1. September 2016

Schwerer Stand für Mille-feuilles-Autorin

Beim Frühfranzösisch scheiden sich die Geister. Besonders umstritten ist dabei das Lehrmittel «Mille feuilles»: Die einen begrüssen den neuen Ansatz, der ohne trockenes Grammatikbüffeln die Neugier für die Sprache wecken soll. Andere halten ihn für chaotisch und ineffizient. Die Grünliberale Partei (GLP) brachte daher am Dienstagabend in der Safran-Zunft unterschiedliche Standpunkte auf den Tisch. Bei der Podiumsdiskussion stand dabei nicht nur das Französisch-Lehrmittel, sondern generell das interkantonale Fremdsprachen-Konzept «Passepartout» zur Debatte. Dieses sieht seit 2011 vom dritten Primarschuljahr bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit zwei bis drei Wochenlektionen Französisch vor.
Hitzige Debatte um den Französisch-Unterricht, Basler Zeitung, 1.9. von Michel Schultheiss


Heftige Kritik aus dem Publikum musste dabei Gwendoline Lovey als Mitautorin von «Mille feuilles» einstecken. Die Lehrerin und Fachdidaktikerin verteidigte das Lehrmittel: Sie habe aus Schulen durchwegs positive Feedbacks erhalten. Die Schüler verlören nämlich mit der neuen Methode die Angst vor Sätzen mit unbekannten Wörtern. Zudem sieht sie einen demokratischen Gedanken hinter dem frühen Start: «In der Volksschule sollen alle Kinder die Chancen kriegen, zwei Sprachen kennenzulernen.» Dass bei den Kleinen noch vieles übers Gehör passiere, sei zudem ein Vorteil.

Die Linguistin Simone Pfenninger, deren Studie zum frühen Spracherwerb grosse Beachtung fand, widersprach: Der Faktor Alter sei nicht so wichtig fürs Lernen wie bisher angenommen. Die Ergebnisse zum frühen Sprachunterricht seien relativ enttäuschend ausgefallen – wobei sie betonte, dass sich nicht alle ihrer Untersuchungen beim Englischen auch auf das Französisch übertragen liessen. «Es ist ein Trugschluss, dass sich möglichst früh besser lernt», sagte Pfenniger. Später, dafür intensiv sei besser. Die Mehrsprachigkeit daheim liesse sich nicht einfach im Klassenzimmer simulieren.
Taugliches Instrument gefordert
Dieter Baur, Leiter Volksschulen beim Basler Erziehungsdepartement, räumte ein, dass der Begriff «Sprachbad» vielleicht etwas unglücklich gewählt sei, befürwortete aber die Idee dahinter. Er entgegnete den Passepartout-Kritikern, die Erwartungen nicht zu hoch zu setzen: Eine perfekte Sprachbeherrschung sei in der Primarschule gar nicht das Ziel.
Auch Gaudenz Löhnert von der Geschäftsleitung der Freien Schulsynode (FSS) plädierte dafür, sich nicht vom Lehrmittel fesseln zu lassen und offen für Neues zu sein. Anderer Meinung war hier Philipp Loretz vom Baselbieter Lehrerinnen- und Lehrerverband: «Sie müssen den Lehrpersonen ein taugliches Instrument in die Hände geben.» Der ehemalige Fremdsprachen- und Deutschlehrer Felix Schmutz äusserte ebenfalls Bedenken: Kleinere Kinder lernten noch über Imitation – Grammatik sei ihnen noch zu abstrakt. Die jetzigen zwei bis drei Stunden Franz reichten dafür nicht. «Im Primarschulalter müssten die Schüler dauerbeschallt werden», sagte Schmutz. Zudem hielt er fest, dass ein erfolgreicher Fremdsprachenunterricht strukturiert sein müsse. Dies fehle etwa bei «Mille feuilles»: Zwischen den sogenannten «authentischen Texten» und den anwendungsorientierten Aufgaben klaffe ein Loch.


Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer darin, dass Überarbeitungen des Lehrmittels sinnvoll sind – auch wenn dies aus der Sicht der Kritiker reichlich spät passiert. Die sechs Passepartout-Kantone haben bereits Anpassungen vorgenommen: Das Franz-­Lehrmittel wird etwa mit einer Grammatikbeilage versehen.

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