5. September 2016

Hausaufgaben werden empfohlen

Sie gehören zur Schule wie die Kreide zur Tafel – und doch sorgen sie immer wieder für emotionale Debatten: Hausaufgaben, oder, wie die Schüler sagen, «Ufzgi». Einmal mehr steht die Frage im Raum, ob Hausaufgaben abgeschafft werden sollen: Aktuell bringt der Schweizer Schulleiterverband diese Idee aufs Tapet – und sorgt damit unter Bildungsvertretern für Diskussionen. Das Thema lässt auch Schulbehörden am Obersee nicht kalt. Ob und wie viele Hausaufgaben die Lehrer ihren Schülern aufbrummen sollen, werde immer wieder diskutiert, so der Tenor. Thomas Rüegg, Schulpräsident von Rapperswil-Jona (FDP) sagt, man halte sich an die Empfehlungen des Kantons. Diese bieten den Lehrern grobe Anhaltspunkte. Im aktuellen Lehrplan werden in der 1. und 2. Klasse pro Woche eine Stunde Hausaufgaben empfohlen, in der 3. und 4. Klasse anderthalb, in der 5. und 6. Klasse zwei Stunden. In der Oberstufe schliesslich sind es wöchentlich drei bis vier Stunden.
Warum die "Ufzgi" für Schüler wichtig sind, Zürichsee Zeitung, 3.9. von Ramona Kriese


Rüegg findet: «Hausaufgaben sind sinnvoll.» Dies auch als Mittel zum Dialog zwischen Eltern und Lehrern: Eltern erhalten dadurch einen Einblick, wo ihr Kind schulisch steht und können am Schulalltag Anteil nehmen.

Zwei Lager, zwei Ansichten
Rüegg kennt die Perspektive beider Seiten, von Befürwortern und Gegnern der Hausaufgaben: «Auf der einen Seite stehen Eltern, die froh sind, wenn ihr Kind frei von Pflichten aus der Schule zurückkommt.» Das ist oft der Fall, wenn beide Elternteile berufstätig sind. «Aus Sicht jener Eltern sind Tagesschulen eine ideale Lösung», sagt er. Auf der anderen Seite sind Eltern, die finden, es gehöre dazu, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, skizziert er.

Die Frage, ob Hausaufgaben abgeschafft gehören, siedelt Rüegg bei den Zukunftsvisionen der Schule an. Schon jetzt geht der Trend in Richtung Tagesschulen. Im Vergleich zu den nordeuropäischen Ländern, in denen die ganztägige Kinderbetreuung flächendeckend angeboten wird, stehe man hierzulande aber noch ganz am Anfang. «Erst wenn wir ähnliche Strukturen haben, können wir darüber nachdenken, Hausaufgaben abzuschaffen», sagt er.

Die Langsamen leiden
Dass unter Eltern die Ansichten weit auseinander gehen, beobachtet auch Esther Höfer, Schulleiterin der Primarstufe Südquartier. Bei Elterngesprächen hören die Lehrer eine ganze Bandbreite an Meinungen, schildert sie. Diese reichen von «es dünkt mich schon etwas viel Hausaufgaben, die mein Kind bekommt» bis «es dürften ruhig noch etwas mehr sein». Dies mache es für die Lehrer schwierig, einen Mittelweg zu finden. Auch sei nicht jede Art derHausaufgabe sinnvoll: Sie rät davon ab, dass Schüler zuhause jenen Stoff bearbeiten sollen, für den im Unterricht die Zeit fehlte. Auch als Ufzgi immer nur etwas fertig zu machen, das man in der Klasse nicht abschliessen konnte, sei nicht optimal: «Darunter leiden immer die Gleichen», sagt sie: Nämlich jene, die langsam arbeiten.

Ein gutes Beispiel sei, wenn etwa der Mathematiklehrer sage: Als Hausaufgabe arbeitet jeder 20 Minuten dort im Aufgabenbuch weiter, wo er gerade steht. Somit würden die Schwächsten nicht benachteiligt. Letztlich gebe es aber kein Patentrezept, sagt Höfer. Würde man Hausaufgaben abschaffen, müsse man andere Lösungen suchen, um Kindern zusätzlichen Lernraum zu geben.

So oder so gilt in den Schulen im Linthgebiet, und auch das empfiehlt der Kanton: Keine Hausaufgaben am freien Mittwochnachmittag und übers Wochenende. Man dürfe den Schülern schliesslich nicht die freie Zeit wegnehmen.

Fremdsprachige im Nachteil
Dass nicht alle Kinder daheim Zeit und Unterstützung bei den Hausaufgaben bekommen – der Hauptgrund, weshalb der Schweizer Schulleiterverband Hausaufgaben abschaffen will – sei eine Realität, bekräftigen Pädagogen am Obersee. Für benachteiligte Schüler ist darum die betreute Hausaufgabenzeit verbreitet. Für ein kleines Entgelt können Schüler ihre Aufgaben zusammen mit einem Betreuer lösen und Fragen stellen. Genutzt werde dies vorwiegend von Schülern fremdsprachiger Eltern, sagt Richard Blöchlinger, Schulpräsident von Eschenbach.

Dies zeigt sich an Schulen, an denen es viele Kinder mit Migrationshintergrund hat. Die Primarschule Südquartier in Rapperswil ist ein Beispiel. «Eltern, die Schicht arbeiten müssen und nicht daheim sind, wenn das Kind nach Hause kommt, gibt es einige», sagt Schulleiterin Esther Höfer. Jene Eltern seien froh, wenn ihr Kind seine Aufgaben in der Schule erledigen könne.

Nicht die Freizeit stehlen
Auf der Oberstufe sieht man noch einen anderen Grund, warum Hausaufgaben wichtig sind: «Schüler lernen dadurch, sich die Zeit einzuteilen und selbstständig zu arbeiten», erklärt Luca Eberle, Schulleiter der Oberstufe Rain in Jona. Aus diesem Grund geben die Lehrer auf dieser Stufe die Hausaufgaben in der Regel nicht auf den nächsten Tag auf, sondern erst für ein paar Tage später. So können die Schüler selber abwägen, an welchem Tag sie wie viel erledigen wollen. Den Jugendlichen kommt das entgegen, denn ihre Freizeit sei oft ausgefüllt, sagt Eberle: «Der eine hat am Abend Fussballtraining, der andere Trompetenunterricht.»

Vokabeln pauken
Hinzu kommt: In der Oberstufe sind die Prüfungen komplex, der Stoff anspruchsvoll. Auf Prüfungen zu lernen, auch das zählt zu den Hausaufgaben.

Nicht zuletzt würde bei den Fremdsprachen die Zeit im Unterricht kaum ausreichen, um auf ein gewisses Niveau zu kommen, sagt Eberle: Vokabeln zu büffeln gehöre nunmal zu den Grundlagen, um sich eine Fremdsprache anzueignen. Dies sei etwas, das die Schüler auch zuhause machen müssten.


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