6. April 2015

Berufslehren im Vergleich

Erstmals lassen sich Lehren in einem Raster vergleichen. Damit soll die Berufswahl der Jugendlichen verbessert werden. Einige Kantone wollen die Schüler sogar auf dieser Basis testen.
Das sind die schwierigsten Berufslehren der Schweiz, NZZaS, 5.4. von René Donzé


Anna hat die anspruchsvollste Berufslehre gewählt, die man absolvieren kann. Die junge Frau erstellt Präsentationen für ihren Betrieb, kreiert Werbematerial, pflegt die Website und bereitet den Messeauftritt vor. Sie hält Besprechungen, organisiert Projekte. Mediamatikerin nennt sich ihre vierjährige Ausbildung. Benno hingegen beschäftigt sich vorab mit Maschinen und Anlagen. Er montiert diese, prüft sie und repariert sie auch unter Anleitung von Fachleuten. Meist arbeitet er in einem Team und vor allem mit den Händen. Nach drei Jahren wird Benno seine Lehre als Automatikmonteur absolviert haben. Seine Lehre stellt die niedrigsten Anforderungen aller Berufslehren mit Eidgenössischem Fähigkeitsausweis (EFZ).
Anna und Benno sind virtuelle Lehrlinge, ihre Ausbildungen aber sind real. Sie stehen an der Spitze und am Ende des Rankings, das die «NZZ am Sonntag» vom Büro für Bildungsfragen (BfB) in Thalwil erstellen liess (Grafik unten). Basis bilden die Anforderungsprofile, die das Büro für den Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) und die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) in Zusammenarbeit mit den Berufsorganisationen erarbeitet hat. In dieser Skala können fast alle in der Schweiz angebotenen Berufslehren nach Schwierigkeitsgraden eingestuft werden. «Erstmals sind die Anforderungen der Lehrberufe systematisch erfasst und vergleichbar», sagt SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler. «Damit wurde im Rahmen des Berufsinformationsprozesses ein neues, wichtiges Instrument geschaffen.»

60 Prozent ohne Fremdsprache
Die Profile der Berufe sind im Internet unter www.anforderungsprofile.ch aufgeschaltet. Eine Rangliste gibt es dort nicht, weil man keine Branche vor den Kopf stossen will: «In jedem Beruf gibt es gewisse Fähigkeiten, die besonders wichtig sind», sagt Walter Goetze, Leiter des Büros für Bildungsfragen. Das nun vorliegende Ranking bezieht sich hingegen auf den Mittelwert. Auch ein vermeintlich einfacher Beruf kann in einem Bereich ziemlich hohe Anforderungen stellen. So muss etwa eine Coiffeuse über gute sprachliche Fähigkeiten verfügen, und der Recyclist braucht naturwissenschaftliche Kompetenzen. Selbst der letztplacierte Automatikmonteur und der topgesetzte Mediamatiker berühren sich im Kompetenzbereich «Grössen und Masse».
Wird die Liste nach Fachbereichen sortiert, schwingen andere Berufe obenauf: Nun stehen plötzlich die Buchhändlerin (Sprachkenntnisse), der Physiklaborant (Naturwissenschaften), der Kaufmann E-Profil (Fremdsprachen) und die Konstrukteurin (Mathematik) an der Spitze. Der Mathematikmuffel hingegen geht besser auf der Bühne tanzen - wobei er dort hohe sprachliche Anforderungen erfüllen muss. Wer überhaupt nichts mit Fremdsprachen am Hut hat, der hat eine grosse Auswahl: Rund 60 Prozent aller Berufe verlangen weder eine zweite Landessprache noch Englisch - zum Beispiel die Heimtierpflegerin oder der Fachmann Leder und Textil.

Keine Fächer abwählen
Mit den Anforderungsprofilen wollen die Beteiligten den Jugendlichen die Berufswahl erleichtern. Die Schüler sollen sich besser vorstellen können, was sie in den verschiedenen Berufen können müssen und was nicht. Heute werden je nach Branche bis zu 30 Prozent aller Lehrverhältnisse vorzeitig beendet. Gewerbeverbands-Direktor Bigler hofft, dass mit den Anforderungsprofilen diese Quote gesenkt werden kann: «Wenn der Informationsstand höher ist und das letzte Schuljahr vermehrt als gezielte, schulische Vorbereitung auf die Lehre genutzt wird, sollten sich die Abbrüche reduzieren lassen.»
Hier eröffnet der neue Lehrplan 21 neue Möglichkeiten, weil er nur 80 Prozent der Unterrichtszeit vorgibt, sagt Lehrerverbandspräsident Beat Zemp. Er warnt aber vor einer zu engen schulischen Fokussierung auf die Anforderungen der Berufswelt. Eine Abwahl von Fächern, etwa einer Fremdsprache, wäre problematisch: «Man weiss nie, ob es mit einer Lehre klappt und welche Kompetenzen man eventuell später noch benötigt.» Vielleicht muss ja auch Benno einmal in der Romandie eine Strassenbeleuchtung reparieren.
Genau hier sieht auch Urs Moser, Professor am Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich, eine mögliche Schwierigkeit im Umgang mit den Profilen. «Ob diese mit der Wirklichkeit übereinstimmen, kann heute noch niemand genau sagen.» Es wäre also fatal, wenn ein Schüler aufgrund eines Profils ein Schulfach vernachlässigen würde, um dann später festzustellen, dass er die Fertigkeiten in der Lehre doch braucht. «Man muss die Profile mit Vorsicht geniessen, solange sie nicht validiert sind», sagt Moser.

An einem solchen Realitäts-Check arbeitet er derzeit im Auftrag des Bildungsraums Nordwestschweiz (Aargau, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn). Für diese Kantone entwickelt er ein Testsystem über die ganze Schulzeit und stimmt es in der Oberstufe auf die Anforderungsprofile ab. Um das System zu validieren, werden die Schüler und Lehrlinge über mehrere Jahre begleitet. Das Projekt dauert bis 2018. Auch in anderen Kantonen bestehen Ideen in diese Richtung.

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