9. November 2014

Fundamentalopposition ist Gift für die Schulentwicklung

Die Kritik am Lehrplan 21 ist berechtigt. Doch nun bedroht eine Allianz aus konservativen Politikern und reformmüden Lehrern die nötige Entwicklung der Schule. Dagegen muss man sich wehren.

Ist die Opposition gegen den LP21 berechtigt? Bild: de.deutsches-roleplay.wikia.com

Man muss das Lehrplan-Monster zähmen - nicht erschlagen, NZZaS, 9.11. von René Donzé


Stillstand ist Rückschritt. Das gilt für die Schule genauso wie für Firmen, Organisationen und jeden Einzelnen von uns. Wenn Inhalte, Methoden und Ziele des Unterrichtens nicht von Zeit zu Zeit angepasst werden, verpassen die Schulen und damit künftige Generationen den Anschluss an die Realität. Im Bereich der neuen Medien ist das bereits ein Stück weit geschehen - die Digitalisierung erreicht die Klassenzimmer schleppend und ziemlich unkoordiniert. Es liegt weitgehend an der Innovationsfreude der Lehrpersonen, ob und wann die Kinder in den Umgang mit Computern und Tablets eingeführt werden und deren sinnvolle Nutzung verstehen und einüben können.
An diesem Beispiel lässt sich aufzeigen: Es hat durchaus sein Gutes, dass die Bildungsdirektoren der Deutschschweizer Kantone einen gemeinsamen Lehrplan erarbeiten liessen, welcher verbindliche Ziele für alle Schüler vom Kindergarten bis zum Ende der Oberstufe festlegt. Darin wird unter anderem auch vorgeschrieben, alle Kinder müssten mit Computern umgehen lernen und deren Funktionsweise verstehen. Zu diesem Zweck wird Lernzeit zur Verfügung gestellt - wenn diese auch noch immer knapp bemessen ist.
Nicht nur der Informatik wegen braucht eine moderne Schule einen modernen Lehrplan. Der Umgang mit Geld, die berufliche Orientierung, die sexuelle Aufklärung: Das alles sind Themen, die in der Schule Platz finden müssen, da diese Aufgaben je länger, je weniger vom Elternhaus übernommen werden und die Erziehung sowie Betreuung der Kinder zusehends an die Schule delegiert wird. Dies ist leider Realität.
Zudem entwickeln sich parallel zu Gesellschaft, Technologie und Wissen auch Didaktik und Pädagogik. Längst besteht der Unterricht nicht mehr bloss aus Vermittlung von Fakten. Vielmehr geht es darum, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, ihr Wissen anzuwenden, neues Wissen selbständig zu finden oder zu erarbeiten und dieses einzuordnen. Diese Kompetenzorientierung, die im Lehrplan 21 konsequent verfolgt wird, ist vernünftig, solange darob die Inhalte nicht verloren gehen.
Es ist tatsächlich an der Zeit, dass die Kantone die Lehrpläne der Gegenwart anpassen. Die einen haben es nötiger als die anderen. Etwas rückständig kommen die meisten daher. Die Frage ist, ob der Lehrplan 21 als Instrument dazu taugt, die Schule in die Zukunft zu führen. Man darf den Erziehungsdirektoren zugute halten, dass sie die Kritik am ersten Entwurf ernst genommen und in vielen Punkten auch Verbesserungen erzielt haben. Die Lernziele wurden gestrafft, Grundanforderungen gesenkt, Kernwissen klarer definiert, Informatik gestärkt.
Und doch kommt der Lehrplan noch immer monströs daher. Er ist ein 470 Seiten starkes Werk von sehr hohem Detaillierungsgrad. Er geht weit über die von der Bundesverfassung angestrebte Harmonisierung der Schule hinaus. Der Lehrplan 21 ist inhaltlich zwar ein Fortschritt, formal hingegen ein zu starres Korsett, das individuelle Schulentwicklung erschwert: Was der träge Lehrer nötig hat, nämlich klare und detaillierte Vorgaben, verdirbt dem engagierten die Laune.
Alles in allem aber braucht die Schule Entwicklung, und der Lehrplan 21 zwingt sie dazu. Das darf bei allem Lamentieren über den Almanach, welcher von den Experten im stillen Kämmerlein zusammengestellt worden ist, nicht vergessen werden. So schlecht ist das Ding auch wieder nicht. Es wurde einfach zu dick aufgetragen. Nicht nur in Sachen Regelungsdichte, sondern auch in Bezug auf die Inhalte bürdet er den Schulen Neues auf, ohne auf Altes zu verzichten. Mit Recht darf man sich also fragen, wie das gehen soll, ohne dass mehr Zeit und Geld für den Unterricht zur Verfügung gestellt werden. Vergleicht man den Stoff, den ein Kind vor 50 Jahren bis zur sechsten Klasse lernen sollte, mit den Kompetenzen, die es heute Ende der Primarschule vorweisen soll, kann einem leicht schwindlig werden. Fortschritt heisst auch loslassen können.
Nun müssen die Kantone den Lehrplan ja nicht tel quel übernehmen. Sie können ihn anpassen und ausdünnen, damit die Lehrer ihre Freiräume behalten und die Schüler unter dem Stoffdruck nicht ersticken. Es ist zu hoffen, dass hier Korrekturen geschehen. Und zuletzt liegt es immer noch an den Lehrern, die Spreu vom Weizen zu trennen und sich weiterhin auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Werk liegt nun vor, es gilt, das Beste daraus zu machen.

Gift für die Schulentwicklung ist hingegen die Fundamentalopposition, die in mehreren Kantonen den Lehrplan zum Politikum erklärt hat. Oft ist diese weniger von der Sorge ums Kindeswohl geleitet als vom politischen Kalkül: Mit Bildungspolitik lassen sich gut Stimmen holen; das haben bürgerlich-konservative Partien gemerkt. Auch die Opposition aus Lehrerkreisen ist nicht immer nur fachlich begründet: Viele sind es einfach müde, sich ständig neuen Herausforderungen stellen zu müssen. Doch Bequemlichkeit ist kein Argument. Was nun droht, sind Parlamentsdebatten und Abstimmungen über ein Instrument, das von Fachleuten für Fachleute gemacht wurde. Es ist nicht sinnvoll, wenn die Öffentlichkeit in allen Details über Fächer, Stundenpläne, Lerninhalte und -ziele abstimmt. Im besten Fall resultiert ein Wunschzettel, im schlechtesten kommt es zur Blockade. Beides sollten wir den Kindern nicht zumuten.

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