gelten die gleichen rechtlichen Bestimmungen wie in einem Hort. Beim Windelwechseln gilt das Vieraugenprinzip, es müssen immer zwei Personen anwesend sein.» Das könne ein Kindergarten nicht bieten.

Die meisten Kindergärten haben sich für einen pragmatischen Weg entschieden: Sie bieten die Eltern telefonisch auf, wenn die Windel voll ist und gewechselt werden muss. So macht es auch Bruno Glettig an seiner Schule. «Damit wollen wir einen gewissen Druck entstehen lassen», sagt der Aargauer Schulleiter. Das sorge bei den Eltern oft für ein grosses Aha-Erlebnis.

Viele Eltern wollen den Schuleintritt verschieben
Per Gesetz müssen die Kindergärten alle Kinder aufnehmen, die das vorgeschriebene Alter haben. Auch wenn sie noch in den Windeln stecken oder in anderer Hinsicht nicht die nötige Reife haben. An der Schule von Lisa Lehner in Baden drücken jetzt alle Kindergärtnerinnen die Schulbank. Sie absolvieren an der Fachhochschule einen Weiterbildungskurs zum Ʈhema «Junge Kindergartenkinder». Im Kanton Zürich erarbeitet der Kindergartenverband dazu ein Positionspapier.

Auch viele Eltern beschäftigt der frühere Schuleintritt. Die Zahl der Gesuche, um den Kindergarteneintritt zu verschieben, sei gestiegen, heisst es bei den Lehrerverbänden im Aargau und im Kanton Zürich. «Ganz klar» mehr Rückstellungsgesuche registriert auch Erika Reichenbach vom Berner Lehrverband: «Eine Gemeinde am Ʈhunersee musste aus diesem Grund sogar einen Kindergarten schliessen.»

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