5. September 2016

Hoffnung in der Romandie

Der Thurgau steht im Zentrum eines hitzigen Streits: Mit seinem Entscheid, den Französischunterricht auf die Oberstufe zu verschieben, hat er die Romandie verärgert, die Frühfranzösisch-Gegner in anderen Kantonen angestachelt – und Bundesrat Alain Berset zu einer Interventionsdrohung bewogen. Mit Spannung wurde daher erwartet, wie die Vernehmlassung zum neuen Thurgauer Lehrplan ausfallen würde. Zwar hatte Erziehungsdirektorin Monika Knill (SVP) im Frühling klargestellt, dass an der Abschaffung des Frühfranzösisch nicht mehr gerüttelt werde.
Geht es um mehr als Pädagogik? Bild: iStock
Encore und fois! Tages Anzeiger, 1.9. von Raphaela Birrer

Doch gestern kündigte sie ein neues Vorgehen an: Die Thurgauer Regierung wird dem Grossen Rat Ende September eine Gesetzesänderung vorlegen. Im Volksschulgesetz soll festgeschrieben werden, dass Französisch als zweite Fremdsprache auf der Sekundarstufe unterrichtet wird.

Rechtssicherheit schaffen
Grund für diesen Schritt sind die kontroversen Vernehmlassungsantworten. Mit einer Verschiebung des Französisch auf die Oberstufe werde die Stundentafel zu sprachenlastig und überladen, lautete die Kritik. Weil der Widerstand gross war, sah der Regierungsrat sein Vorhaben gefährdet, zumal er bislang keine Gesetzesgrundlage dafür hat. Das Parlament könnte den Entscheid jederzeit wieder umstossen – mit einer Gesetzesbestimmung werde Rechtssicherheit geschaffen, sagt Knill. Die Befürchtung ist nicht unbegründet: Erst vorgestern reichte GLP-Kantonsrat Hanspeter Heeb einen Vorstoss gegen das Vorgehen des Regierungsrats ein. Dieser habe das Frühfranzösisch eigenmächtig abgeschafft, ohne dem Grossen Rat zuerst eine konkrete Lösung zu unterbreiten, sagt Heeb. Deshalb verlangt er eine ­Gesetzesgrundlage für die Sprachenfrage. Mit seinem Vorstoss wäre die Fremdsprachenfrage also ohnehin wieder zum Thema geworden.

Dem greift der Regierungsrat nun vor – und trägt die Debatte dorthin zurück, wo sie vor zwei Jahren begonnen hatte. Damals hatte das Kantonsparlament einer Motion zugestimmt, die den Französischunterricht in der Primarschule streichen wollte. Mit dem neuen Lehrplan wollte die Regierung diesen Auftrag des Parlaments umsetzen. Der Thurgauer Entscheid gegen das Frühfranzösisch hatte schweizweit heftige Reaktionen ausgelöst, denn der Kanton verstösst damit gegen den Sprachenkompromiss der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK).

Dieser sieht vor, dass die Schüler spätestens ab der dritten Klasse die erste und ab der fünften Klasse die zweite Fremdsprache lernen. Eine davon muss eine zweite Landessprache sein. Der welsche Bundesrat Alain Berset fürchtete einen Dammbruch, da auch in anderen Kantonen Vorstösse hängig sind, um die zweite Fremdsprache aus der Primarschule zu verbannen. Deshalb entschied er sich im Juli, in den Sprachenstreit einzugreifen: Halten sich die Kantone nicht an den Kompromiss, sollen sie per Sprachengesetz dazu gezwungen werden. Die Gesetzesentwürfe sind zurzeit in der Vernehmlassung.

«Wir werden weiterhin für unsere Sprache kämpfen müssen.»
An diesem Vorgehen will der Bund festhalten, heisst es beim zuständigen Bundesamt für Kultur. Nur weil die Thurgauer Regierung die Entscheidung an das Parlament delegiert habe, ändere sich die Situation nicht grundlegend, sagt ein Sprecher. Bundespolitiker zeigen sich dennoch erleichtert über die Entwicklung im Thurgau. «Der Kanton öffnet damit dem Frühfranzösisch wieder die Tür», sagt Bildungspolitiker Matthias Aebischer (SP, BE). Im Entscheid des Regierungsrats widerspiegle sich die nationale Debatte: «Wir konnten aufzeigen, dass es in dieser Frage um mehr geht als um Pädagogik – um die Achtung anderer Kulturen im Land.»

Lösung bis nächsten Sommer
Welsche Parlamentarier sind überzeugt, dass Bersets Drohung Wirkung entfaltet habe. «Der Thurgau hat den nationalen Druck gespürt», sagt der Neuenburger SP-Ständerat Didier Berberat. Dass er seinen Entscheid noch einmal überdenke, sei wichtig für den nationalen ­Zusammenhalt. «Das Zurückkrebsen des Thurgaus beweist, dass es wichtig ist, eine klare Grenze zu ziehen», sagt der Walliser Nationalrat Mathias Reynard (SP). Trotzdem gelte es, wachsam zu bleiben: Die Thurgauer Regierung mache zwar einen Schritt zurück, wolle aber nach wie vor das Französisch aus der Primarschule verbannen. «Wir werden weiterhin für unsere Sprache kämpfen müssen.»

Die nationalen Stimmen dürften auch im Thurgauer Kantonsparlament gehört werden. Dieses wird voraussichtlich im Frühling 2017 über die Gesetzesänderung abstimmen. Bis zum Schulbeginn im nächsten Sommer muss der Kanton eine Lösung finden.
Ob es zu einer Volksabstimmung kommt, ist zurzeit ­offen. Kantonsrat Heeb, der Urheber des jüngsten Vorstosses gegen das Vorgehen der Regierung, sagt: «Ich könnte mir vorstellen, dass der Grosse Rat den Entscheid gegen das Frühfranzösisch kippt. Es sei denn, es gelingt der Regierung, die weit verbreiteten Bedenken zu zerschlagen.» Ursache dieser Bedenken sei aber nicht die nationale Diskussion, sondern die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Entscheids.


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