Im
Zusammenhang mit der Volksabstimmung zur Doppelinitiative «Gute Schule
Graubünden» ist die schwedische Professorin Inger Enkvist zu Gast in Chur
gewesen. Sie setzte das Publikum über die schwedische Volksschule ins Bild –
besser gesagt über 50 Jahre Reformen und deren Folgen.
Die Frage kam ganz zum Schluss der Veranstaltung aus dem Publikum –
nachdem Inger Enkvist mit Ironie gesagt hatte: «Das waren die happy news from
Sweden.» Wegen dieser eben ganz und gar nicht frohen Botschaften aus
Skandinavien wollte eine Zuschauerin wissen, ob sie denn überhaupt noch
zuversichtlich sei. Enkvist antwortete: «Wenn ich der Meinung wäre, nichts
liesse sich ändern, würde ich nicht darüber referieren. Ich liebe die Schule,
ich liebe es, zu lernen.» Die emeritierte Professorin für Spanisch an der Universität
Lund reiste nach Chur auf Bitte des Komitees «Gute Schule Graubünden», über
deren Doppelinitiative das Bündner Stimmvolk am 25. November entscheidet, sowie
des schweizweit tätigen Komitees «Eltern für eine gute Volksschule» (BT vom 17.
Oktober). Im Calvensaal zeichnete sie auf Englisch 50 Jahre Bildungsreformen
und deren Auswirkungen auf die Grundschulen in Schweden nach – übersetzt von
Raimund Klesse. Sie machte dabei gegenüber den rund 35 Anwesenden zu jedem
Zeitpunkt klar, was auf Tatsachen und Erfahrungswerten beruht und was ihre
persönliche Meinung darstellt.
Reaktionen auf Enkvists Arbeit
Vorweg hatte
Enkvist dem BT erklärt, wie die sowohl positiven als auch negativen Reaktionen
auf ihre Analysen des schwedischen Schulsystems konkret ausfallen. Sie, die
ungebrochen Publikationen zum Thema verfasst, seien es Bücher oder auch
Beiträge in den Medien. In der Regel erhält Enkvist via Telefon, Mail oder in
Gesprächen ausschliesslich Zuspruch, Missbilligung hingegen entnimmt sie
hauptsächlich aus den Medien. Lob kommt aus der Bevölkerung. Von Menschen, die
froh sind, dass Enkvist im Gegensatz zu ihnen selbst die richtigen Worte für
die Missstände findet. Anerkennung gibt es weiter von Lehrern, die selber Angst
haben, sich zu exponieren, weil sie Repressalien befürchten. Und schliesslich
von Personen, welche die Vergleiche mit anderen Ländern schätzen – Enkvist hat,
wie sie sagte, stets über den Tellerrand hinausgeblickt und sich über
Schulsysteme und Reformen in aller Welt informiert. Die kaum einmal direkt an
ihre Person gerichtete Kritik ihrer Arbeit dreht sich zumeist darum, ihr die
Rolle als Expertin abzusprechen. Als nicht universitär ausgebildete Pädagogin
dürfe sie nicht über Bildung und Erziehung sprechen.
Wie Enkvist dann zu Beginn
ihres Vortrages ohne Power-Point-Präsentationen und Manuskript ausführte, hatte
Schweden in den Sechzigerjahren begonnen, sich vom klassischen
Klassenunterricht zu verabschieden. Bei diesem Modell ist es die Hauptaufgabe des Lehrers, Wissen zu vermitteln.
Seither nämlich krempeln Politiker im Verbund mit Pädagogen die Schule ständig um.
Sie ebneten zunächst den Weg dafür, dass sich die Lehrer mehr um die Schwächeren kümmerten,
und die Stärkeren im Unterricht deshalb immer weiter in den Hintergrund rückten. Bereits
Mitte der Siebzigerjahre kam das Aus für die Sonderschulen, der Einzelunterricht fiel weg. Alle
sollten – im Sinne der Gemeinschaft – in ein und demselben Klassenzimmer unterricht werden.
Ideologie statt Inhalt, wie Enkvist im Laufe des Abends mehrfach wiederholen sollte. Und sie
warf die Frage in den Raum, was passiere, wenn weitere Lehrkräfte wie etwa Heilpädagogen parallel
zum Gesamtunterricht einzelne Schüler extra betreuen würden. Die Professorin antwortete
trotz des erkennbaren Aha-Effekts im Publikum gleich selbst: «Der Lärmpegel steigt und mit
ihm die Unaufmerksamkeit.» Die Lehrer seien zunehmend an ihre Grenzen gestossen, ihr Sorgen
ignoriert worden. Plötzlich habe es im Gegensatz zu früher Burn-outs gegeben, erläuterte Enkvist gegenüber dem BT.
