Bildung ist
käuflich, das ist eine Binsenwahrheit. Wer nach Paris geht und Französisch
lernt, kann zwar die Sprache, muss aber dafür bezahlen. Wer sich weiterbildet
und nicht das Glück hat, dass ihm der
Arbeitgeber alles zahlt, muss Geld
hinblättern und den Verdienstausfall tragen. Dafür winken bessere Chancen auf
einen beruflichen Aufstieg. Das finden alle gut und gerecht, auch wenn
sich ein junger Familienvater oder eine alleinerziehende Mutter das
nicht leisten kann, weil sie das Geld oder die Zeit nicht übrig
haben.
Investitionen in die Zukunft der Kinder sind doch positiv, Sonntagszeitung, 9.11. von Arthur Rutishauser
Und
wenn die Mütter oder Väter ihre Kinder in Förderlager für Tennis oder
Fussball stecken, sie unter den wachsamen Augen der Eltern drei-, viermal die
Woche trainieren lassen, dann redet niemand von Überforderung,
sondern man hofft auf eine neue Martina Hingis oder einen neuen Roger Federer.
Wenn aber
Eltern Geld aufwenden, um ihren Kindern eine humanistische Bildung zu
ermöglichen, soll das ein Grund zur Sorge sein. Dann
sehen die meist studierten Bildungspolitiker die Chancengleichheit in Gefahr,
und man singt das hohe Lied vom dualen Bildungssystem, das doch angeblich jedem
offenstehe. Natürlich ist es eine Errungenschaft des Schweizer Bildungssystems,
dass man auch über eine Lehre zu
einem guten Job kommt. Es ist auch eine Errungenschaft, dass in der Schweiz die
Arbeitslosigkeit viel tiefer ist als in Ländern mit deutlich höheren
Maturitätsraten wie Italien und Spanien. Doch wenn sich bei jedem
dritten Kind die Eltern dazu entscheiden, das Geld für die Nachhilfe
aufzuwerfen, könnte man das ja auch als Investitionen in die Zukunft der
Kinder sehen. Für die meisten Kinder ist das doch gut, denn wer mehr
lernt, kann mehr. Die Gefahr der Überforderung wegen ein paar
Zusatzstunden ist bei einer Fünftagewoche mit zwei freien Nachmittagen meist
nicht akut.
Oder man könnte sich fragen, was denn an den
öffentlichen Schulen fehlt, wenn es flächendeckend dazu kommt, dass die
Eltern in zusätzliche private Angebote investieren.
Dass die
Nachhilfe-Quote im 8. und 9. Schuljahr so zugenommen hat, hat eben
auch damit zu tun, dass in den zunehmend integrierten Sekundarklassen die
besseren Schüler oft nichts mehr lernen, weil sich die Lehrer viel
zu stark um die Problemfälle kümmern müssen. Dort wird massiv Geld
in Schulpsychologen und Lernhilfe investiert, viel mehr als in die
Gymivorbereitung. Man ist versucht zu fragen, ob es nicht besser wäre, wenn
sich all die intelligenten Leute, die einen 470 Seiten dicken Lehrplan mit
2304 Kompetenzen entwickeln, der sowieso in der Praxis kaum grossen
Nutzen bringt, sich damit beschäftigen würden, wie man in den
Klassen ein Lernklima schafft, das die Nachhilfestunden überflüssig macht.
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