Überwindung von Grenzen, Bild: bz
So könnten Regierung und Harmos-Gegner ihre Uneinigkeit überwinden, Basellandschaftliche Zeitung, 23.3. von Bojan Stula
Die Debatte um Harmos dreht
sich im Kreis. Und sie wird weiterhin munter mit dem Streit um den Lehrplan 21
vermischt. Die Bildungsdirektion hält eisern an der Schulharmonisierung fest,
das Komitee Starke Schule Baselland fordert ebenso eisern den Ausstieg aus dem
Reformprogramm. Die Argumente, die beide Seiten vorbringen, sind in der Regel
schon tausendfach durchgekaut worden. Neu war diese Woche bloss, dass nun auch
der Baselbieter Lehrerverein auf die Linie der Harmos-Aussteiger einschwenkt.
Tatsächlich kann es mit der
zustimmenden, aber schweigenden Mehrheit unter den Lehrern nicht allzu weit her
sein, die Bildungsdirektor Urs Wüthrich immer dann anführt, wenn er die lästige
Starke-Schule-Fraktion in die Schranken weisen will. Laut eigener Aussage
begegnet der SP-Regierungsrat auf seinen häufigen Schulbesuchen vielen
«aufgeschlossenen» Lehrerinnen und Lehrern, die mit der reformkritischen
Haltung des Vereins nicht viel anfangen könnten.
Im Gegensatz dazu hat die
Mitgliederbefragung des Lehrervereins nur das bestätigt, was jeder Mitmensch
schon lange vermutet, der schulpflichtige Kinder hat und/oder Lehrerinnen und
Lehrer zu seinem Bekanntenkreis zählt. Persönlich kenne ich keinen einzigen
Lehrer, der nicht gereizt und zunehmend frustriert auf die von oben diktierte
Reformitis, die administrative Lawine und Verbürokratisierung, den
Sitzungsmarathon und die immer knapper fliessenden Mittel für Schulmaterial und
ausserordentliche Aktivitäten reagiert.
Den Stossseufzer «Jetzt ist
einfach mal genug» höre ich selbst von jungen, noch unverbrauchten Lehrkräften;
meist verbunden mit der Drohung, demnächst den Bettel hinzuschmeissen. Wenn
jetzt vier von fünf durch den Lehrerverein befragte Lehrer den Harmos-Ausstieg
fordern, dann ist das nur der quantitative Ausdruck der allgemein empfundenen
Belastung. Mit dem Berufsjammern auf hohem Niveau, welches der Lehrerschaft
immer wieder gerne angedichtet wird, hat das rein gar nichts mehr zu tun.
Die Fundamentalkritik der
Lehrer am Schulsystem ist schon derart oft thematisiert worden, dass sie längst
in den politischen Diskurs übergegangen ist. Die Frage ist nur, wieso sich dann
nichts ändert, obschon sich jeder zweite Vorstoss den Bürokratieabbau auf die
Fahne schreibt und so viele Lehrer in den Kantonsparlamenten sitzen. Der vom
Lehrerverein zitierte «tief reichende Vertrauensverlust in die Bildungspolitik»
meint eigentlich etwas anderes: die zunehmende Entfremdung zwischen der
Lehrerschaft und den Funktionären in Schulbehörden und Erziehungsdirektionen.
Beide bilden inzwischen
monolithische Blöcke, die zwar vorgeben, miteinander zu reden, sich aber
offenbar kaum noch verstehen. Die Lehrer entwickeln darum einen
Anti-Reform-Reflex, mögen die angestrebten Änderungen noch so sinnvoll und
naheliegend sein; die Verwaltungsebene reagiert mit der Haltung, dass man die
störrische Lehrerschaft halt zu ihrem Glück zwingen muss.
Die Sage geht dahin, dass zu
Maos Zeiten in der chinesischen Volksarmee Offiziere regelmässig Dienst als
gewöhnliche Soldaten leisten mussten, um nie die Perspektive des einfachen
Fussvolks zu vergessen. Wir plädieren für dasselbe System in den Schweizer
Erziehungs- und Bildungsdirektionen: Jeder Schulfunktionär muss alle fünf Jahre
für ein halbes Jahr als Lehrer an die Bildungsfront ausrücken. Der Lehrer darf
dafür solange in die Amtsstube. Für den Staatskundeunterricht, höchstpersönlich
von Bildungsdirektor Urs Wüthrich gegeben, würde ich mich sogar wieder
freiwillig zur Schule melden.
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