Eine Studie zeigt keine nachhaltigen Effekte einer Verkleinerung der Klassengrösse, Bild: Thailand-tip
Den Schwächsten helfen kleine Klassen kaum, NZZ, 22.11. von Walter Bernet
Das Thema Klassengrösse ist ein Dauerbrenner, nicht
nur in der Bildungspolitik, sondern auch in der Bildungsforschung. Eine
politische Entscheidung fällen die Zürcher Stimmberechtigten am 30. November.
Stimmen sie der Klassengrössen-Initiative der EVP zu, wird die Schülerzahl pro
Klasse im Kanton Zürich auf maximal 20 begrenzt. Bevorzugen sie den
Gegenvorschlag, werden etwas mehr personelle Ressourcen geschaffen, um dort zu
helfen, wo es tatsächlich brennt.
In der Forschung liegt nun eine brandneue Studie
der Zürcher Bildungsökonomin Uschi Backes-Gellner und ihres Mitarbeiters Simone
Balestra vor, die einige interessante Aussagen zu bisher vernachlässigten
Aspekten der Wirkung von Klassengrössen zulässt. Wem will und kann man mit
einer Verkleinerung der Klassen wirklich helfen? Diese Frage bildet den
Ausgangspunkt der Untersuchung anhand der umfangreichen Daten des
amerikanischen Schulversuchs «Tennessee Star». Sie liefern nicht nur Angaben zu
den Leistungen von Schülern in verschieden grossen Klassen, sondern auch zur
späteren Entwicklung der Schüler.
Plädoyer für Klassenassistenz
Um es vorwegzunehmen: Die Erkenntnisse sind
ernüchternd. Aber lassen sie sich auf schweizerische Verhältnisse überhaupt
übertragen? Uschi Backes-Gellner geht davon aus, dass wenn auch nicht die
ermittelten Prozentzahlen, so doch die grundlegenden Mechanismen auch auf
hiesige Schulen zutreffen. Zu deutlich seien die Ergebnisse, sagt sie auf
Anfrage. Die wichtigsten seien hier zusammengefasst.
Es zeigt sich, dass kleinere Klassen in der
Primarschule zwar zu durchschnittlich besseren Testergebnissen der Schüler
führen. Gewinner sind aber die bezüglich Leistungsfähigkeit mittleren Schüler,
eher nicht die schwachen oder die guten. Trotz hohen Kosten tragen kleine
Klassen also nicht dazu bei, den oft beklagten Abstand der lernschwächeren
Schüler zum leistungsfähigeren Rest der Klassen zu verringern.
Hingegen kann den Schwächeren mit dem Einsatz von
Hilfslehrern im Klassenzimmer wirksam geholfen werden. Bei den Hilfslehrern im
Schulversuch handelt es sich meist um erfahrene Personen, die keine bestimmten
Ausbildungsvoraussetzungen mitbringen mussten. Sie helfen Lehrpersonen vor
allem bei der Vorbereitung des Unterrichts, bei der Unterstützung und bei der
Beaufsichtigung einzelner Schüler während des Unterrichts. Betreuungsaufgaben
ausserhalb des Klassenzimmers übernehmen sie nicht.
Im Unterschied zu früheren Untersuchungen kann die
Zürcher Studie mit ihrem Ansatz, die unterschiedlichen Schülergruppen
differenziert zu betrachten, zeigen, dass für Lernschwächere der Einsatz von
Hilfslehrern wesentlich effektiver ist als die Verkleinerung von Klassen. Er
entpuppte sich sogar als einzige Massnahme, die dieser Gruppe wirklich nützt.
Keinerlei Langzeiteffekte
Uschi Backes-Gellner sieht in diesem Ergebnis
durchaus eine Ermutigung, mit Klassenassistenzen, Senioren im Klassenzimmer und
ähnlichen kostengünstigen Formen der Unterstützung von Lehrpersonen auch hier
Ernst zu machen. Zumal ausgebildete Lehrkräfte nicht vom Himmel fallen und auf
absehbare Zeit nicht in wünschbarer Menge verfügbar sind.
Noch ernüchternder sind die Resultate, wenn man die
Langzeiteffekte kleinerer Klassen überprüft. Selbst die wenigen positiven
Auswirkungen sind nicht nachhaltig, wie die Studie auch zeigt. Sie verschwinden
im Verlauf der obligatorischen Schulzeit vollständig. Hingegen lässt sich
nachweisen, dass die Erfahrung der Lehrkräfte sich positiv auf die Lernerfolge
der Schüler auswirkt. Backes-Gellner folgert daraus, dass die Schaffung vieler
neuer Klassen als Folge der Verkleinerung bestehender Klassen sogar gefährlich
sein kann: weil es nämlich an erfahrenen Lehrern mangelt, um all die Klassen
kurzfristig zu besetzen.
Näher zum Ziel führe es, erfahrenen Lehrerinnen und
Lehrern zusätzliche Unterstützung zu gewähren. «Eine gute Ausstattung der
Schulen mit zusätzlichem Unterstützungspersonal und eine adäquate Ausbildung
dieses Personals versprechen einen deutlich effektiveren und effizienteren
Mitteleinsatz, als dies durch eine pauschale Verkleinerung von Klassen erreicht
werden kann», so der Schluss der Professorin.

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