13. Januar 2015

Austausch fördern

Christophe Büchi, Westschweizkorrespondent der NZZ, fordert mehr Engagement des Bundes für Sprachaustauschprogramme. Gerade der "Sprachenstreit" habe den Schüleraustausch zu einem Thema gemacht, in den der Bund und die Kantone investieren sollte.
Schüleraustausch sollte obligatorisch werden, NZZ, 13.1. von Christophe Büchi


Jede Medaille hat zwei Seiten: Es könnte sein, dass das, was in den letzten Monaten unter dem Titel «Schweizer Sprachenstreit» lief, auch positive Folgen hat. Denn da offenbar eine Einigung in der Frage, welche Sprachen in der Primarschule gelehrt werden sollten, schwer erreicht werden kann, sind in den letzten Wochen auch in Bundesbern immer mehr Stimmen laut geworden, die den Austausch von Schülern und Schülerinnen, Lehrlingen und nicht zuletzt auch des Lehrpersonals massiv fördern und den Bund in die Pflicht nehmen wollen. «Endlich», möchte man sagen. Denn es ist in der Tat höchste Zeit, dass in diesem Bereich, über den viel gesprochen wird, der aber nach wie vor weitgehend vom guten Willen von Einzelpersonen und einigen Stiftungen abhängt, etwas Kühnes geschieht.
«Sprachenstreit», 2. Runde
Seit Monaten, ja seit Jahren und Jahrzehnten wird in der Schweiz über die Frage debattiert, welche «Fremdsprachen» in der obligatorischen Schulzeit gelehrt werden sollten. In den 1990er Jahren bildeten sich zwei Lager heraus: ein Lager mit dem Kanton Zürich an der Spitze, das mit dem Englischen anfangen will, und eine Gruppe von Kantonen, die nach wie vor am Primat der Landessprachen festhalten wollen. Da man sich nicht einigen konnte, schlossen die Kantone im Rahmen der EDK (Eidgenössische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren) einen Kompromiss: Die Kantone sollten frei sein, die Reihenfolge festzulegen, aber am Ende der obligatorischen Schulzeit sollte etwa das gleiche Niveau in beiden Fremdsprachen erreicht werden. Zudem wurde festgelegt, dass die erste Fremdsprache spätestens ab dem 3. Schuljahr und die zweite ab dem 5. Schuljahr gelehrt werden sollte. Die Folge war eine Zweiteilung des Landes. Während die welschen Kantone, das Tessin, Graubünden und die Kantone der westlichen Deutschschweiz weiterhin mit einer zweiten Landessprache beginnen, fangen die Kantone der Ostschweiz und der Zentralschweiz sowie Zürich und Aargau mit Englisch an.
Damit könnte die Schweiz wohl leben, das Problem ist nur, dass in mehreren «English first»-Kantonen massiv gegen den Französischunterricht auf Primarstufe mobilgemacht wird. Nun wurden Volksinitiativen unter dem Titel «Zwei Fremdsprachen sind zu viel» zwar in allen Kantonen, wo sie zur Abstimmung gelangten (Schaffhausen, Thurgau, Zug, Zürich), abgelehnt. Aber in den letzten Monaten zeigte es sich, dass die Front damit nur vorübergehend beruhigt war. Im Thurgau beschloss das Kantonsparlament, den Französischunterricht auf die Sekundarschule zu verschieben, in Nidwalden wird demnächst abgestimmt. Und eine Reihe von anderen Kantonen könnte folgen.
Von Anhängern der Landessprachen wurden diese Kantone hart verurteilt. Die nationale Kohäsion sei in Gefahr. Auch Bundesrat Alain Berset hat sich eingeschaltet und angekündigt, dass der Bund einschreiten und kraft seiner subsidiären Kompetenz in Bildungsfragen den Primat der Landessprachen festschreiben könnte. Allerdings wird die Frage, ob er die rechtliche Kompetenz dazu hat, unter Juristen kontrovers diskutiert. Wie auch immer: Eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht, zumindest nicht in naher Zukunft. Ohnehin wäre es besser, man liesse den Kantonen noch Zeit, um eine einvernehmliche Lösung auszuarbeiten, statt nach einer Intervention des Bundes zu rufen, bei der es Sieger und Verlierer gäbe.
