8. November 2014

Stärkere Betonung des Inhalts

Michael Schoenenberger hat den Lehrplan 21 auf einige umstrittene Punkte untersucht.
Weniger Indokrination bei stärkerer Betonung des Inhalts, NZZ, 8.11. von Michael Schoenenberger


Beliebigkeit der Inhalte. Kompetenzen können unter Hinzunahme verschiedenster Inhalte erworben werden. Die Kompetenzorientierung als theoretisches Konstrukt garantiert deshalb noch nicht die Vermittlung von Wissen, umso mehr, als ein Wissenskanon fehlt. Der Lehrplan 21 geht nun neu in der Einleitung auf diesen Kritikpunkt ein: «Die kulturelle Dimension von Wissen und fachlicher Bildung bleibt zentral.» Die Kompetenzorientierung bedeute keine Abkehr von einer tief verstandenen fachlichen Wissens- und Kulturbildung, heisst es. 
Konkretisierung. Diese stärkere Hinwendung zu Inhalten kann an zwei Beispielen gezeigt werden. In der Schweizer Geschichte heisst es jetzt - anstelle der vorherigen schwammigen Kompetenz - klipp und klar: «Schüler können Entstehung und Entwicklung der Schweiz als Bundesstaat schildern und in einen europäischen Zusammenhang stellen.» Statt einer nichtssagenden Kompetenz zum 19. Jahrhundert formuliert der Lehrplan 21 jetzt neu: «Schüler können Ursachen und Folgen der Französischen Revolution erklären.» Der Lehrplan 21 wird also dort, wo er kritisiert worden ist, konkreter. 
Hohe Messlatte. Insbesondere die Lehrer kritisierten, der Lehrplan 21 setze die Messlatte zu hoch an und nehme keine Rücksicht auf schwache Schüler. In der ersten Version hiess es: «Lernen und Unterricht müssen so ausgestaltet werden, dass möglichst alle Schüler die angestrebten Kompetenzen erwerben können.» Jetzt heisst es abgeschwächt: «Die Lehrpersonen passen den Unterricht an die unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden an mit dem Ziel, möglichst allen Schülern Lernfortschritte zu ermöglichen.» Die Heterogenität von Lerngruppen wird explizit anerkannt. 
Rolle der Lehrperson. Der Lehrplan 21 liest sich über weite Strecken nach wie vor wie eine detaillierte und normierte Anleitung zum Unterricht. Das liegt in seinen Genen. Kritik wurde laut, die Rolle der Lehrperson sei noch die eines Coachs. Im Kapitel zum Unterrichtsverständnis steht nun: «Im kompetenzorientierten Unterricht sind die Lehrpersonen absolut zentral.» Die Methodenfreiheit bleibe gewährleistet. 
Erziehungsverantwortung. Weil der Lehrplan 21 in einigen Bereichen private Angelegenheiten tangiert, stellt sich stärker als bisher die Frage nach der Abgrenzung zwischen Schule und Elternhaus. Nun hält der Lehrplan 21 fest: «Die Erziehungsverantwortung im engeren Sinn liegt bei den Eltern/Erziehungsberechtigten.» 
Messbarkeit, Rankings. Die Vereinheitlichung der Ziele und die Formulierung von Bildungsstandards legen nahe, dass Bildung gemessen werden soll. Befürchtet werden Schulrankings und unliebsame Folgen wie das «teaching to the test». War im Lehrplan 21, der in die Konsultation ging, noch von «geeichten Tests» die Rede, fehlt dieser Terminus in der revidierten Version. Die Lehrplanmacher weisen darauf hin, dass viele Kompetenzen zwar beurteilbar, nicht aber mit Tests messbar seien. 
Wirtschaft und Arbeit. Dieses Kapitel des Lehrplans 21 wurde stark überarbeitet. Neben einer neuen Hierarchisierung der Themen wurde auch ideologischer Ballast abgeworfen. An erster Stelle dieses wichtigen Kapitels steht nicht mehr «Konsum und Lebensstil gestalten», sondern «Produktions- und Arbeitswelten erkunden». Das Wort «Lebensstil» ist aber immer noch nicht ganz verschwunden. Die Schüler lernen nun auch Grundsätzliches über Marktwirtschaft, Preisbildung, Produktion von Gütern und Dienstleistungen sowie Handel. Wo es um den Umgang mit Geld geht, fügten die Lehrplanmacher eine die Eigenverantwortung einbeziehende Kompetenz ein, die vorher fehlte. Sie lautet: «Schüler können die Anforderungen einer selbständigen Lebensführung erkennen (. . .).» Die Kompetenzen im Abschnitt «Konsum gestalten» kommen mit weniger Indoktrination aus, sind offener formuliert. Offenbar hat man erkannt, dass es nicht Aufgabe der Schule sein kann, den Lebensstil von Familien mit ihren Kindern zu beurteilen und zu steuern, ja gar zu bewerten. Die Kompetenz «Schüler können Verhaltensweisen und Wertorientierungen von Lebensstilen aus der Perspektive der nachhaltigen Entwicklung beurteilen» wurde gestrichen. Stattdessen heisst es neutraler: «Schüler können Lebensstile vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede beschreiben.» In der Summe wird in diesem Abschnitt mehr auf die Vermittlung von Information Wert gelegt und weniger auf die Fassung eines Urteils. 
Umgang mit Vielfalt. Der Lehrplan 21 führt sogenannte überfachliche Kompetenzen ein. Dazu zählen personale, soziale und methodische Kompetenzen. Diese wurden nach der Konsultation nur in Nuancen verändert. Es geht weiterhin etwa um Selbstreflexion, Eigenständigkeit, Kooperations- und Konfliktfähigkeit, um Dinge also, auf die jede gute Lehrperson ohnehin Wert legt. Umformuliert wurden die Grundsätze hinsichtlich der Multikulturalität. Vorher hiess es: «Schüler können Menschen in ihrem Anderssein wahrnehmen und akzeptieren.» Neu heisst es: «Schüler können Menschen in ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen wahrnehmen und verstehen.» 
Gender. Auch dieser Bereich veranschaulicht, dass sich der Charakter des Lehrplans 21 leicht verändert hat. Er bewegt sich in der neuen Version weniger in vorgegebenen Denkmustern, sondern formuliert ausgewogener. Jetzt ist nicht mehr die Rede von «Gender und Gleichstellung», nun geht es um «Geschlechter und Gleichstellung». Statt des Satzes «Gender und Gleichstellung thematisiert ungleiche Lebenschancen aufgrund des Geschlechts» heisst es neu: «Das Thema leistet einen Beitrag zur Umsetzung der rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter.» Statt von der «prägenden und lenkenden Kraft von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern» ist die Rede von der Wahrnehmung und dem Umgang mit Geschlechterrollen, von Stereotypen, Vorurteilen und Klischees in Alltag und Arbeitswelt.

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