Die Position der Lehrer sei laufend geschwächt worden, die Wissensvermittlung
mehr und mehr vernachlässigt worden.
«Sie reformierten die Reformen»
Die
Politik ging zwar laufend über die Bücher, ohne aber – nach Meinung von Enkvist
– eine eigentliche Ursachenforschung für die Fehlentwicklungen zu betreiben.
«Sie reformierten die Reformen.» Die Linke, die hauptsächlich am Drücker war,
investierte Unsummen in den Ausbau des Bildungssystems. Die Rechte machte sich
nach dem Vorbild der USA für einen Wettbewerb unter den Schulen stark, die mit
der Vorgabe eines Globalbudgets und eines Lehrplans unabhängig schalten und
walten konnten. «Es wurden wieder neue Probleme geschaffen, ohne eines zu
lösen», so Enkvist. «Die Pädagogen setzten zudem die Idee ihrer postmodernen
Methoden erfolgreich durch.» Grob zusammengefasst also die Abwendung von
Fakten, Wahrheit und Vernunft. Gruppenarbeiten und Präsentationen seien in den
Vordergrund getreten. «Die Schüler durften ihre eigenen Infos kreieren.» Rechtschreibfehler
seien kaum mehr korrigiert worden.
Die Folgen: Schweden schnitt in den
Pisa-Studien, bei denen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) die Schulleistungen auf internationaler Ebene vergleicht,
immer schlechter ab. Wobei es ab den Neunzigerjahren, als «nichts mehr vom
einstigen Klassenunterricht übrig war», in den Fächern Lesen, Mathematik und
Naturwissenschaften exponentiell runter ging, wie Enkvist ausführte. Zum
Vergleich: In führenden Pisa-Ländern wie Singapur, Japan, Taiwan und lange Zeit
Finnland wird ein klassischer Unterricht gepflegt mit dem Lehrer als dominante
Figur, wobei die Kinder natürlich auch Problemstellungen eigenständig zu
bearbeiten haben. Als Reaktion auf die schlechten Ergebnisse forderte die
Politik von der OECD, andere Fächer zu prüfen, in denen die Leistungen der
schwedischen Schüler klar besser seien. Tatsächlich sei die Kreativität in
Schweden gestiegen, betonte Enkvist. Als leuchtende Beispiele hierfür nannte
sie das Internet-Telefonie-Unternehmen Skype sowie den Musik-, Hörbuch- und
Videostreaming-Dienst Spotify, Computergames sowie die boomende Musikbranche,
die auch lange Zeit nach Abba überdurchschnittlich viele Popsterne
hervorbringt. Die Kehrseite der Medaille sind laut Enkvist mangelhafte
Selbstdisziplin, fehlendes Verantwortungsbewusstsein und wenig bis gar keine
Kontrolle des eigenen Verhaltens. Ein Oberstufenlehrer in Malmö lud einmal eine
Führungskraft von McDonald’s ein, um über die Fähigkeiten zu sprechen, die es
für eine Führungsrolle beim Fast-Food-Konzern braucht. Danach meinte dieser: Er
würde höchstens einen der insgesamt 25 Schüler rekrutieren wollen. Die Gründe:
Einige erschienen zu spät, andere hingen in den Stühlen, sassen mit Kappe da,
schwatzten miteinander, spielten mit dem Telefon oder hörten einfach nicht zu.
Eine 15-Jährige aus gut situiertem Hause dagegen, die den Unterricht schwänzte,
weil sie im Parlament einen Streik für die Umwelt durchführte, wurde nicht nur
medial als Heldin gefeiert. Sogar die Eltern sagten, sie seien stolz auf ihre
Tochter. Sie sei sehr mutig. Ideologie statt Inhalt, so Enkvist erneut. «Die
Jugend von heute hat sehr starke Gefühle für ihre eigenen Rechte.»
Und die
Alternative?
Und welcher Weg führt aus dem Bildungsdebakel, wollte eine Zuschauerin
wissen – bei der im Anschluss ans Referat engagiert geführten Fragerunde.
Enkvist würde von Null beginnen und nannte die Zutaten, die ihr schulisches
Rezept benötigt: neue Verhaltensregeln; Kinder der gleichen Klasse sollen auf
demselben Wissensstand sein; klarer Fokus auf das Beherrschen der Muttersprache
(mündlich wie schriftlich); die Oberaufsicht den Schulen überlassen, die
Lehrerausbildung grundlegend neu konzipieren, die Position der Lehrpersonen
stärken (auch gegenüber den Eltern). Als oberste Maxime müsste laut Enkvist
gelten: Die Schule ist da, um zu lernen. Dann würde es tatsächlich wieder
«happy news from Sweden» geben.
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