9. November 2014

Stützunterricht für jeden Dritten

Notenstress, Leistungsdruck, ehrgeizige Eltern: Im Gerangel um einen Platz am Gym- nasium müssen immer mehr Schweizer Schüler nach Unterrichtsschluss die Schulbank drücken. 63000 Schweizer Jugendliche nahmen in den letzten beiden Schuljahren bezahlte Nachhilfe in Anspruch – 7000 mehr als vor drei Jahren. Das zeigt eine noch unveröffent-lichte Erhebung der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Die Daten der Bildungsforscher stammen aus einer nationalen Pisa-Zusatzbefragung, die 2012 bei 14543 Schülern der 8. und 9.Klasse durchgeführt wurde. Sie zeigt: Um den Notenschnitt zu polieren, lassen Eltern nichts unversucht. Sie organisieren für den Nachwuchs Nach-hilfe – und zahlen dafür.




Rasanter Anstieg der Nachhilfestunden, Bild: Fotolia

Nach Schulschluss fängt das Büffeln erst richtig an, Sonntagszeitung, 9.11. von Nadja Pastega

Bereits 34 Prozent der Acht- und Neuntklässler helfen mit professionellem Stützunterricht nach – also jeder dritte. Und das nicht nur einmal, die meisten sitzen regelmässig im Lernkurs. Bei der Nachhilfequote, registrieren die Studienautoren besorgt, gab es in den letzten drei Jahren «eine Steigerung um 10 Prozent». Wächst die Quote in diesem Tempo weiter, machen in sechs Jahren schon 40 Prozent der Oberstufenschüler Überstunden. Die meisten Abc-Schützen mit bezahltem Stützunterricht kommen aus «privilegiertem Elternhaus», hält die Pisa-Untersuchung fest. Also aus Familien mit hohem Einkommen. «Ein Teil der Bildung ist käuflich»
sagt denn auch Studienautor Stefan Wolter, Geschäftsführer bei der SKBF.

Für jedes neunte Kind ist Nachhilfe ein Dauerzustand Der Ehrgeiz ist meist gross, die Sorgen sind es auch. Man fürchtet, das Kind werde es im Arbeitsleben schwer haben ohne Matur. Kein Aufwand wird gescheut, damit es der eigene Nachwuchs weit bringt. Zum Beispiel mit einem Gymi-Vorbereitungskurs für 1000 bis 3800 Franken
im Lernstudio. Für das Notendoping auf der Oberstufe blättern Eltern in der Schweiz pro Jahr «100 bis 300 Millionen Franken» hin, schätzt Bildungsökonom Wolter.

Für viele Schüler wird die Nachhilfe zum Dauerzustand. Erstmals haben die Studienautoren berechnet, wie viele der Acht- und Neuntklässler bereits früher nachsitzen. Der erschreckende Befund: 12 Prozent sind notorische Nachhilfekunden. «Jeder achte Schüler ist ein Dauernachhilfebezüger“, sagt Wolter. «Wenn Nachhilfe zur permanenten Begleitform der Schule wird, läuft etwas gewaltig schief.»

Am Ende der Primarschule werden die Schüler zum ersten Mal sortiert: Sekundarschule A, B, C oder Langzeitgymnasium – es ist die erste wichtige Weichenstellung für den weiteren Schul- und Berufsweg. Und so werden auch hier fleissig Nachhilfestunden gebucht und Lernkurse belegt. Aber nie sind es so viele wie am Ende der obligatorischen Schulzeit, in der 8. und 9.Klasse – wenn mit dem vierjährigen Kurzzeitgymnasium die letzte Chance auf höhere Bildungsweihen winkt.
Dabei sind es längst nicht mehr nur schulische Bruchpiloten, die in den bezahlten Stützunterricht gehen. Auch Heerscharen von guten Schülern, die keine Nachhilfe brauchen, strömen ins schulische Sondersetting. Der Grund: Vor allem in Kantonen mit tiefer Maturitätsquote wie Zürich oder Aargau herrscht ein starker Wettbewerb um die knappen Plätze an den Gymnasien, halten die Bildungsforscher in ihrem Bericht fest: «Es reicht nicht, gut zu sein – man muss besser sein als die anderen.»

Weiter verschärft wird die Konkurrenz durch die Zuwanderer. Am meisten wird Mathe-Nachhilfe gebüffelt, das gilt für Migranten und Schweizer. Doch Ausländer gehen deutlich häufiger zusätzlich in ein Grammatik- und Aufsatztraining – auch wenn sie nicht fremdsprachig sind, wie etwa die Deutschen in der Deutschschweiz. Dahinter, weiss Studienautor Wolter, steht die Skepsis der Einwanderer gegenüber der dualen Berufsbildung in der Schweiz – und der Wunsch, die Kinder in eine allgemeinbildende Schule wie das Gymnasium zu schicken.

Im Gymnasium sitzen zunehmend Schüler, die dort nicht hingehören. Dort verfolgt man den Boom bei der bezahlten Nachhilfe mit Sorge. Das Bestehen der Aufnahmeprüfung könne man bis zu einem gewissen Grad «erkaufen», sagt Daniel Reichmuth, Rektor am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich: «Um die Chancengleichheit sicherzustellen, braucht es an den Volksschulen kostengünstige Vorbereitungskurse.» Für die Schüler, die den Sprung ins Gymnasium geschafft und die Probezeit überstanden haben, bietet Reichmuth an seiner Schule eine Coachingbörse an – ein preiswertes Nachhilfeangebot. Doch das bezahlte Notendoping hat Folgen für die Gymnasien: In den Schulzimmern sitzt inzwischen eine beachtliche Zahl von Schülern, die dort nicht hingehören, hat ETH-Professorin Elsbeth Stern mit IQ-Tests an 142 Schweizer Gymnasiasten herausgefunden. Die Sprachlastigkeit der Schule und der Aufnahmetest führe ausserdem dazu, dass oft Mathebegabte Buben durch die Maschen im Bildungssystem fielen.

Zu diesem Ergebnis kommen auch die Autoren der Pisa-Erhebung. Ihre Studie zeigt: Mädchen nehmen mehr Nachhilfeunterricht als Buben. Wenn sie sprachlich begabt sind, bügeln sie Mathe-Schwächen mit Privatunterricht aus, um ins Gymnasium zu kommen. Buben, die gut in Mathe sind und dafür im Sprachunterricht ins Trudeln geraten, pfeifen oft auf den Lernzusatz – statt sich durch zusätzlichen Grammatikunterricht zu quälen, machen sie lieber gleich eine technische Berufsausbildung. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen