7. Mai 2015

Grenzen der Integration

Ein Drittel der Klasse besteht aus ehemaligen Sonder- und Kleinklassenschülern, die anderen zwei Drittel aus lernschwachen Kindern. Ein Fallbeispiel zeigt, wo die schulische Integration kompliziert wird.






Wie weit kann integriert werden? Bild: Urs Jaudas


Die Grenzen der Integration, Tages Anzeiger, 7.5. von Raphaela Birrer







Nikolai* versteht nicht. Zum dritten Mal fordert ihn die Lehrerin auf, den Zettel mit den besuchten Berufswahlkursen abzugeben. Bloss: Welchen Zettel? Und welche Kurse? Die Lehrerin ruft ihn nach vorne und erklärt ihm, worum es geht. Sie merkt, dass sich Nikolai weder an den Zettel noch an das gesamte Berufswahlthema erinnert. Während des Gesprächs rumort es im Klassenzimmer. Die zweite Lehrerin sammelt die Hausaufgaben ein. Hinter ihrem Rücken wird über Pulte hinweg geredet, geschubst und geboxt; Gegenstände fliegen, und laute Flüche fallen. Drei Viertel der Schüler haben die Hausaufgaben nicht gemacht. Blerim* wird ausfallend, steht auf, schlägt seinen Banknachbarn. Die erste Viertelstunde der Deutschlektion ist bereits vorbei, doch statt über Komma­regeln zu sprechen, hat die Klasse nur über Disziplin geredet. Alltag in dieser Sek-C-Klasse in einer Schweizer Agglomerationsgemeinde, wie die beiden Lehrerinnen später sagen werden.
Kein geordneter Unterricht
Nikolai und Blerim sind zwei von sieben Schülern im Schulzimmer, die zuvor eine Kleinklasse oder eine Sonderschule besuchten. Nun werden sie in der Regelklasse unterrichtet. So sieht es das schweizweit verbreitete Konzept der «schulischen Integration» vor, das die Gemeinde vor zwei Jahren eingeführt hat. Dabei sollen möglichst alle Kinder – auch jene mit besonderem Förderbedarf – gemeinsam geschult werden. Wegen der Mehrbelastung stehen den Lehrern lektionenweise Heilpädagogen zur Seite. «Seither komme ich mir manchmal vor wie in einem Zirkus, aber statt der Direktorin bin ich die Löwenbändigerin. An einen geordneten Unterricht ist nicht mehr zu denken», sagt Klassenlehrerin Yvonne Koller*, eine Pädagogin mit jahrzehntelanger Er­fahrung. Eine solch prekäre Situation habe sie noch nie erlebt. Aus Angst vor der Reaktion der Schulleitung will sie anonym bleiben.
Die Sonderschüler in die Regelklassen zu integrieren, ist ein politischer Auftrag. Das Behindertengleichstellungs­gesetz sowie vielerorts auch die Volksschulgesetze verpflichten die Kantone dazu. Mehr integrativer Unterricht, deutlich weniger Separation in Sonderschulen und Kleinklassen, lautet die Vorgabe. In diesem Prozess sind die Kantone unterschiedlich weit fort­geschritten. Um überall ein vergleich­bares Angebot für Kinder mit (Lern-)Behinderungen zu gewährleisten, trat 2011 ein Sonderpädagogikkonkordat in Kraft. Bislang sind 16 Kantone beigetreten, darunter auch Zürich.
Die sieben ehemaligen Kleinklassen- und Sonderschüler in Kollers Klasse haben beispielsweise geistige Behinderungen (wie Nikolai), Verhaltensstörungen (wie Blerim), Aufmerksamkeitsdefizite oder leiden unter Legasthenie. Die anderen zwei Drittel ihrer Sek-C-Klasse seien lernschwach – und ausnahmslos alle Schüler entstammten schwierigen familiären Verhältnissen, so Koller. Für diese herausfordernde Klassenkonstellation fehle ihr die Unterstützung. Flavia Meier*, die zweite Lehrerin im Klassenzimmer, ist nur während fünf Lektionen pro Woche anwesend – und gar nicht als Förderlehrerin ausgebildet. Weil es nicht ausreichend Heilpädagogen gibt, springen Fachlehrer in die Lücke.
