5. September 2016

Gut gemeint ist nicht gut genug

Die Thurgoviens krebsen zurück. Monatelang hatte sich die politische Nomenklatura des Kantons im Streit um das Frühfranzösische beharrlich gezeigt: Die Landessprache sollte in die Sekundarschule verschoben, den Thurgauer Primarschülern nur noch Englisch unterrichtet werden – ungeachtet der ­Proteste aus der Romandie und Bundesbern.
Jetzt ist der Entscheid wieder infrage gestellt. Regierungsrätin Monika Knill lässt das Kantonsparlament noch einmal über das ­Konzept abstimmen: Die Vernehmlassung des Lehrplans habe ein zu kontroverses Ergebnis gebracht. ­Nominell hält Knill zwar an der Absicht fest, das Französische in der ­Primarschule zu streichen. Heimlich aber wäre wohl mancher vordergründige Befürworter dieses Kurses froh, der Grosse Rat fände auf freund­eid­genössische Pfade zurück.
Leisten wir uns dieses Symbol, Tages Anzeiger, 1.9. Kommentar von Fabian Renz


Zu begrüssen wäre es in der Tat. Es ist kein guter Streit, zu dessen Hauptakteur sich die Thurgauer ­unnötigerweise aufgeschwungen haben. Die pädagogische («Ist Französisch geeignet für Kinder?») und die utilitaristische Debatte («Verlangt die Wirtschaft nach Französisch oder Englisch?») um die Frühfremd­sprachen generierten viel Meinung und kaum Klarheit. Eindeutig ist die Bilanz nur in symbolischer Hinsicht.

Die Westschweiz empfindet die Englisch-Welle in den Deutschschweizer Primarschulen als Erniedrigung. Fraglos hat die traditionelle Priorität des Französischen in unseren Schulzimmern eine eminent symbolische Komponente. Symbolpolitik ist allgemein negativ chiffriert, oft zu Recht. Doch es macht eben einen Unterschied, ob man mit einem Minarett- oder einem Burkaverbot ein Symbol g e g e n oder, wie mit dem Frühfranzösischen, f ü r  eine Minderheit setzt. Französisch in der Schule steht für Gemeinschaft über die Saane-Ufer hinweg. Daran sollten auch jene denken, deren patriotische Regungen primär durch Treicheln und Hornussen stimuliert werden.

Ist der politische Streit beigelegt, beginnt für die Bildungsverantwortlichen die eigentliche Arbeit. Die Resultate des Französischunterrichts sind bedenklich schlecht, seine Ziele verfehlt er bei weitem. Er muss besser werden, oder er wird verschwinden.


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