"Auch ein IQ-Test lässt sich trainieren", Bild: Sonntagszeitung
"Man muss leider sagen, dass ein Teil der Bildung käuflich ist", Sonntagszeitung, 9.11. von Nadja Pastega
Herr Wolter, Sie haben untersucht, wie
viele Oberstufenschüler Nachhilfe nehmen. Was hat Sie am meisten überrascht?
Wie stark das
angestiegen ist. Die Nachhilfequote in der 8. und 9.Klasse ist von knapp
30 auf 34 Prozent gestiegen. Das klingt nach wenig, aber wir reden
hier von drei Jahren! Das ist ein enormer Anstieg und entspricht einer
Steigerung um über 10 Prozent.
Vor allem gute Schüler bei den Acht-
und Neuntklässlern nehmen Nachhilfe. Auf den ersten Blick
absurd.
Auch gute
Schüler kommen heute nicht mehr unbedingt ins Gymnasium. In Kantonen mit einer
tiefen Maturitätsquote gibt es einen grossen Wettbewerb,
meist auch noch eine Aufnahmeprüfung. Von den vier Besten in
einer Klasse schaffen es vielleicht nur die drei Ersten.
Macht Ihnen der Boom bei der bezahlten
Nachhilfe Sorgen?
Ja. Wir haben
bisher immer mit einem milden Lächeln auf asiatische Länder
geblickt. Dort gehen die Kinder am Morgen in die Schule und am Nachmittag in
die Nachhilfe. In Korea nehmen 100 Prozent der Schüler Nachhilfe in Anspruch.
Der Übertritt in eine höhere Schule ist dort nicht möglich, wenn
man nicht zur Elite gehört. Das führt zu einem kontinuierlichen Wettbewerb
unter den Schülern. In China ist das auch so, vor Mitternacht
kommen diese Kinder nicht ins Bett.
Von solchen Zuständen ist die Schweiz
noch weit entfernt.
Ja, aber für
gewisse Schüler geht die Entwicklung in die gleiche Richtung. Die Zahlen
zeigen, dass ein beachtlicher Teil der Schüler in der Schweiz ein
ähnliches Phänomen erlebt. Das ist sicher nicht gut. Schon gar nicht für
die Schüler selber.
Wer ist schuld? Versagt die Schule?
Nicht
unbedingt. Bei Schülern, die lange in die Nachhilfe gehen, ist es wohl eher ein
Elternproblem.
Inwiefern?
Es gibt
Eltern, die mit dem Leistungsniveau ihres Kindes, das es auf natürliche Weise
erbringen würde, nicht zufrieden sind. Sie wollen es auf ein anderes
Leistungsniveau hinaufpushen, wo es eigentlich gar nicht hingehört.
Nützt Nachhilfe überhaupt?
Kurzfristig
sicher, wenn es sich um sporadische Nachhilfe handelt, wenn man zum
Beispiel einen bestimmten Stoff nicht verstanden hat. Bei regelmässigem Hochfrequenzunterricht,
also wenn man viele Nachhilfelektionen über eine lange Zeit nimmt, ist die
Wirkung sogar eher negativ.
Wie ist das zu erklären?
Es kann dazu
führen, dass die Schüler ihre eigenen Lernanstrengungen reduzieren
und sich zudem die Lösung einer Aufgabe nicht mehr selber überlegen.
Das heisst, sie entwickeln keine eigenen Lernstrategien mehr. Die Folge ist
eine Verschlechterung, weil die Schüler weniger lernen und neue Probleme
nicht selber lösen können. Wenn es um
die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium geht, kann man sich aber mit
Nachhilfe gezielt darauf vorbereiten. Wer die Mittel dazu nicht hat,
bleibt unter Umständen auf der Strecke. Ja, man muss leider sagen, dass ein
Teil der Bildung käuflich ist.
Was muss man tun, um die
Chancengleichheit wieder herzustellen?
Man müsste
ein beschränktes staatliches Nachhilfeangebot vor dem Übertritt ins
Gymnasium zur Verfügung stellen. Dort könnten die Schüler einen bestimmten
Stoff, den sie nicht verstanden haben, aufarbeiten. Ein solches
staatliches Angebot würde dafür sorgen, dass alle gleich lange Spiesse bei der
Aufnahmeprüfung haben. Das würde die Chancengerechtigkeit erhöhen.
Führt privat bezahlte Nachhilfe dazu,
dass heute zum Teil Schüler im Gymnasium sind, die dort nicht
hingehören?
Das ist
sicher der Fall. Das Problem stellt sich aber auch in jenen Kantonen mit hohen
Maturitätsquoten, die keine Aufnahmeprüfung kennen. Auch dort
gibt es Schüler in den Gymnasien, die dort nichts verloren haben.
Es wurde bereits die Forderung nach
IQ-Tests laut. Sinnvoll?
Man kann sich
auch auf diese Tests vorbereiten. Ich habe schon von Eltern gehört, die ihr
Kind als hochbegabt einstufen lassen wollen. Die Kantonsbehörde
sagt «Nein, das Kind ist nicht hochbegabt». Dann geht es zum
IQ-Test. Auch der sagt, keine Hochbegabung. Dann kommen Psychologen,
die den Eltern sagen, sie sollen einfach viermal kommen, mit der Zeit
wisse man, wie man einen solchen IQ-Test ausfüllen müsse. Das bringt
also nur etwas, wenn man es unangekündigt einsetzt. Wenn die Schüler
wissen, dass ein Intelligenztest kommt, können sie auch das trainieren.

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