20. März 2018

Wann schwappt die Harmonisierungswelle auf die Gymnasien über?

Peter Bonati ist einer der besten Kenner der Schweizer Gymnasiums-Szene. Der ehemalige Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau war während 20 Jahren Direktor und Dozent am Höheren Lehramt der Universität Bern. Zudem hat er den schweizerischen Rahmenlehrplan «Berufsmaturität» erarbeitet und in diversen Kantonen die Einführung kompetenzorientierter Gymnasiums-Lehrpläne begleitet.
Vergleichbarkeit versus Lehrfreiheit, Basellandschaftliche Zeitung, 20.3. von Hans Fahrländer

Nun hat Bonati eine 200-seitige Untersuchung über «Das Gymnasium im Spiegel seiner Lehrpläne» vorgelegt. Was nach einer Studie für Gymnasiums-Insider tönt, erweist sich alsbald als grundlegende Standortbestimmung für diesen Schultypus – und als Aufforderung zu Reformen, damit das Gymnasium in einer rauer gewordenen Konkurrenzsituation sein Profil schärfen kann.

Fast alle machten mit
Das Buch ist nicht (nur) im stillen Kämmerlein entstanden: Bonati hat alle 149 anerkannten Maturitätsschulen des Landes angeschrieben, 144 von ihnen haben ihre Mitarbeit zugesagt – eine Traumquote. Damit konnten die Lehrpläne erstmals in ihrer Gesamtheit untersucht und eine Forschungslücke geschlossen werden. Der Untersuchungszeitraum umfasst die 20 Jahre seit Inkraftsetzung des Maturitäts-Anerkennungs-Reglementes MAR 95.

Peter Bonati wollte vor allem wissen: Sind die in den Lehrplänen beschriebenen Anforderungen vergleichbar, damit die im MAR verlangte Gleichwertigkeit aller Maturitätszeugnisse gewährleistet ist und der prüfungsfreie Übertritt an die Hochschulen auch in Zukunft gesichert werden kann? Und: Ist ein Kompromiss zwischen dieser Gleichheits-Anforderung und der in der Schweiz hochgehaltenen Autonomie der einzelnen Schulen und Lehrpersonen möglich?

Die Vorgaben sind zu vage
Der Autor kommt im Wesentlichen zu folgenden Ergebnissen:
■ Aufgrund allzu vager Vorgaben im MAR 95 und im nationalen Rahmenlehrplan sind die Lehrpläne der Schweizer Gymnasien kaum vergleichbar. Zudem variiert die «Regelungsdichte» stark.
■ Die Federführung bei der Erarbeitung (Bonati nennt sie «Lehrplanmacht») liegt an unterschiedlichen Orten: bei den Kantonen oder bei den einzelnen Schulen. Das verstärkt die Unterschiede.
■ Die für das Gymnasium geforderten allgemeinbildenden Ziele kommen vielerorts zu kurz, zum Beispiel im Deutsch und bei den Fremdsprachen.
■ Der fächerübergreifende Unterricht und die Förderung überfachlicher Kompetenzen fristet vielerorts noch ein Mauerblümchendasein (das entsprechende Kapitel trägt den schönen Titel «Dornröschen wartet»).
■ Vielerorts zu schwach ausgebildet ist der Bereich der ethischen Bildung.
■ Viele Lehrpläne weisen formale Mängel auf, sie sind überladen, Schlüsselbegriffe werden zu wenig erklärt und die Fachlehrpläne sind uneinheitlich aufgebaut. Von der Diagnose zur Therapie Nach der nicht nur erbaulichen Diagnose: Was empfiehlt Peter Bonati den Verantwortlichen für die Zukunft? Unter anderem dies:
■ Der Bildungszielartikel im MAR95 und der Rahmenlehrplan sollten von Grund auf überarbeitet werden.
■ Die Lehrpläne sind auf den Hochschulzugang zu fokussieren und von einem Wust an Details zu entrümpeln.
 ■ Die überfachlichen Kompetenzen und die Ergänzungsfächer sind aufzuwerten.
■ Die Fachlehrpläne, die teils über 20 Jahre alt sind, wären dringend zu modernisieren und an die heutige Zeit anzupassen.

Bonati bleibt nicht bei der Theorie stehen, sondern vermittelt praktische Anleitungen zur Erarbeitung eines Lehrplans – sein Buch trägt denn auch den/die Untertitel «Untersuchungen, Praxisimpulse, Perspektiven».

Plädoyer für die Lehrpläne
Der Autor bezeichnet die Lehrpläne als taugliche Beurteilungsmittel für die Qualität eines Gymnasiums und verteidigt sie gegen andere Steuerungsinstrumente wie etwa zentrale Prüfungen oder Bildungsmonitorings. Diese werden von der Bildungswissenschaft gerne als wirksamer eingeschätzt.


Was Bonatis Buch weit über Fachzirkel hinaus lesenswert macht: Er unterstreicht zwar die Bedeutung der Lehrpläne, aber er bleibt nicht bei ihnen stehen. Er formuliert ein paar spannende und vor allem mutige Thesen zur Zukunft des Gymnasiums und des schweizerischen Bildungssystems. Für ihn steht die scharfe Umschreibung von Lerninhalten vor der Formulierung von Kompetenzen (siehe die hektische Debatte um den Volksschullehrplan 21); natürlich funktioniert das eine nicht ohne das andere. Bonati ist auch überzeugt, dass die Lehrfreiheit an Gymnasien ein verteidigungswürdiges Gut ist. Er redet deshalb einer «mittleren Regelungsdichte» das Wort. Es ist dies ein Weg, der sowohl einheitlichere und allgemein anerkannte Maturitätsausweise wie auch die Aufrechterhaltung der Lehrfreiheit ermöglicht.

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