9. November 2014

"Man muss leider sagen, dass ein Teil der Bildung käuflich ist"

Studienautor und Bildungsforscher Stefan Wolter über Chancengerechtigkeit und ehrgeizige Eltern.



"Auch ein IQ-Test lässt sich trainieren", Bild: Sonntagszeitung

"Man muss leider sagen, dass ein Teil der Bildung käuflich ist", Sonntagszeitung, 9.11. von Nadja Pastega


Herr Wolter, Sie haben untersucht, wie viele Oberstufenschüler Nachhilfe nehmen. Was hat Sie am meisten überrascht?
Wie stark das angestiegen ist. Die Nachhilfequote in der 8. und 9.Klasse ist von knapp 30 auf 34 Prozent gestiegen. Das klingt nach wenig, aber wir reden hier von drei Jahren! Das ist ein enormer Anstieg und entspricht einer Steigerung um über 10 Prozent.
Vor allem gute Schüler bei den Acht- und Neuntklässlern nehmen Nachhilfe. Auf den ersten Blick absurd.
Auch gute Schüler kommen heute nicht mehr unbedingt ins Gymnasium. In Kantonen mit einer tiefen Maturitätsquote gibt es einen grossen Wettbewerb, meist auch noch eine Aufnahmeprüfung. Von den vier  Besten in einer Klasse schaffen es vielleicht nur die drei Ersten.
Macht Ihnen der Boom bei der bezahlten Nachhilfe Sorgen?
Ja. Wir haben bisher immer mit einem milden Lächeln auf asiatische Länder geblickt. Dort gehen die Kinder am Morgen in die Schule und am Nachmittag in die Nachhilfe. In Korea nehmen 100 Prozent der Schüler Nachhilfe in Anspruch. Der Übertritt in eine höhere Schule ist dort nicht möglich, wenn man nicht zur Elite gehört. Das führt zu einem kontinuierlichen Wettbewerb unter den Schülern. In China ist das auch so, vor  Mitternacht kommen diese Kinder nicht ins Bett.
Von solchen Zuständen ist die Schweiz noch weit entfernt.
Ja, aber für gewisse Schüler geht die Entwicklung in die gleiche Richtung. Die Zahlen zeigen, dass ein beachtlicher Teil der Schüler in der Schweiz ein ähnliches Phänomen erlebt. Das ist sicher nicht gut. Schon gar nicht für die Schüler selber.
Wer ist schuld? Versagt die Schule?
Nicht unbedingt. Bei Schülern, die lange in die Nachhilfe gehen, ist es wohl eher ein Elternproblem.
Inwiefern?
Es gibt Eltern, die mit dem Leistungsniveau ihres Kindes, das es auf natürliche Weise erbringen würde, nicht zufrieden sind. Sie wollen es auf ein anderes Leistungsniveau hinaufpushen, wo es eigentlich gar nicht hingehört.
Nützt Nachhilfe überhaupt?
Kurzfristig sicher, wenn es sich um sporadische Nachhilfe handelt, wenn man zum Beispiel einen bestimmten Stoff nicht verstanden hat. Bei regelmässigem Hochfrequenzunterricht, also wenn man viele Nachhilfelektionen über eine lange Zeit nimmt, ist die Wirkung sogar eher negativ.
Wie ist das zu erklären?
Es kann dazu führen, dass die Schüler ihre eigenen Lernanstrengungen reduzieren und sich zudem die Lösung einer Aufgabe nicht mehr selber überlegen. Das heisst, sie entwickeln keine eigenen Lernstrategien mehr. Die Folge ist eine Verschlechterung, weil die Schüler weniger lernen und neue Probleme nicht selber lösen können. Wenn es um die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium geht, kann man sich aber mit Nachhilfe gezielt darauf vorbereiten. Wer die Mittel dazu nicht hat, bleibt unter Umständen auf der Strecke. Ja, man muss leider sagen, dass ein Teil der Bildung käuflich ist.
Was muss man tun, um die Chancengleichheit wieder herzustellen?
Man müsste ein beschränktes staatliches Nachhilfeangebot vor dem Übertritt ins Gymnasium zur Verfügung stellen. Dort könnten die Schüler einen bestimmten Stoff, den sie nicht verstanden haben, aufarbeiten. Ein solches staatliches Angebot würde dafür sorgen, dass alle gleich lange Spiesse bei der Aufnahmeprüfung haben. Das würde die Chancengerechtigkeit erhöhen.
Führt privat bezahlte Nachhilfe dazu, dass heute zum Teil Schüler im Gymnasium sind, die dort nicht hingehören?
Das ist sicher der Fall. Das Problem stellt sich aber auch in jenen Kantonen mit hohen Maturitätsquoten, die keine Aufnahmeprüfung kennen. Auch dort gibt es Schüler in den Gymnasien, die dort nichts verloren haben.
Es wurde bereits die Forderung nach IQ-Tests laut. Sinnvoll?
Man kann sich auch auf diese Tests vorbereiten. Ich habe schon von Eltern gehört, die ihr Kind als hochbegabt einstufen lassen wollen. Die Kantonsbehörde sagt «Nein, das Kind ist nicht hochbegabt». Dann geht es zum IQ-Test. Auch der sagt, keine Hochbegabung. Dann kommen Psychologen, die den Eltern sagen, sie sollen einfach viermal kommen, mit der Zeit wisse man, wie man einen solchen IQ-Test ausfüllen müsse. Das bringt also nur etwas, wenn man es unangekündigt einsetzt. Wenn die Schüler wissen, dass ein Intelligenztest kommt, können sie auch das trainieren.

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