Beide Lehrerinnen betonen, motiviert für den integrativen Unterricht zu sein. Aber: «In jeder Lektion spüren wir die Grenzen des Konzepts. Wir werden weder den Kindern mit ­besonderen Förderbedürfnissen noch den regulären Schülern gerecht.» In ­ihrer Gemeinde sei das C-Niveau, die schwächste Leistungsstufe der Sek, ­ohnehin schon überdurchschnittlich tief, und die sozialen Probleme in den Klassen seien gross. Mit der schulischen Integration habe sich die Situation «drastisch verschärft». «Man kann doch dieses System nicht beliebig über jede Gemeinde stülpen – unabhängig davon, wie die Voraussetzungen der Schüler dort sind», finden sie.
«Eine unkoordinierte Baustelle» 
Für Jürg Brühlmann vom Lehrerdachverband ist dieser Fall ein klassisches Beispiel für die grundlegenden Probleme mit der schulischen Integration. «Sie ist schweizweit eine grosse, unkoordinierte Baustelle. Die Umsetzungsunterschiede zwischen den Kantonen und Gemeinden sind enorm. Viele Schulen sind mit dem Tempo schlichtweg überfordert. Es ist dilettantisch, die Probleme in die einzelnen Schulzimmer zu verschieben.» Eine derart grosse Reform funktioniere nicht auf Knopfdruck – umso mehr, als sie in den Kantonen mit Sparmassnahmen einhergehe. «Statt Budgets zu kürzen, müsste in Weiter­bildung, in die lokale Entwicklung von Integrationsmodellen und in den überregionalen Erfahrungsaustausch ­in­vestiert werden», sagt Brühlmann.
Experten sind sich einig: Wenn viele ehemalige Sonderschüler auf eine leistungsschwache Klasse treffen, können sich die Integrationsprobleme verschärfen. Beatrice Kronenberg, Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik, betont, dass die Tragfähigkeit der Regelklasse eine entscheidende Rolle für das Gelingen der Integration spiele. Trotzdem warnt sie davor, in sozial belasteten Gemeinden davon abzusehen: Migrantenkinder aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen seien in den Sonderschulen ­ohnehin schon überrepräsentiert – «nicht weil sie behindert, sondern weil sie sozial benachteiligt sind».
Die kritischen Stimmen aus der Lehrerschaft finden bei Christoph Eymann, Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz, Gehör. Auch er sagt: «Die schulische Integration ist heute eine der grössten Herausforderungen der Volksschule; die Lehrer leisten sehr gute Arbeit.» ­Eymann ist der Meinung, dass gewisse Schwierigkeiten bestehen bleiben werden. «Die Schule versagt aber nicht, wenn die Integration nicht in jedem Fall klappt. Wir dürfen nicht den Anspruch haben, alle Schüler gleich weit zu bringen. Die Sonderbeschulung muss weiterhin möglich sein.» Vielleicht werde sich in einem Jahrzehnt ein neues System etablieren, wie besonders förderbe­dürftige Schüler unterrichtet werden – aber bis dahin führe kein Weg an der ­integrativen Schule vorbei.
Diese Flexibilität in der Umsetzung des neuen Konzepts wünschten sich die betroffenen Lehrerinnen Koller und Meier auch in ihrer Gemeinde. «Doch bei uns wird trotz offensichtlicher ­Mängel nicht mehr daran gerüttelt. Das ist frustrierend.»
* Namen geändert


Kommentare:

  1. Erfolgreicher Unterricht in heterogenen
    Lerngruppen auf der Volksschulstufe des Kantons Zürich

    http://www.bi.zh.ch/internet/bildungsdirektion/de/unsere_direktion/veroeffentlichungen1/jcr:content/contentPar/publication_39/publicationitems/titel_wird_aus_dam_e_0/download.spooler.download.1372833028941.pdf/Kurzfassung_Erfolgreicher+Unterricht+in+heterogenen+Lerngruppen+auf+der+Volksschulstufe+des+Kantons+Z%C3%BCrich_Prof.+Dr.+Reusser.pdf

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  2. www.archiv-der-zukunft.de - Wie Schulen gelingen.

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