9. November 2014

Über die Chanchengerechtigkeit

Bildung ist käuflich, das ist eine Binsenwahrheit. Wer nach Paris geht und Französisch lernt, kann zwar die Sprache, muss aber dafür bezahlen. Wer sich weiterbildet und nicht das Glück hat, dass ihm der Arbeitgeber alles zahlt, muss Geld hinblättern und den Verdienstausfall tragen. Dafür winken bessere Chancen auf einen beruflichen Aufstieg. Das finden alle gut und gerecht, auch wenn sich ein junger Familienvater oder eine alleinerziehende Mutter das nicht leisten kann, weil sie das Geld oder die Zeit nicht übrig
haben. 
Investitionen in die Zukunft der Kinder sind doch positiv, Sonntagszeitung, 9.11. von Arthur Rutishauser

Und wenn die Mütter oder Väter ihre Kinder in Förderlager für Tennis oder Fussball stecken, sie unter den wachsamen Augen der Eltern drei-, viermal die Woche trainieren lassen, dann redet niemand von Überforderung, sondern man hofft auf eine neue Martina Hingis oder einen neuen Roger Federer.

Wenn aber Eltern Geld aufwenden, um ihren Kindern eine humanistische Bildung zu ermöglichen, soll das ein Grund zur Sorge sein. Dann sehen die meist studierten Bildungspolitiker die Chancengleichheit in Gefahr, und man singt das hohe Lied vom dualen Bildungssystem, das doch angeblich jedem offenstehe. Natürlich ist es eine Errungenschaft des Schweizer Bildungssystems, dass man auch über eine Lehre zu einem guten Job kommt. Es ist auch eine Errungenschaft, dass in der Schweiz die Arbeitslosigkeit viel tiefer ist als in Ländern mit deutlich höheren Maturitätsraten wie Italien und Spanien. Doch wenn sich bei jedem dritten Kind die Eltern dazu entscheiden, das Geld für die Nachhilfe aufzuwerfen, könnte man das ja auch als Investitionen in die Zukunft der Kinder sehen. Für die meisten Kinder ist das doch gut, denn wer mehr lernt, kann mehr. Die Gefahr der Überforderung wegen ein paar Zusatzstunden ist bei einer Fünftagewoche mit zwei freien Nachmittagen meist nicht akut. 

Oder man könnte sich fragen, was denn an den öffentlichen Schulen fehlt, wenn es flächendeckend dazu kommt, dass die Eltern in zusätzliche private Angebote investieren.
Dass die Nachhilfe-Quote im 8. und 9. Schuljahr so zugenommen hat, hat eben auch damit zu tun, dass in den zunehmend integrierten Sekundarklassen die besseren Schüler oft nichts mehr lernen, weil sich die Lehrer viel zu stark um die Problemfälle kümmern müssen. Dort wird massiv Geld in Schulpsychologen und Lernhilfe investiert, viel mehr als in die Gymivorbereitung. Man ist versucht zu fragen, ob es nicht besser wäre, wenn sich all die intelligenten Leute, die einen 470 Seiten dicken Lehrplan mit 2304 Kompetenzen entwickeln, der sowieso in der Praxis kaum grossen Nutzen bringt, sich damit beschäftigen würden, wie man in den Klassen ein Lernklima schafft, das die Nachhilfestunden überflüssig macht.

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