Das Grunddilemma in dieser Problematik besteht darin, dass auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen diskutiert wird. Die Verteidiger der Landessprachen argumentieren in erster Linie staatspolitisch: Sie weisen darauf hin, dass es für ein offiziell viersprachiges Land gut sei, wenn möglichst viele Bürger und Bürgerinnen möglichst viele Landessprachen sprächen. Und dass ein Zurückstufen des Französischunterrichts für die stärkste der Minderheiten, die Romands, eine bittere Pille wäre, kann ja schwerlich bezweifelt werden.
Die Gegner und Skeptiker bringen vor allem pädagogische Argumente ins Spiel. Sie argumentieren, dass zwei Fremdsprachen in der Primarschule vor allem die lernschwächeren Schüler übermässig belasteten. Auch das Argument, die Schule sei ohnehin schon zu sprachenlastig, wird immer wieder in die Debatte geworfen. Und schliesslich wird vorgebracht, es sei nicht entscheidend, wann mit einer Fremdsprache begonnen werde, sondern wie intensiv der Unterricht sei. Mithin sei es besser, mit Französisch später zu beginnen, dann aber recht, als früher, aber nur tröpfchenweise. In diesem Punkt bekommen die Skeptiker aus Wissenschaftskreisen mehr und mehr Sukkurs, nachdem lange Zeit das Axiom «je früher anfangen, desto besser» vorherrschend gewesen ist. Überhaupt ist fairerweise zu sagen, dass beide Lager sehr ernstzunehmende Argumente vorbringen können. Es wäre deshalb auch nicht gut, die Diskussion mit einem politischen Entscheid abzuwürgen.
Wie auch immer der «Sprachenstreit» ausgeht: Die nationale Kohäsion hängt nicht vom Fremdsprachenunterricht in der Primarschule ab, darüber sollte Einigkeit herrschen. Es wäre eine masslose Überforderung der Schule, wenn man ihr neben allem anderen auch noch die Pflicht aufbürden wollte, für das gute Einvernehmen zwischen den Sprachengruppen zu sorgen. Kohäsion ist definitiv kein Schulfach.
Die Bildungsbehörden in den Kantonen Thurgau und Nidwalden versichern ja auch, dass sie keineswegs die Notwendigkeit der Landessprachen infrage stellen wollten und dass ihnen der Austausch zwischen den Landesteilen ein Anliegen sei. Sie seien deshalb fest entschlossen, besonders auch den Schüleraustausch zu fördern. Es gibt keinen Grund, diese Versicherungen als Lippenbekenntnisse abzutun.
Das Erfreuliche ist aber, dass nun auch auf bundespolitischer Ebene der Schüleraustausch endlich zu einem Thema wird und die Forderung im Raum steht, dass neben den Kantonen auch der Bund massiv in den Austausch investieren sollte. Natürlich ist es nicht so, dass bisher nichts geschehen wäre. Es gibt viele interessante Austausch-Experimente. Aber diese sind bis jetzt weitgehend der Initiative der Lehrpersonen und Schuldirektoren anheimgestellt, für die dies meistens eine Zusatzbelastung darstellt. Mehr Unterstützung, auch finanzielle, ist gefragt. Wenn man weiss, dass die ch-Stiftung in Solothurn, die im Namen der Kantone den Austausch koordiniert, vom Bund jährlich gerade etwas mehr als eine Million Franken bekommt, will man zwar nicht gerade das zweifelhafte Wort «Peanuts» in den Mund nehmen, aber von einer grossen Kelle kann wirklich nicht gesprochen werden. Zum Glück gibt es eine Reihe von privaten Stiftungen wie die Oertli-Stiftung, die kräftig mitrudern. Aber bei allem Respekt vor Subsidiaritätsprinzip und Milizsystem: Mehr staatliche Hilfe wäre vonnöten.
Obligatorium nicht tabu

Damit aber der Schüleraustausch mehr als eine Minderheitenveranstaltung wird, müsste ernsthaft die Frage eines Obligatoriums gestellt werden. Es ist nicht abwegig zu verlangen, dass jeder Schweizer Schüler und jede Schweizer Schülerin im Verlauf der obligatorischen Schulzeit eine Zeit in einem anderssprachigen Gebiet verbringt und dafür finanziell unterstützt wird. Dass dies mit einigem organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden wäre, liegt auf der Hand. Aber letztlich gilt auch hier: «Für nüd git's nüd.» Der Bund hat Geld auch schon dümmer ausgegeben.

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