28. Juni 2018

Der Geist der Akadämlichkeit

Das moderne Akademiewesen hat ein überspezialisiertes, aber lebensunfertiges Diplomproletariat hervorgebracht. Von wem können junge Menschen heute noch etwas lernen?
Bei Diplomübergabefeiern sitzt der Tod der Neugier auf der Ehrentribüne, NZZ, 26.6. von Milosz Matuschek


Es ist bekanntlich ein Kennzeichen freiheitlicher Gesellschaften, die Entfaltung des Individuums in den Mittelpunkt zu stellen. Zugleich braucht es nicht viel an Hellsichtigkeit, um schon allein am Beispiel unseres Bildungssystems das Gegenteil dieses Ideals zu erkennen. In Demokratien, so schon Alexis de Tocqueville, modelliert der Staat seinen Bürger. Er bricht nicht dessen Willen, sondern «weicht ihn auf, faltet und leitet ihn» – heute sagen wir dazu wohl «nudge». So verhindert man die Geburt der Individualität, ohne den Menschen physisch zu zerstören.

Der Geist, der heute durch das Bildungssystem weht, ist der Geist der «Akadämlichkeit». Das ist mehr als Antiintellektualismus oder Bildungsferne. Im Kern ist es ein auf die Spitze getriebenes Wissenschaftsbeamtentum, ein Euphemismus für erlernte Hilflosigkeit durch Ansammlung von Kreditpunkten und «Kompetenzen». Die Begriffe verraten viel: Das französische Wort «formation» deutet bereits auf Modellierung hin, die «Beschäftigungsfähigkeit» oder «employability» zeigt die Orientierung an der Verwertbarkeit von Bildungsinhalten. Der Akademiker von heute gleicht dem gentechnisch gepäppelten Masthuhn: Das Gewicht stimmt, aber aufstehen können beide nicht mehr.

Man will Maturanden oder Absolventen heutzutage nicht beneiden. Auf immer pompöseren Abschlussbällen feiern sie die Illusion, dass Diplome einen «Abschluss» oder Zielpunkt verkörpern können. Bei Diplomübergabefeiern sitzt der Tod der Neugier auf der Ehrentribüne. Welchen Wert haben denn Diplome, die nicht nur inflationär vergeben werden, sondern die man mit der Erwartung erwirbt, jetzt endlich «alles wieder vergessen zu können»? Gemessen werden heutzutage mehr die Fähigkeit zu Unterordnung, zu Belohnungsverzicht und das Durchhaltevermögen als das eigenständige Denken. Und niemand hat das vermutlich besser erkannt als die Universität selbst, die sich ihre Absolventen gekonnt mit immer prekäreren Arbeitsbedingungen vom Halse hält.
Der Gewinn des Wissens liegt in der Befähigung, ein Spiel mit unendlicher Kombinationsfähigkeit zu erlernen, also elegant mit Ideen und Konzepten zu jonglieren. Bildung als Form der Selbsterziehung ist der Werkzeugkoffer der Lebenskunst. Diese Fähigkeit kultivieren die an den Rand gedrängten Amateure oder Dilettanten, wortwörtlich also die Liebhaber, Tüftler und Erfinder jenseits der Akademien. Sie strömen heutzutage zum Beispiel zu privat organisierten Meet-ups, sie bilden sich mit Youtube-Videos fort oder zahlen Geld für Konferenzen, um etwas über künstliche Intelligenz, IoT, Blockchain oder Kryptowährungen zu erfahren. An den Universitäten dagegen wird schon niemandem mehr erklärt, wie zum Beispiel das Geldsystem funktioniert.

Der nach zwei Psychologen benannte Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass Inkompetenz es unmöglich macht, ebendiese zu erkennen. In einer hochspezialisierten Welt voller fachlicher Exzellenz in immer engeren Nischen entsteht eine neuartige Form von Inkompetenz: die Unfähigkeit zu Überblick und Verknüpfung. Je tiefer man in die Erde bohrt, desto kleiner wird der Himmel über einem. Der Mensch verschmilzt mit seiner Rolle, wird eindimensional; und das nicht trotz, sondern oft gerade durch Brief und Siegel der Universitäten.
Wo ist hier bitte der Ausgang? Es gibt einen, doch der Schlüssel dazu liegt in jedem selbst. Jede Generation kämpft für sich allein und stets gegen den Kanon der Vorgängergeneration. Bei Mark Twain klingt diese Erkenntnis so: «I have never let my schooling interfere with my education.»


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