Sie gehören zur Schule
wie die Kreide zur Tafel – und doch sorgen sie immer wieder für emotionale
Debatten: Hausaufgaben, oder, wie die Schüler sagen, «Ufzgi». Einmal mehr steht
die Frage im Raum, ob Hausaufgaben abgeschafft werden sollen: Aktuell bringt
der Schweizer Schulleiterverband diese Idee aufs Tapet – und sorgt damit unter
Bildungsvertretern für Diskussionen. Das Thema lässt auch Schulbehörden am
Obersee nicht kalt. Ob und wie viele Hausaufgaben die Lehrer ihren Schülern
aufbrummen sollen, werde immer wieder diskutiert, so der Tenor. Thomas Rüegg,
Schulpräsident von Rapperswil-Jona (FDP) sagt, man halte sich an die
Empfehlungen des Kantons. Diese bieten den Lehrern grobe Anhaltspunkte. Im
aktuellen Lehrplan werden in der 1. und 2. Klasse pro Woche eine Stunde
Hausaufgaben empfohlen, in der 3. und 4. Klasse anderthalb, in der 5. und 6.
Klasse zwei Stunden. In der Oberstufe schliesslich sind es wöchentlich drei bis
vier Stunden.
Warum die "Ufzgi" für Schüler wichtig sind, Zürichsee Zeitung, 3.9. von Ramona Kriese
Rüegg
findet: «Hausaufgaben sind sinnvoll.» Dies auch als Mittel zum Dialog zwischen
Eltern und Lehrern: Eltern erhalten dadurch einen Einblick, wo ihr Kind
schulisch steht und können am Schulalltag Anteil nehmen.
Zwei Lager, zwei
Ansichten
Rüegg
kennt die Perspektive beider Seiten, von Befürwortern und Gegnern der
Hausaufgaben: «Auf der einen Seite stehen Eltern, die froh sind, wenn ihr Kind
frei von Pflichten aus der Schule zurückkommt.» Das ist oft der Fall, wenn
beide Elternteile berufstätig sind. «Aus Sicht jener Eltern sind Tagesschulen
eine ideale Lösung», sagt er. Auf der anderen Seite sind Eltern, die finden, es
gehöre dazu, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, skizziert er.
Die
Frage, ob Hausaufgaben abgeschafft gehören, siedelt Rüegg bei den
Zukunftsvisionen der Schule an. Schon jetzt geht der Trend in Richtung
Tagesschulen. Im Vergleich zu den nordeuropäischen Ländern, in denen die
ganztägige Kinderbetreuung flächendeckend angeboten wird, stehe man hierzulande
aber noch ganz am Anfang. «Erst wenn wir ähnliche Strukturen haben, können wir
darüber nachdenken, Hausaufgaben abzuschaffen», sagt er.
Die Langsamen leiden
Dass
unter Eltern die Ansichten weit auseinander gehen, beobachtet auch Esther
Höfer, Schulleiterin der Primarstufe Südquartier. Bei Elterngesprächen hören
die Lehrer eine ganze Bandbreite an Meinungen, schildert sie. Diese reichen von
«es dünkt mich schon etwas viel Hausaufgaben, die mein Kind bekommt» bis «es
dürften ruhig noch etwas mehr sein». Dies mache es für die Lehrer schwierig,
einen Mittelweg zu finden. Auch sei nicht jede Art derHausaufgabe sinnvoll: Sie
rät davon ab, dass Schüler zuhause jenen Stoff bearbeiten sollen, für den im
Unterricht die Zeit fehlte. Auch als Ufzgi immer nur etwas fertig zu machen,
das man in der Klasse nicht abschliessen konnte, sei nicht optimal: «Darunter
leiden immer die Gleichen», sagt sie: Nämlich jene, die langsam arbeiten.
Ein
gutes Beispiel sei, wenn etwa der Mathematiklehrer sage: Als Hausaufgabe
arbeitet jeder 20 Minuten dort im Aufgabenbuch weiter, wo er gerade steht.
Somit würden die Schwächsten nicht benachteiligt. Letztlich gebe es aber kein
Patentrezept, sagt Höfer. Würde man Hausaufgaben abschaffen, müsse man andere
Lösungen suchen, um Kindern zusätzlichen Lernraum zu geben.
So
oder so gilt in den Schulen im Linthgebiet, und auch das empfiehlt der Kanton:
Keine Hausaufgaben am freien Mittwochnachmittag und übers Wochenende. Man dürfe
den Schülern schliesslich nicht die freie Zeit wegnehmen.
Fremdsprachige im
Nachteil
Dass
nicht alle Kinder daheim Zeit und Unterstützung bei den Hausaufgaben bekommen –
der Hauptgrund, weshalb der Schweizer Schulleiterverband Hausaufgaben
abschaffen will – sei eine Realität, bekräftigen Pädagogen am Obersee. Für
benachteiligte Schüler ist darum die betreute Hausaufgabenzeit verbreitet. Für
ein kleines Entgelt können Schüler ihre Aufgaben zusammen mit einem Betreuer
lösen und Fragen stellen. Genutzt werde dies vorwiegend von Schülern
fremdsprachiger Eltern, sagt Richard Blöchlinger, Schulpräsident von Eschenbach.
Dies
zeigt sich an Schulen, an denen es viele Kinder mit Migrationshintergrund hat.
Die Primarschule Südquartier in Rapperswil ist ein Beispiel. «Eltern, die
Schicht arbeiten müssen und nicht daheim sind, wenn das Kind nach Hause kommt,
gibt es einige», sagt Schulleiterin Esther Höfer. Jene Eltern seien froh, wenn
ihr Kind seine Aufgaben in der Schule erledigen könne.
Nicht die Freizeit
stehlen
Auf
der Oberstufe sieht man noch einen anderen Grund, warum Hausaufgaben wichtig
sind: «Schüler lernen dadurch, sich die Zeit einzuteilen und selbstständig zu
arbeiten», erklärt Luca Eberle, Schulleiter der Oberstufe Rain in Jona. Aus
diesem Grund geben die Lehrer auf dieser Stufe die Hausaufgaben in der Regel
nicht auf den nächsten Tag auf, sondern erst für ein paar Tage später. So
können die Schüler selber abwägen, an welchem Tag sie wie viel erledigen
wollen. Den Jugendlichen kommt das entgegen, denn ihre Freizeit sei oft
ausgefüllt, sagt Eberle: «Der eine hat am Abend Fussballtraining, der andere
Trompetenunterricht.»
Vokabeln pauken
Hinzu
kommt: In der Oberstufe sind die Prüfungen komplex, der Stoff anspruchsvoll.
Auf Prüfungen zu lernen, auch das zählt zu den Hausaufgaben.
Nicht
zuletzt würde bei den Fremdsprachen die Zeit im Unterricht kaum ausreichen, um
auf ein gewisses Niveau zu kommen, sagt Eberle: Vokabeln zu büffeln gehöre
nunmal zu den Grundlagen, um sich eine Fremdsprache anzueignen. Dies sei etwas,
das die Schüler auch zuhause machen müssten.
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