19. Februar 2016

Lehrerberuf - eine Übergangslösung

Der Be­ruf des Leh­rers ist be­liebt! Die An­mel­de­zah­len an den Päd­ago­gi­schen Fach­hoch­schu­len stei­gen jähr­lich um bis acht Pro­zent. Vie­le jun­ge Men­schen wol­len auf der Pri­mar- oder Se­kun­dar­schul­stu­fe ar­bei­ten und sind be­reit, ein drei­jäh­ri­ges Stu­di­um an­zu­tre­ten. Be­weist die­se Ent­wick­lung die ho­he At­trak­ti­vi­tät des Lehr­er­be­rufs? Der Schein trügt: Über die Hälf­te der Be­rufs­ein­stei­ger ver­lässt in den ers­ten fünf Jah­ren nach Ab­schluss der ­Aus­bil­dung den Schul­dienst, ein Sechs­tel quit­tiert be­reits im ers­ten Un­ter­richts­jahr und ei­ni­ge tre­ten den Un­ter­richt gar nicht erst an. Sie wen­den sich gleich nach dem Di­plom ei­ner an­de­ren Tä­tig­keit zu. Mit an­de­ren Wor­ten: Bei der Mehr­zahl der Lehr­per­so­nen dau­ert das Stu­di­um län­ger als die Be­rufs­tä­tig­keit. Kann sich der Staat dies leis­ten? Die Aus­bil­dungs­kos­ten sind schwie­rig zu ­be­rech­nen, be­we­gen sich je­doch zwi­schen 120 000 und 150 000 Fran­ken. Geld für ­Men­schen, die nicht wirk­lich in den Be­ruf ­ein­stei­gen? Ver­ständ­lich, dass man die Ur­sa­chen be­he­ben will und die Fach­hoch­schu­lenan ­Stress­tests den­ken. Es wird an­ge­nom­men, dass die Aus­stei­ger den For­de­run­gen des Be­rufs­all­tags nicht ge­wach­sen sind. Ein As­sess­ment soll die Stress­re­sis­tenz klä­ren. Die­ses soll über die Fort­set­zung des Stu­di­ums ent­schei­den. Ist je­doch Stress der Grund, dass jun­ge Men­schen aus­stei­gen?
Der Lehrerberuf: Eine Übergangslösung, Basler Zeitung, 19.2. von Allan Guggenbühl

In­ter­essant ist, was vie­le Stu­die­ren­de im ­Ver­trau­en über ih­re Be­rufs­wahl sa­gen: «Der ­Lehr­er­be­ruf lässt sich mit mei­nen Fa­mi­li­en­plä­nen kom­bi­nie­ren. Dank die­ser Aus­bil­dung er­fah­re ich et­was über Kin­der, kann Teil­zeit ar­bei­ten. Ich bin je­doch nicht si­cher, ob ich nach der Fa­mi­li­en­pau­se wie­der ein­stei­ge.» Ein Gross­teil der Stu­die­ren­den sieht im Lehr­er­be­ruf einen Über­gangs­be­ruf. Bei vier von fünf Stu­die­ren­den auf der Pri­mar- und Vor­schul­stu­fe han­delt es sich um Stu­den­tin­nen. Ein Teil die­ser Stu­den­tin­nen ist nicht pri­mär an ei­ner Kar­rie­re in­ter­es­siert, son­dern sie su­chen nach ei­ner Tä­tig­keit, die sich mit pri­va­ten ­Le­ben­splä­nen ver­bin­den lässt. Bei Män­nern ist dies ten­den­zi­ell we­ni­ger die Fa­mi­li­en­grün­dung, son­dern ei­ne Mu­sik- oder Künst­ler­kar­rie­re. ­Na­tür­lich wä­re es un­ge­schickt, ei­ne sol­che Le­bens­pla­nung ge­gen­über Ver­tre­tern der Hoch­schu­le ein­zu­ge­ste­hen. Als Do­zent er­fährt man von ­die­sen Mo­ti­va­tio­nen spä­ter oder über Um­we­ge. Der Lehr­er­be­ruf wird als Über­gangs­lö­sung ­ver­stan­den. Ei­ne Aus­bil­dung, bei der man zwar viel ar­bei­ten muss, die je­doch mach­bar ist und hilft, ei­ge­ne Le­ben­splä­ne an­zu­stos­sen. Ist es so weit, dann quit­tiert man den Lehr­er­be­ruf.

Ge­gen ei­ne sol­che Le­bens­pla­nung ist nichts ein­zu­wen­den. Vie­le un­ter­rich­ten aus­ser­dem nach ei­ner Ba­by- oder Fa­mi­li­en­pau­se mit ei­nem Teil­zeit­pen­sum. Der or­ga­ni­sa­to­ri­sche Zu­satz­auf­wand ist zwar gross, doch sie blei­ben der Schu­le ­er­hal­ten. Für den Be­ruf des Leh­rers ist die­se ­Ent­wick­lung je­doch fa­tal. Nicht nur wer­den von Steu­er­zah­lern Mil­lio­nen für die An­schub­fi­nan­zie­rung ei­ner ­an­de­ren Tä­tig­keit aus­ge­ge­ben, ­son­dern der Schu­le feh­len Lehr­per­so­nen, die sich über ­län­ge­re Zeit voll ih­rer Ar­beit wid­men, ei­ne ­Kar­rie­re an­stre­ben, po­li­tisch tä­tig sind, ver­tief­te Er­fah­run­gen mit ­Kin­dern sam­meln und in der Öf­fent­lich­keit ­pro­fi­lie­ren. Die we­ni­gen Lehr­per­so­nen, die hoch­pro­zen­tig ar­bei­ten, tra­gen aus­ser­dem einen Gross­teil der Last der Schulad­mi­nis­tra­ti­on, sei es als Schul­lei­ter oder Klas­sen­lehr­per­son.
Ei­gen­ar­tig ist, dass die­se Mo­ti­va­ti­on nicht of­fen dis­ku­tiert wird. Nicht der Stress führt zum Aus­stieg aus dem Be­ruf, son­dern der Wan­del des ­Lehr­er­be­rufs. Die Leh­rer oder Leh­re­rin­nen, die sich über Jah­re dem Be­ruf ver­schrei­ben und meh­re­re Klas­sen­zü­ge be­glei­ten, wur­den zur Ra­ri­tät.


Allan Gug­gen­bühl ist Psy­cho­lo­ge und Au­tor des Bu­ches ­«Ver­ges­se­ne Klug­heit – Wie Nor­men uns am Den­ken hin­dern».

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen