Der
Sprachunterricht in der Schule kann nicht mehr sein als ein Türöffner für
Mehrsprachigkeit. Die Drohung des Bundesrats, eine zweite Fremdsprache in der
Primarschule zu verordnen, ist überzogen.
![]() |
| Nationale Kohäsion steht nicht auf dem Spiel, Bild: Adrian Baer
Das Leben zählt, nicht die Schule, NZZ, 29.8. Kommentar von Paul Schneeberger
|
Ausgehend von der Debatte um das
Frühfranzösisch in der Schule hat sich die NZZ diesen Sommer mit dem Verhältnis
der beiden grossen Sprachgruppen in der Schweiz auseinandergesetzt. Dabei hat
sich gezeigt, dass dieses nicht nur wegen des Vormarschs des Englischen als
Lingua franca und der durch Migration wachsenden Vielfalt von Muttersprachen
einem Wandel ausgesetzt ist. Eine weitere Erkenntnis bestand darin, dass es
durchaus Konstanten im Austausch zwischen deutsch- und französischsprachigen
Schweizern gibt, die Veränderungen relativieren.
Weil
die Verkehrsverbindungen besser geworden sind, ist Bern nicht mehr die
zweisprachige Bundesstadt von einst. Wer beim Bund arbeitet und
französischer Zunge ist, zieht in der Regel nicht mehr um, sondern pendelt aus
Freiburg, Neuenburg oder Lausanne an die Aare.Umgekehrt
hat im Austausch unter der Bundeskuppel jene Praxis Bestand, gemäss der jeder
Politiker oder Verwaltungsangestellte seine Muttersprache spricht und dabei von
seinen anderssprachigen Gegenübern verstanden wird. Jene raren Bundespolitiker, welche die
andere Landessprache nicht verstehen, sind Ausnahmen von dieser Regel.
Au-Pair
und Armee
In
der nationalen politischen Arena ist also Konstanz zu konstatieren. Anders
verhält es sich mit den Foren, in denen Deutschschweizer und Romands einst
nachhaltig mit der anderen Sprache und Kultur konfrontiert wurden. Die
Zahl der jungen Frauen, die sich den anderen Landesteil als Au-pairs
erschliessen, ist auf wenige hundert pro Jahr geschmolzen. Und die schrumpfende Armee hat als
Transmissionsriemen an Bedeutung verloren. Schliesslich stärkt der Zuzug von
Arbeitnehmern aus Deutschland und Frankreich nicht den Austausch zwischen den
Landesteilen, sondern jenen zwischen diesen und ihren kulturellen
Mutterländern.
Ein verstärkter Austausch über die
Saane hinweg ergibt sich demgegenüber durch zunehmende wirtschaftliche
Verflechtungen. Dazu tragen Konzentrationen in vielen Branchen bei. Das gilt
auch und gerade für die Medienbranche. Hier
ergeben sich auch publizistische Zusammenarbeiten zwischen deutsch- und
französischsprachigen Redaktionen, was dem Nachrichtenfluss über die
Sprachgrenze hinweg zuträglich ist – beispielhaft dafür ist die Pendlerzeitung
«20 Minuten», die in drei Landessprachen erscheint.
In
Summe ist schwer zu beurteilen, ob die Menschen in der Deutsch- und der
Welschschweiz heute noch mehr nebeneinander statt miteinander leben, als sie
das immer schon taten. Die nationale Kohäsion steht jedenfalls längst nicht auf
dem Spiel. Wer von heraufziehenden belgischen Verhältnissen spricht, übt sich
in unverhältnismässiger Dramatik und hat von den völlig anderen historischen
und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Land des permanenten Sprachenstreits an
der Nordsee keine Ahnung. Anders
als dort verlaufen die Binnengrenzen zwischen Sprachen, Gliedstaaten und
Wirtschaftskraft hier nicht parallel, was stabilisierend wirkt.
Nichtsdestoweniger ist der Austausch
zwischen den Sprachregionen auch in der Schweiz eine permanente
Herausforderung. Der
vom Bundesrat angedrohte Eingriff in die kantonale Bildungshoheit durch die
Verordnung von zwei Fremdsprachen in der Primarschule ist dafür allerdings kein
adäquates Mittel. Zieht
man in Betracht, dass der Sprachunterricht in der obligatorischen Schule nicht
mehr sein kann als ein «Türöffner» für Mehrsprachigkeit und ein Vermittler von
Einblicken in andere Kulturen, sind die Bestrebungen der Landesregierung
überzogen.
Leben
anstatt Schule
Reduziert
man diese auf ihre Symbolik, sind sie zudem eine Gefahr für den Sprachenfrieden,
indem sie suggerieren, dessen Zukunft hänge allein vom Beginn des
Fremdsprachenunterrichts ab. Das
im Sprachengesetz formulierte Ziel, dass Kinder am Ende der obligatorischen
Schulzeit Kenntnisse in zwei Fremdsprachen haben müssen, wobei es sich bei
einer um eine Landessprache zu handeln hat, reicht als realistische Grundlage
für das gegenseitige Verständnis aus.Alles, was darüber hinausgeht,
vermittelt ohnehin nicht die Schule, sondern das Leben.
Hier
ist jeder Einzelne und sind alle Institutionen gefordert – vom Bund selber, der
etwa die Interaktion zwischen seinen beiden sich individuell globalisierenden
Hochschulen in Zürich und Lausanne fördern könnte, bis zu privaten Unternehmen,
für die temporäre Aufenthalte ihrer Angestellten in anderen Landesteilen wieder
ein Anliegen werden müssten. Wesentlich ist, dass möglichst breite Kreise das
Potenzial erkennen, das in der genuinen Mehrsprachigkeit der Schweiz liegt und
in der Tatsache, dass sie weltweit als mehrsprachiges Land wahrgenommen wird.
Das lässt sich nicht von oben verordnen. Diese Erkenntnis muss immer aufs Neue
von unten (nach)wachsen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen