Notenstress,
Leistungsdruck, ehrgeizige Eltern: Im Gerangel um einen Platz am
Gym- nasium müssen immer mehr Schweizer Schüler nach Unterrichtsschluss die
Schulbank drücken. 63000 Schweizer Jugendliche nahmen in den letzten beiden
Schuljahren bezahlte Nachhilfe in Anspruch – 7000 mehr als vor drei Jahren. Das
zeigt eine noch unveröffent-lichte Erhebung der Schweizerischen
Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Die Daten der
Bildungsforscher stammen aus einer nationalen Pisa-Zusatzbefragung, die 2012
bei 14543 Schülern der 8. und 9.Klasse durchgeführt wurde. Sie zeigt: Um den
Notenschnitt zu polieren, lassen Eltern nichts unversucht. Sie organisieren für
den Nachwuchs Nach-hilfe – und zahlen
dafür.
Rasanter Anstieg der Nachhilfestunden, Bild: Fotolia
Nach Schulschluss fängt das Büffeln erst richtig an, Sonntagszeitung, 9.11. von Nadja Pastega
Bereits 34
Prozent der Acht- und Neuntklässler helfen mit professionellem Stützunterricht
nach – also jeder dritte. Und das nicht nur einmal, die meisten sitzen
regelmässig im Lernkurs. Bei der Nachhilfequote, registrieren die
Studienautoren besorgt, gab es in den letzten drei Jahren «eine Steigerung um
10 Prozent». Wächst die Quote in diesem Tempo weiter, machen in sechs Jahren
schon 40 Prozent der Oberstufenschüler Überstunden. Die meisten Abc-Schützen
mit bezahltem Stützunterricht kommen aus «privilegiertem Elternhaus», hält die
Pisa-Untersuchung fest. Also aus Familien mit hohem Einkommen. «Ein Teil der
Bildung ist käuflich»
sagt denn
auch Studienautor Stefan Wolter, Geschäftsführer bei der SKBF.
Für jedes
neunte Kind ist Nachhilfe ein Dauerzustand Der Ehrgeiz ist meist gross, die
Sorgen sind es auch. Man fürchtet, das Kind werde es im Arbeitsleben schwer
haben ohne Matur. Kein Aufwand wird gescheut, damit es der eigene Nachwuchs
weit bringt. Zum Beispiel mit einem Gymi-Vorbereitungskurs für 1000 bis 3800
Franken
im
Lernstudio. Für das Notendoping auf der Oberstufe blättern Eltern in der
Schweiz pro Jahr «100 bis 300 Millionen Franken» hin, schätzt Bildungsökonom
Wolter.
Für viele
Schüler wird die Nachhilfe zum Dauerzustand. Erstmals haben die Studienautoren
berechnet, wie viele der Acht- und Neuntklässler bereits früher nachsitzen. Der
erschreckende Befund: 12 Prozent sind notorische Nachhilfekunden. «Jeder achte
Schüler ist ein Dauernachhilfebezüger“, sagt Wolter. «Wenn Nachhilfe zur
permanenten Begleitform der Schule wird, läuft etwas gewaltig schief.»
Am Ende der
Primarschule werden die Schüler zum ersten Mal sortiert: Sekundarschule A, B, C
oder Langzeitgymnasium – es ist die erste wichtige Weichenstellung für den
weiteren Schul- und Berufsweg. Und so werden auch hier fleissig
Nachhilfestunden gebucht und Lernkurse belegt. Aber nie sind es so viele wie am
Ende der obligatorischen Schulzeit, in der 8. und 9.Klasse – wenn mit dem
vierjährigen Kurzzeitgymnasium die letzte Chance auf höhere Bildungsweihen
winkt.
Dabei sind es
längst nicht mehr nur schulische Bruchpiloten, die in den bezahlten
Stützunterricht gehen. Auch Heerscharen von guten Schülern, die keine Nachhilfe
brauchen, strömen ins schulische Sondersetting. Der Grund: Vor allem in
Kantonen mit tiefer Maturitätsquote wie Zürich oder Aargau herrscht ein starker
Wettbewerb um die knappen Plätze an den Gymnasien, halten die Bildungsforscher
in ihrem Bericht fest: «Es reicht nicht, gut zu sein – man muss besser sein als
die anderen.»
Weiter
verschärft wird die Konkurrenz durch die Zuwanderer. Am meisten wird
Mathe-Nachhilfe gebüffelt, das gilt für Migranten und Schweizer. Doch Ausländer
gehen deutlich häufiger zusätzlich in ein Grammatik- und Aufsatztraining – auch
wenn sie nicht fremdsprachig sind, wie etwa die Deutschen in der
Deutschschweiz. Dahinter, weiss Studienautor Wolter, steht die Skepsis der
Einwanderer gegenüber der dualen Berufsbildung in der Schweiz – und der Wunsch,
die Kinder in eine allgemeinbildende Schule wie das Gymnasium zu schicken.
Im Gymnasium
sitzen zunehmend Schüler, die dort nicht hingehören. Dort verfolgt man den Boom
bei der bezahlten Nachhilfe mit Sorge. Das Bestehen der Aufnahmeprüfung könne
man bis zu einem gewissen Grad «erkaufen», sagt Daniel Reichmuth, Rektor am
Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich: «Um die
Chancengleichheit sicherzustellen, braucht es an den Volksschulen kostengünstige
Vorbereitungskurse.» Für die Schüler, die den Sprung ins Gymnasium geschafft
und die Probezeit überstanden haben, bietet Reichmuth an seiner Schule eine
Coachingbörse an – ein preiswertes Nachhilfeangebot. Doch das bezahlte
Notendoping hat Folgen für die Gymnasien: In den Schulzimmern sitzt inzwischen
eine beachtliche Zahl von Schülern, die dort nicht hingehören, hat ETH-Professorin
Elsbeth Stern mit IQ-Tests an 142 Schweizer Gymnasiasten herausgefunden. Die
Sprachlastigkeit der Schule und der Aufnahmetest führe ausserdem dazu, dass oft
Mathebegabte Buben durch die Maschen im Bildungssystem fielen.
Zu diesem
Ergebnis kommen auch die Autoren der Pisa-Erhebung. Ihre Studie zeigt: Mädchen
nehmen mehr Nachhilfeunterricht als Buben. Wenn sie sprachlich begabt sind,
bügeln sie Mathe-Schwächen mit Privatunterricht aus, um ins Gymnasium zu
kommen. Buben, die gut in Mathe sind und dafür im Sprachunterricht ins Trudeln
geraten, pfeifen oft auf den Lernzusatz – statt sich durch zusätzlichen
Grammatikunterricht zu quälen, machen sie lieber gleich eine technische
Berufsausbildung.

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