9. November 2014

Unwissend oder gerissen?

Am 7. November wurde wieder einmal ein Feuerwerk bildungspolitischer Rhetorik gezündet. Regierungsräte, Chefbeamte und Bildungsexperten präsentierten die überarbeitete Version des LP 21, klopften sich auf die Schulter, sprachen von „Straffung“, „mehr Klarheit“ und natürlich durfte auch strapazierte Wort „Meilenstein“ nicht fehlen. Zu der formativen Eintönigkeit dieser Veranstaltungen gehören jeweils auch immer ein Schuss „Diffamierung“ und eine grössere Kelle „Mahnung“.





Verrenkungs- und Slalomkünstler am Werk, Bild: Sonntagszeitung

Quelle: Sonntagszeitung, 9.11. von Alain Pichard



Die Kritiken werden munter als „Vorurteile“ bezeichnet, Kritiker in das Sammelbecken der Dauerempörten gesteckt.
Als Praktiker habe ich natürlich gelernt, den Voten der Bildungsfachleute zu misstrauen, die einerseits unbegrenzte Möglichkeiten suggerieren, die ohne Belastungsfolgen thematisiert werden, sich andererseits aber schnell ändern können, wenn es die Situation verlangt.
Ein Musterexemplar solch verbaler Verrenkungskünstler ist der oberste Lehrervertreter Beat Zemp: Am 26. Juni 2013 meinte er: «Der neue Lehrplan ist ein Meilenstein und bringt der Schule entscheidende Fortschritte.» Am 22.11.13 mahnte er: Der Lehrplan 21 ist überladen und muss abgespeckt werden.
Einen Monat später (23.12.13) forderte er: Die nachhaltige Entwicklung muss im Lehrplan 21 berücksichtigt werden.“
Und am besagten 7. November 2014 verkündet er wieder: „Ein Meilenstein, Note 51/2“.
Wunderbar auch die rhetorischen Kapriolen der Regierungsräte. Am 30. Mai 2011 verkündete die EDK: «Bund und Kantone verständigen sich auf wenige konkrete und überprüfbare Ziele für das laufende Jahrzehnt.“ Am 26. Juni jubilierte Regierungsrätin Aeppli: „Das ist ein Jahrhundertwerk, welche unsere Schule grundlegend verändern wird“ Am 18. August meinte ihr Kollege und designierter EDK-Präsident Eymann: „Für die Lehrkräfte wird sich gar nichts ändern.“ Gleichzeitig mahnt ein internes Papier der PH Zürich: „Der Unterricht für die Einführung der Kompetenzorientierung ist von grosser Bedeutung. Die Lehrer sind der Schlüssel für die erfolgreiche Umsetzung des ambitionierten Vorhabens.“ Trotzdem meinte Regierungsrat Amsler am 7. November im 10vor10: „Nein, dieser Lehrplan ist keine Schulreform.“
Wunderbar auch die Slalomfahrt in Sachen Frühsprachenunterricht: Nachdem die Bildungsexperten der Öffentlichkeit jahrelang den fragwürdigen Slogan „Je früher je besser“ eingetrichtert haben, gab der bernische Regierungsrat Pulver in einem Bund-Interview bekannt: „Der Französischunterricht wird zurzeit evaluiert.“
Mit anderen Worten: Unsere Bildungsexperten haben eine flächendeckende Reform, die den Kanton Bern alleine 60 Millionen Franken kosten wird, durchgeführt, ohne die Wirksamkeit in Versuchen vorher geprüft und evaluiert zu haben.

All das lässt den Praktiker in der Schulstube zweifeln und vermuten: Entweder wissen diese Leute nicht, wovon sie reden, dann haben wir es mit Ignoranten zu tun. Oder sie wissen genau, wovon sie reden, dann ist ihre Rhetorik Teil der Durchsetzungsstrategie und sie selber gerissene Politiker.

Wie dem auch sei, wir die Praktiker, welche das Memorandum 550gegen550 entworfen haben, werden uns neben Korrekturarbeiten und Unterrichtsvorbereitungen mit der neuen Version des Lehrplans auseinandersetzen müssen. Das tun aber auch viele einfache Leute im Lande, welche sich um die Zukunft unserer Schule Sorgen machen.

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