In den Kindergärten gibt es mehr und mehr schwierige Kinder.
Kindergärtnerinnen machen sich Sorgen. Der Kanton Zürich hat darum eine
Arbeitsgruppe eingesetzt.
Verhaltensauffälligkeiten bei den Kleinsten nehmen zu, Bild: Gaetan Bally
Kindergärtnerinnen am Anschlag, NZZaS, 21.2. von René Donzé
Sein
Bein schnellt blitzschnell nach vorne, und schon stolpert das kleine Mädchen
darüber, fällt hin, beginnt zu weinen. Immer wieder treibt der kleine Knabe
sein Spielchen, wenn ein Gschpänli an ihm vorbeilaufen will. Das ist nur eines
von vielen Beispielen, die Brigitte Fleuti erzählt, wenn man sie nach
verhaltensauffälligen Kindern im Kindergarten fragt.
Die
Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich (VKZ) spricht von einer
«beträchtlichen Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten» bei den Kindern auf
ihrer Stufe. Das Spektrum ist breit und reicht vom absolut schweigsamen bis hin
zum ständig aggressiven Kind. Aufgrund der Rückmeldungen, die
sie von ihren Mitgliedern erhält, schätzt sie den Anteil der
verhaltensauffälligen Kinder auf zwischen 20 und 80 Prozent. «Der Unterricht
kann mitunter massiven Störungen ausgesetzt sein», sagt Fleuti.
Die Erziehung fehlt
Dabei
handelt es sich nicht nur um ein Zürcher Problem. Gesicherte Zahlen dazu gibt
es in der Schweiz zwar noch nicht. Das Bundesamt für Statistik ist im Moment
erst daran, entsprechende Auswertungen vorzunehmen. In Deutschland ergab die
Braunschweiger Kindergartenstudie für 18 Prozent der Buben und 16 Prozent der
Mädchen Verhaltensstörungen, bei weiteren 15 Prozent der Buben und 23 Prozent
der Mädchen stellte die Untersuchung eine grenzwertige Auffälligkeit fest. Für
die Schweiz konstatiert Beatrice Kronenberg, Direktorin des Schweizer Zentrums
für Heil- und Sonderpädagogik: «Es gibt immer mehr Kinder mit
Verhaltensauffälligkeiten bereits im Kindergarten.»
Die
Gründe dafür seien vielfältig, sagt sie. Teilweise mangle es an der Erziehung.
«Diesen Kindern fehlt dann die Erfahrung, sich in eine Gruppe einzuordnen, zu
warten, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen.» Schuld sei auch der häufige
Einsatz elektronischer Medien, um die Kinder ruhigzustellen. Einfluss habe
zudem eine falsche Ernährung. Vermehrt würden auch genetische Störungen
auftreten.
Ruth
Fritschi, Zuständige für Kindergarten und Eingangsstufe beim Schweizer
Lehrerverband (LCH), sagt: «Es gibt generell eine Zunahme von
verhaltensauffälligen Kindern, aber das betrifft alle Schulstufen, nicht nur
den Kindergarten.» Sie führt das unter anderem auf gesellschaftliche
Entwicklungen und den Einfluss anderer Kulturen zurück. Ein Problem stelle auch
die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen dar. «Die Kindergärten spüren
solche Veränderungen als Erste.» Dort würden sie sich besonders belastend
auswirken, weil die Kinder noch recht unselbständig seien, sagt Fritschi.
Einen
Hinweis dafür, dass die Zürcher Kindergärten ein Problem haben, liefert auch
die Repetitionsquote. Während diese auf allen Schulstufen rückläufig ist,
steigt sie bei den Kindergartenkindern weiter an. Von 2001 bis 2014 wuchs der
Anteil der Buben, die ein drittes Kindergartenjahr anhängen mussten, von 1,6
auf 2,9 Prozent. Bei den Mädchen hat er sich nach einem ersten Anstieg wieder
bei 1,5 Prozent eingependelt. Fachleute vermuten, dass dies mit dem Trend zur
immer früheren Einschulung der Kinder zusammenhängt.
Kontroverse um Beurteilung
Das
Volksschulamt des Kantons Zürich hat auf die Klagen aus den Kindergärten
reagiert und eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Diese hat Kindergärtnerinnen,
Schulpsychologen und weitere Experten befragt und die Ergebnisse ausgewertet.
Dabei zeigte es sich, dass das Problem unterschiedlich ausgeprägt wahrgenommen
wird. Wie dem Schlussbericht zu entnehmen ist, konstatieren die Fachpersonen
aus dem Vorschulbereich eine klare Zunahme. Und die Kinderstation Brüschhalde
der Psychiatrischen Universitätsklinik beobachtet «vermehrt komplexe
Störungsbilder bereits bei jungen Kindern».
Weniger
dramatisch sehen dies indes die Schulpsychologischen Dienste (SPD). Wie im
Schlussbericht steht, stellten drei der vier befragten Dienste eine leichte
oder geringfügige Zunahme fest, einer meldet keine Veränderung. Nur gut ein
Prozent der Kindergartenkinder wurde wegen des Verhaltens bei den SPD
angemeldet. 35 Kinder in diesen vier Bezirken (0,45 Prozent) erhielten deswegen
eine Sonderschulung. «Längst nicht alle Fälle werden dem SPD gemeldet», sagt
dazu VKZ-Präsidentin Fleuti. «Das Thema wird kontrovers beurteilt», sagt Urs
Meier, Verantwortlicher für Sonderpädagogisches auf dem Zürcher Volksschulamt.
Er spricht von einer «leichten Zunahme» der Fälle.
Der
Kanton verzichtet darum auch darauf, das Problem der Kindergärten separat
weiterzuverfolgen. Er will es auf allen Schulstufen angehen. So hat das
Volksschulamt eine Broschüre zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und eine
über den Einsatz von Schulassistenzen im Rahmen des Unterrichts herausgegeben.
Zudem werden Weiterbildungen zum Thema angeboten.
Für
die Zürcher Kindergärtnerinnen ist das nicht genug. Brigitte Fleuti fordert
eine Reduktion der Klassengrössen, vermehrt Halbklassenunterricht, einen Topf
mit zusätzlichen Stellenprozenten für Notsituationen und die Möglichkeit von
Time-outs für ganz schwierige Fälle. Und Ruth Fritschi vom LCH sagt: «Es ist
wichtig, dass die Rahmenbedingungen stimmen und die Kindergärten genügend
Ressourcen zugesprochen erhalten.»
"Vermehrt würden auch genetische Störungen auftreten". Was ist darunter zu verstehen?
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