Der Thurgau steht im Zentrum eines hitzigen Streits: Mit seinem
Entscheid, den Französischunterricht auf die Oberstufe zu verschieben, hat er
die Romandie verärgert, die Frühfranzösisch-Gegner in anderen Kantonen
angestachelt – und Bundesrat Alain Berset zu einer Interventionsdrohung
bewogen. Mit Spannung wurde daher erwartet, wie die Vernehmlassung zum neuen
Thurgauer Lehrplan ausfallen würde. Zwar hatte Erziehungsdirektorin Monika
Knill (SVP) im Frühling klargestellt, dass an der Abschaffung des
Frühfranzösisch nicht mehr gerüttelt werde.
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| Geht es um mehr als Pädagogik? Bild: iStock
Encore und fois! Tages Anzeiger, 1.9. von Raphaela Birrer
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Doch gestern kündigte sie ein neues Vorgehen an: Die Thurgauer Regierung
wird dem Grossen Rat Ende September eine Gesetzesänderung vorlegen. Im
Volksschulgesetz soll festgeschrieben werden, dass Französisch als zweite
Fremdsprache auf der Sekundarstufe unterrichtet wird.
Rechtssicherheit schaffen
Grund für diesen Schritt sind die kontroversen Vernehmlassungsantworten.
Mit einer Verschiebung des Französisch auf die Oberstufe werde die Stundentafel
zu sprachenlastig und überladen, lautete die Kritik. Weil der Widerstand gross
war, sah der Regierungsrat sein Vorhaben gefährdet, zumal er bislang keine
Gesetzesgrundlage dafür hat. Das Parlament könnte den Entscheid jederzeit
wieder umstossen – mit einer Gesetzesbestimmung werde Rechtssicherheit
geschaffen, sagt Knill. Die Befürchtung ist nicht unbegründet: Erst vorgestern
reichte GLP-Kantonsrat Hanspeter Heeb einen Vorstoss gegen das Vorgehen des
Regierungsrats ein. Dieser habe das Frühfranzösisch eigenmächtig abgeschafft,
ohne dem Grossen Rat zuerst eine konkrete Lösung zu unterbreiten, sagt Heeb.
Deshalb verlangt er eine Gesetzesgrundlage für die Sprachenfrage. Mit seinem
Vorstoss wäre die Fremdsprachenfrage also ohnehin wieder zum Thema geworden.
Dem greift der Regierungsrat nun vor – und trägt die Debatte dorthin
zurück, wo sie vor zwei Jahren begonnen hatte. Damals hatte das
Kantonsparlament einer Motion zugestimmt, die den Französischunterricht in der
Primarschule streichen wollte. Mit dem neuen Lehrplan wollte die Regierung
diesen Auftrag des Parlaments umsetzen. Der Thurgauer Entscheid gegen das
Frühfranzösisch hatte schweizweit heftige Reaktionen ausgelöst, denn der Kanton
verstösst damit gegen den Sprachenkompromiss der Erziehungsdirektorenkonferenz
(EDK).
Dieser sieht vor, dass die Schüler spätestens ab der dritten Klasse die
erste und ab der fünften Klasse die zweite Fremdsprache lernen. Eine davon muss
eine zweite Landessprache sein. Der welsche Bundesrat Alain Berset fürchtete
einen Dammbruch, da auch in anderen Kantonen Vorstösse hängig sind, um die
zweite Fremdsprache aus der Primarschule zu verbannen. Deshalb entschied er
sich im Juli, in den Sprachenstreit einzugreifen: Halten sich die Kantone nicht
an den Kompromiss, sollen sie per Sprachengesetz dazu gezwungen werden. Die
Gesetzesentwürfe sind zurzeit in der Vernehmlassung.
«Wir werden weiterhin für unsere Sprache kämpfen müssen.»
An diesem Vorgehen will der Bund festhalten, heisst es beim zuständigen
Bundesamt für Kultur. Nur weil die Thurgauer Regierung die Entscheidung an das
Parlament delegiert habe, ändere sich die Situation nicht grundlegend, sagt ein
Sprecher. Bundespolitiker zeigen sich dennoch erleichtert über die Entwicklung
im Thurgau. «Der Kanton öffnet damit dem Frühfranzösisch wieder die Tür», sagt Bildungspolitiker Matthias
Aebischer (SP, BE). Im Entscheid des Regierungsrats widerspiegle sich die
nationale Debatte: «Wir konnten aufzeigen, dass es in dieser Frage um mehr geht
als um Pädagogik – um die Achtung anderer Kulturen im Land.»
Lösung bis nächsten Sommer
Welsche Parlamentarier sind überzeugt, dass Bersets Drohung Wirkung
entfaltet habe. «Der Thurgau hat den nationalen Druck gespürt», sagt der
Neuenburger SP-Ständerat Didier Berberat. Dass er seinen Entscheid noch einmal
überdenke, sei wichtig für den nationalen Zusammenhalt. «Das Zurückkrebsen des
Thurgaus beweist, dass es wichtig ist, eine klare Grenze zu ziehen», sagt der
Walliser Nationalrat Mathias Reynard (SP). Trotzdem gelte es, wachsam zu
bleiben: Die Thurgauer Regierung mache zwar einen Schritt zurück, wolle aber
nach wie vor das Französisch aus der Primarschule verbannen. «Wir werden
weiterhin für unsere Sprache kämpfen müssen.»
Die nationalen Stimmen dürften auch im Thurgauer Kantonsparlament gehört
werden. Dieses wird voraussichtlich im Frühling 2017 über die Gesetzesänderung
abstimmen. Bis zum Schulbeginn im nächsten Sommer muss der Kanton eine Lösung
finden.
Ob es zu einer Volksabstimmung kommt, ist zurzeit offen. Kantonsrat
Heeb, der Urheber des jüngsten Vorstosses gegen das Vorgehen der Regierung,
sagt: «Ich könnte mir vorstellen, dass der Grosse Rat den Entscheid gegen das
Frühfranzösisch kippt. Es sei denn, es gelingt der Regierung, die weit
verbreiteten Bedenken zu zerschlagen.» Ursache dieser Bedenken sei aber nicht
die nationale Diskussion, sondern die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des
Entscheids.

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