Er ist offiziell noch nicht tot, der
Bildungsraum Nordwestschweiz. Doch in der Praxis haben die Bildungsdirektoren
der Kantone Basel-Stadt, Baselland, Aargau und Solothurn ihn inzwischen still
und leise beerdigt, nachdem Pleiten, Pech und Pannen dominierten. Im laufenden
Jahr sind keinerlei gemeinsame Projekte mehr kommuniziert worden. Von den
einstigen Promotoren des einheitlichen Schulsystems wird Christoph Eymann Ende
Januar 2017 als letzter aus dem Amt scheiden. Rainer Huber (Aargau), Urs
Wüthrich (Baselland) und Klaus Fischer (Solothurn) sind schon längst nicht mehr
im Amt. Mit jedem Rücktritt wurde ein weiteres Stück der Harmonisierungsträume
begraben.
Pleiten, Pech und Pannen bis zum bitteren Ende, Basler Zeitung, 30.8. von Thomas Dähler
Zwar werden die Tests P3, P6 und S3 in den Primar- und
Sekundarschulen der vier Kantone zumindest teilweise weiter durchgeführt. Aber
schon zu den Tests vom September 2015 ist kein gemeinsamer Bericht mehr
erschienen. Schuld daran sind «technische Probleme» beim beauftragten Institut
der Universität Zürich, wie dies Professor Urs Moser der BaZ wiederholt
beteuert hat. Doch keiner der vier Kantone scheint dies wirklich zu stören.
Denn Gemeinsames läuft in den vier Kantonen ohnehin nicht mehr. Im Gegenteil:
Die Schulsysteme driften weiter auseinander. Der Kanton Baselland hat sich von
den geplanten Sammelfächern verabschiedet. Der Kanton Aargau setzt seinen
Sololauf beim Fremdsprachenkonzept fort und sieht inzwischen eher
Harmonisierungsbedarf mit Zürich als mit den Nordwestschweizer Partnern. Und
bei der Universität Basel haben die Kantone Solothurn und Aargau in der Frage
einer gemeinsamen Trägerschaft längst abgewinkt. Zur Zusammenarbeit verurteilt
sind die vier einst erklärten Partner einzig noch bei der gemeinsamen
Fachhochschule.
Auch aus mehreren der einst verkündeten Projekte wurde nichts. Die
gemeinsame Sekundarschulstruktur mit entsprechender Durchlässigkeit, die
einheitlichen Übertrittskriterien, die freie Schulwahl oder die Rekrutierung
von Lehrmitteln im Verbund wurden nie realisiert. Inzwischen ist für den Aargau
Zürich wieder wichtiger geworden, für Solothurn Bern. Auch Baselland und
Basel-Stadt haben einst beschlossene Gemeinsamkeiten wieder aufgegeben, etwa
die Wahlfreiheit für angehende Gymnasiasten. Auch die beschlossene gemeinsame
Stundentafel für die Sekundarschulen wackelt unterdessen wieder, nachdem deren
Einführung vorerst ausgesetzt wurde.
Zustande gekommen war die Regierungsvereinbarung über den
Bildungsraum Nordwestschweiz im Dezember 2009, nachdem sich die Idee eines
Staatsvertrags über ein gemeinsames Bildungssystem nicht durchgesetzt hatte.
Der Aargauer Bildungsdirektor Huber war schon zuvor über sein ambitioniertes
Reformprojekt «Bildungskleeblatt» gestolpert und abgewählt worden. Doch die
Kantone Solothurn und Baselland retteten die Zusammenarbeit 2010 mit dem
gleichzeitigen Volks-Ja zum Harmos-Konkordat. Im Baselbiet war es das Volk, das
dem im Landrat aufgelaufenen Bildungsdirektor Wüthrich zu Hilfe eilte und der
Vereinbarung zum Bildungsraum Nordwestschweiz mit hohen 68 Prozent Ja-Stimmen
den Segen erteilte.
Weitgehend toter Buchstabe
Doch das Vertragswerk, dem die 68 Prozent Ja-Stimmen aus dem
Baselbiet galten, ist weitgehend toter Buchstabe geblieben. In der noch immer
gültigen Regierungsvereinbarung stehen lauter Zusammenarbeitsverpflichtungen,
die keiner mehr einhält. Die «gegenseitigen Absprachen vor wichtigen kantonalen
bildungspolitischen Weichenstellungen» (Par. 2, Lit. 1a) finden nicht mehr
statt. Der Basler Eymann bedauert zwar noch, wenn das Volk im benachbarten
Baselbiet nicht in seinem Sinn entscheidet, doch zwischen ihm und der
Baselbieter Wüthrich-Nachfolgerin Monica Gschwind herrscht ohnehin Eiszeit.
«Anstösse zur schrittweisen Ausrichtung der kantonalen Gesetzgebungen auf
gemeinsame Zielsetzungen» (Par. 2, Lit. 1b) sind keine auszumachen. Der Aargau
hat die Partner vor seinem jüngsten Fremdsprachen-Entscheid nicht einmal
konsultiert, wie Simone Strub vom Departement Bildung, Kultur und Sport in
Aarau gegenüber der BaZ einräumte. Ein «jährliches Tätigkeitsprogramm» (Par. 6,
Lit 1) wird nicht mehr publiziert. Der Bildungsbericht, der 2015 hätte
erscheinen sollen (Par. 7, Lit. 4), erscheint erst 2017, wenn Basel-Stadt und
nicht mehr der Aargau federführend ist. Gescheitert ist der Bildungsraum an den
hohen Harmonisierungsansprüchen. Offen ist, ob er eine neue Chance erhält, wenn
alle vier der einstigen Harmonisierungsturbos abgetreten sind.
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