17. August 2018

Ein guter Lehrer ist parteiisch

Denke ich an meine ersten Schuljahre zurück, kommen mir nicht die Noten für gutes Betragen, der Subjonctif oder Differenzialrechnungen in den Sinn, sondern meine Lehrer. Sie beschäftigten mich damals von den Erwachsenen neben den Eltern am meisten. Ich liebte und hasste sie, fühlte mich erkannt und war enttäuscht. Ich liess nie einen entkommen. Nicht in meinem Tagebuch.
Die Lehrer meines Lebens, NZZ, 17.8. von Birgit Schmid


Lehrer prägen einen fürs Leben. Das werden jetzt zum Schulbeginn auch viele Kinder erfahren. Lehrpläne und Reformen spielen für das Heranreifen keine grosse Rolle. Später werden sich die Schüler vor allem an die Männer und Frauen erinnern, die dort vorne vor der Klasse stehen.

Ein guter Lehrer ist parteiisch

Was ist ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin? Ich kann das aus meiner Erinnerung sagen. Zuerst natürlich jeder, der etwas in mir sah und dies durch sein Interesse förderte. Den Zettel, den ich in der Primarschule von Herrn B. erhielt und auf dem er in steiler Schrift eine Arbeit bewertete, bewahrte ich auf wie einen Liebesbrief. Er ermutigte mich, das weiterzuverfolgen, woran mir lag. Nicht einmal meine beste Freundin durfte ihn lesen, als ob die Worte ihre prophetische Kraft verloren hätten, sobald sie nicht mehr geheim waren. Vielleicht war es auch bloss die Wichtigtuerei einer Elfjährigen, die ahnte, dass der Kampf um den ersten Platz auch ein Ansporn sein konnte.

Lehrer B. nahm keine Rücksicht auf allfällige Vorwürfe, dass er seine Schülerinnen und Schüler ungleich behandle. Obwohl ich bei anderen Lehrern unterlag und selber die schmerzhafte Erfahrung machte, nicht zu den Bevorzugten zu gehören, würde ich sagen: Ein guter Lehrer ist parteiisch und verteilt seine Zuneigung nicht gerecht über die Klasse. Er sollte es zwar nicht zu offensichtlich zeigen, aber wenn man schon bei Eltern zweifeln kann, ob sie jedes Kind gleich gern haben, muss man das auch bei einem Lehrer annehmen. Besser so als ein beziehungsloses, gleichgültiges Unterrichten aus Angst, jemandem zu nahe zu treten.

Die guten Lehrer gestalteten die Stunden unabhängig und richteten sie nach Interessen aus. Frau M., Deutschlehrerin in der Oberstufe, brachte mir nach dem Elternabend ihre vergilbte Ausgabe von «Die Mutter» von Maxim Gorki mit. Wenn ihr etwas verändern wollt, forderte sie uns auf, so handelt. Sie war nicht gerade wie «Rita», die herrlich unorthodoxe Lehrerin aus der gleichnamigen dänischen Fernsehserie, die sich um keinerlei politische Korrektheit schert. Aber auch Frau M. war grossherzig und setzte sich für ihre Schüler ein.
Als Gymnasiastin gefiel mir der Ernst, mit dem Herr B. über das Gretchen im «Faust» redete. Wörter wie «Lebenszimmer» übernahm ich von ihm. Er wählte Aufsatzthemen, als ginge es darum, schreibend herauszufinden, wer man ist. Als ginge es also um alles.

Freie Denker

Die besten Lehrer waren die freien Denker. Peter von Matt, mein Professor an der Uni, legte nie eine weltanschauliche Folie über seine Lehre. Das machte sie so lustvoll. Dass sie manche zu unakademisch fanden, war ein Lob, weshalb ihn Marcel Reich-Ranicki ja den «besten Schriftsteller der Schweiz» nannte. In seinen Vorlesungen konnte man abschauen, wie eigenständiges Urteilen geht.

Schliesslich erinnere ich mich gerne an jene Literaturprofessorin, die ihren Studenten sagte: «Lebt euer Leben wie einen guten Roman oder ein gutes Drehbuch.» Um die jungen Leute vor Mittelmass und Anspruchslosigkeit zu bewahren, fragte sie suggestiv: «Würde das Publikum beim Film eures Lebens hinauslaufen?»

Und jetzt zu den schlechten Lehrern. Man erkennt sie daran, dass man am liebsten aus dem Schulzimmer hinauslaufen möchte.


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