19. Oktober 2020

Als man im Kindergarten noch spielte

Sändele, Liedchen singen, mit Holzklötzchen bauen, spielen – all das machte ich in den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkrieges im Kindergarten beim Erasmusplatz bei Fräulein Tanner. Sogar spielen durften wir nach Lust und Laune. So lieb war unser Fräulein.

Das einfühlsame Fräulein Pototzka, Online Reports, 19.10. von Peter Achten

Mit Blick auf die Enkelkinder frage ich mich manchmal, wie nur konnten wir mit einer verspielten Kindergartenzeit es jemals so weit bringen, Hochdeutsch, Rechnen und vieles anderes zu lernen. Die Enkel nämlich konnten schon vor Eintritt in die Primarschule lesen und schreiben und richtiges Deutsch.

Als ich in die Primarschule Binningen am Holeerain – heute das Orts-Museum – eintrat, war mir Lesen und Schreiben fremd. Ebenso Hochdeutsch. Das brachte mir in zwei Jahren alles meine erste Lehrerin bei. Es waren die glücklichsten meiner insgesamt zwölf Schuljahre.

Primarlehrerin Pototzka sprach mit einem fremdländischen Akzent sowohl Dialekt als auch Hochdeutsch. Sie war zwar konsequent und streng, vor allem sie einfühlsam und lieb. Leider bekamen wir nach Fräulein Pototzka einen Prügellehrer, dessen Namen ich auch nach über siebzig Jahren nicht nennen möchte.

Seine Spezialität waren Prügel, von der Kopfnuss bis hin zur Tatze und Schlägen auf Rücken und Hintern. Alles mit einem langen, hölzernen Lineal mit Kupferkanten. Auch demütigte er Kinder vor der ganzen Klasse und lachte dabei. Meine Eltern nahmen mich schliesslich nach wenigen Monaten aus der Prügelschule und steckten mit in die private Primarschule Degen an der Austrasse.


Frau Degen, altmodisch immer in langem, schwarzem Gewand, unterrichtete sechzehn Kinder von der ersten bis vierten Klasse an acht Pulten in einer einzigen Stube. Dort lernte ich die ersten Gedichte und vor allem das Einmaleins in- und auswendig. An der hölzernen Türeinfassung war das Einmaleins mit Kreide notiert. Noch heute kann ich ohne zu stocken die 8er-, 17er- und die 24er-Reihe auf und runter sagen.


Ausser den Schulfächern lernten wir bei Frau Degen auch fürs Leben. Toleranz zum Beispiel. Die Primarschule Degen lag nämlich nur dreissig Meter neben dem koscheren Metzger, und jeweils nur mehrere hundert Meter nahe der katholischen St.Marien-Kirche, der protestantischen Paulus-Kirche sowie der Synagoge an der Eulerstrasse. Frau Degen thematisierte das mit Hilfe des katholischen Pfarrers, des reformierten Pastors und des Rabbiners. Mehr kann man in einer Primarschule nicht lernen.


Trotzdem: Die vierzehn christlichen Schüler der Primarschule Degen beneideten ihre beiden jüdischen Mitschüler, die am Sabbat – damals ging man am Samstag noch zur Schule – dem Unterricht fernbleiben durften.

 

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