17. Januar 2015

Lehrerverband zensuriert Leserbrief

Der Bündner Lehrerverband (LEGR) will nichts wissen von Meinungsvielfalt. In seinem Mitteilungsorgan, dem Bündner Schulblatt, finden sich keine kritischen Artikel zur Kompetenzorientierung des Lehrplans. Ein Mitglied kritisierte diese Haltung in einem Leserbrief. Nach dem ursprünglichen Versprechen, den Leserbrief zu drucken, krebste der Verband dann zurück. 
Verband der Bündner Lehrpersonen bricht sein Wort, Südostschweiz, 17.1. von Denise Alig


Am vergangenen 30. Oktober hat der ehemalige langjährige Churer Sekundarlehrer und «Südostschweiz»-Blogger Fritz Tschudi dem Verband Lehrpersonen Graubünden (Legr) einen Leserbrief für die Dezemberausgabe des «Bündner Schulblattes» zugestellt. Dies, nachdem er vom Legr, dem Herausgeber des «Schulblattes», eine entsprechende
schriftliche Zusage erhalten hatte. «Ich freute mich, dass der Legr in seinem Verbandorgan endlich auch eine reformkritische Stimme zu Wort  kommen lassen würde», sagt Tschudi
heute. Er hatte dem «Bündner Schulblatt» zwei Monate zuvor in einem offenen Brief vorgeworfen, Informationen zu manipulieren («Südostschweiz» vom 22.August). Die Redaktion habe in der Augustausgabe über Kompetenzorientierung gemäss Lehrplan 21 keinen einzigen kritischen Beitrag gebracht, so Tschudis damalige Kritik. Die publizierten Texte trügen «die Handschrift von Hardcore-Vertretern der neuen pädagogischen Doktrin».

Doch die Freude über die Öffnung des «Bündner Schulblattes» auch für Stimmen, die dem Lehrplan 21 kritisch gegenüberstehen, wurde Anfang Dezember, kurz vor Redaktions-schluss, durch einen Brief des Legr arg getrübt. Darin wurde Tschudi beschieden: «Die Redaktion sieht davon ab, Ihr Schreiben zu veröffentlichen.» Der Leserbrief bringe keine wesentlich neuen Informationen, die nicht schon «über den Artikel auf der Frontseite der ‘Südostschweiz’ in Graubünden gut verbreitet wurden», heisst es. Zwar räumte die Redaktion ein, Tschudi die Möglichkeit geboten zu haben, «einen Leserbrief zum Thema
Kompetenzorientierung beziehungsweise zur August-Nummer zu schreiben». Doch, so das «Schulblatt» weiter, «mit Rücksicht auf die Attraktivität der (...) Zeitung werden keine bereits
veröffentlichten Artikel aus Tageszeitungen aufgenommen oder ‘nochmals aufgewärmt’, insbesondere, wenn diese dem Leser und der Leserin keinen Mehrwert beziehungsweise
interessante Zusatzinformationen bringen».

Tschudi ist entsetzt und besorgt zuzugleich. «Das Schreiben der ‘Schulblatt’-Redaktion sei ein weiterer Beweis dafür, dass der Verband Lehrpersonen Graubünden seiner Verpflichtung zu einer ausgewogenen Berichterstattung über aktuelle pädagogische und schulpolitische Themen nicht nachkomme, sagt er. «Der Legr bevorzugt die umstrittene MainstreamPädagogik klar, abweichende Beiträge werden unter den Tisch gewischt, das
kommt einer eigentlichen Zensur gleich», sagt er. Er frage sich, ob der Legr sich seiner grossen Verantwortung bewusst sei. «Der Verband müsste alle Lehrpersonen Graubündens
vertreten und deren Stimme zu bildungspolitischen Fragen nach aussen tragen, wie es dies beispielsweise das Verbandsorgan der Baselbieter Lehrerschaft tut.»

Weiter weist Tschudi darauf hin, dass mehrere Aussagen im Absagebrief der «Schulblatt»-Redaktion wahrheitswidrig seien. Erstens habe der Legr mit seinem anfänglichen Versprechen, den Leserbrief zu drucken, und seiner späten Absage nicht Wort gehalten.
Zweitens habe er von der Redaktion nie die Auflage erhalten, über die Kompetenz-orientierung schreiben zu müssen, einzige Auflage sei die Beschränkung des Textumfangs auf 1500 Zeichen gewesen. Drittens stimme es nicht, dass es sich bei seinem Beitrag für das «Schulblatt» um einen bereits früher veröffentlichten Text gehandelt habe. «Mein Brief enthält durchaus neue Informationen und schon gar nichts Aufgewärmtes.» Besonders
der aufmerksame Blick auf das bisherige Selbstverständnis der Verbandsverantwortlichen sei neu und erfordere eine baldige Debatte. Viertens bezweifelt Tschudi stark, dass sein Brief der Leserschaft keinen Mehrwert bringe. Er findet, ein entsprechendes Urteil könne die «Schulblatt»-Redaktion getrost den Lesern überlassen. Fünftens findet er es stossend,
dass seine im damaligen offenen Brief gestellten Fragen vom Legr immer noch nicht beantwortet wurden.

Die Geschäftsleitung des Verbandes Lehrpersonen Graubünden (Legr) nimmt zur Kritik von Fritz Tschudi Stellung, indem sie auf einen Protokollauszug zur letzten Jahresversammlung
des Legr verweist. Darin heisst es sinngemäss, der Legr habe Tschudis offenen Brief («Südostschweiz» vom 22.August 2014) an der Jahresversammlung offiziell thematisiert
und es habe dazu kein Diskussionsbedarf bestanden. Originaltext aus dem Protokoll:
«Da die 'Südostschweiz' einen Leserbrief zum Lehrplan 21 aufgebauscht hat, fragt Präsident Fabio Cantoni die Delegierten an, ob Diskussionsbedarf besteht zu dem vom
Lehrplan 21 favorisierten Kompetenzmodell. Trotz doppelter Nachfrage wird das Wort nicht gewünscht. Die hart formulierte öffentliche Kritik am Lehrplan 21 und am Legr, der diesen unterstütze, ist folglich bei den aktiven Lehrpersonen kaum Thema und der Lehrplan 21 bewegt innerhalb des Legr keine Emotionen.»

Weiter verweist Präsident Fabio Cantoni gegenüber der «Südostschweiz» im Namen der Geschäftsleitung auf den Brief vom 2. Dezember 2014 an Tschudi (siehe Artikel oben).
Tschudi kontert. «Es geht nicht um den Lehrplan 21», sagt er. Seine noch immer offenen Fragen seien: «Wie geht der Legr mit Meinungsvielfalt, freier Meinungsbildung, mit dem pä-
dagogischen Mainstream und kritischen Einwänden konkret um?» Und: «Was unternimmt er zur Förderung von fundierten und lebendigen Reformdebatten?» Das stets ängstlich
angepasste Verhalten der Verbandsleitung stütze den Verdacht, als verlängerter Arm der Pädagogischen Hochschule Graubünden und der Bildungsadministration dienlich sein
zu wollen, so Tschudi. «Dem Thema gebührt höchste Aufmerksamkeit, weil es am ideellen Selbstverständnis der Verbandsleitung rüttelt.» Tatsache bleibe: Weder im «Schulblatt»
noch auf der Website fänden sich kritische Sachtexte zu Reformdebatten, auch nicht solche namhafter Fachautoren. Publiziert werde grundsätzlich, was der offiziellen Stossrichtung entspreche. Er frage sich, warum sich die Verbandsverantwortlichen dieser Thematik beharrlich verweigerten. 

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