Lehrer
sollen Schüler charakterlich bewerten – das Vorhaben ist hoch umstritten.
Im Lehrplan 21 sollen auch die "überfachlichen Kompetenzen" gemessen und bewertet werden, Bild: R. Oeschger
Vermessene Vermessung, Sonntagszeitung, 21.2. von Nadja Pastega
Auf der
Bühne der Aula des Gymnasiums Lerbermatt in Köniz stand der Berner
Erziehungsdirektor Bernhard Pulver, flankiert von zwei Protokollschreibern an
Flipcharts. Was der grüne Regierungsrat in seinem Hearing am letzten Mittwoch
vor rund 200 geladenen Lehrern präsentierte, hatte es in sich: Mit der
Umsetzung des Lehrplans 21, des gemeinsamen Regelwerks für die 21
Deutschschweizer Kantone, müssen die Lehrer künftig auch Charaktereigenschaften
und Haltungen ihrer Schü- ler bewerten. Diese sogenannten überfachlichen Kompetenzen
sollen gemäss Entwurf der Berner Erziehungsdirektion in die Schlussnote der
einzelnen Fächer einfliessen. Auf einem separaten Bewertungsformular müssen die
Lehrer zudem die «personalen und sozialen Kompetenzen» der Schüler ausweisen.
Den
Entwurf der Berner Erziehungsdirektion zum neuen Beurteilungsraster auf der
Sekundarstufe machte gestern die «Basler Zeitung» publik. Das sechsseitige
amtliche Dokument, das der SonntagsZeitung vorliegt, basiert auf dem
umfangreichen Katalog, den der Lehrplan 21 vorgibt. Zwar wird das Verhalten der
Schüler bereits heute in den meisten Kantonen beurteilt – doch das Berner
Modell geht weit darüber hinaus.
Ideologisch gefärbte Einschätzungen
So
sollen die Lehrer ihre Zöglinge einmal pro Jahr auf einer Skala von 1 bis 10
charakterlich vermessen. Qualifikationen soll es geben für Selbstreflexion,
Selbstständigkeit und Eigenständigkeit, hinzu kommt eine Bewertung von Dialog-,
Kooperations- und Konfliktfähigkeit. Zensuren sollen auch verteilt werden für
ideologisch gefärbte Einschätzungen wie «Umgang mit Vielfalt». Was darunter zu
verstehen ist, steht in den amtlichen Erläuterungen: Die Schüler sollen die
«Vielfalt» von Religionen, Kulturen und Lebensformen «als Bereicherung
erfahren» und «die Gleichberechtigung mittragen». Vorgesehen sind auch
Bewertungen für Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein,
Ordnungssinn, Höflichkeit und Umgangsformen.
«Buben werden schlechter wegkommen als
Mädchen»
Das
Vorhaben ist hoch umstritten. Für Alain Pichard, Lehrer in Biel und Initiant
des lehrplankritischen Memorandums «550 gegen 550», ist die «psychometrische
Vermessung» der Kinder «inakzeptabel». Man könne Verhalten und Charakter gar
nicht objektiv beurteilen. Zudem sei unklar, wie man das genau bewerten müsse.
Beispiel
Selbstreflexion: «Wenn ein Schüler eine 2 in Mathematik macht und sagt, er
komme nicht draus, er sei zu dumm, ist das dann eine gute Selbstreflexion?»
Gewisse Formulierungen seien «unglaublich», so Pichard. «Wie sollen wir zum
Beispiel das Verhalten ‹Die Schüler können Gefühle wahrnehmen und
situationsangemessen ausdrücken› bewerten? Heisst das, dass sie nicht mehr
Scheisse sagen dürfen?»
Kritik
kommt auch von Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Dass die
Pädagogen die Sozialkompetenz ihrer Schüler bewerten sollen, sei «anmassend».
Man schanze den Lehrern eine Aufgabe zu, die sie gar nicht erfüllen könnten, so
Guggenbühl. In Fachkreisen sei längst klar, dass man vom Verhalten allein nicht
auf die Sozialkompetenz und die Persönlichkeit schliessen könne.
«Das
Verhalten ist immer abhängig von der Situation. Wenn es in einer Klasse
Spannungen gibt oder ein Lehrer unsympathisch ist, werden die Schüler eher blöd
tun und frech auftreten», sagt Guggenbühl, «das heisst aber nicht, dass sie
sozial inkompetent sind, sondern dass sie auf die Situation reagieren.»
«Problematisch»
sei das geplante Bewertungsraster auch deshalb, weil es «eine Form von
oberflächlicher Anpassungsleistung» fördere. Jene Schüler, die dem Lehrer nach
dem Mund redeten und brav aufträten, bekämen eine bessere Beurteilung als jene,
die widersprächen, provozierten und aneckten. «Buben werden damit schlechter
wegkommen als ihre Mitschülerinnen – Mädchen sind geschickter darin, sich so zu
verhalten, wie es der Lehrer wünscht.» Für Guggenbühl ist klar: «Was man da
vorhat, muss man wieder streichen. Das ist einfach Unsinn.»
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