Kontroverse um neue Schulzeugnisse, Bund, 23.2. von Adrian Moser
Ein Zeugnis, in dem lediglich zu jedem
Fach eine Note steht, wird einem Schüler nicht gerecht. Diese Ansicht hat sich
im Kanton Bern schon vor längerer Zeit durchgesetzt. Zusätzlich zu den Noten
bekommen die Kinder deshalb Rückmeldungen zu Teilbereichen wie Hörverstehen
oder Vorstellungsvermögen. Ausserdem enthält das Zeugnis auch Bewertungen des
Arbeits- und Lernverhaltens.
Das soll sich
ändern, wie der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne)
entschieden hat. Er beabsichtigt, künftig auf die Bewertung der Teilbereiche
und des Arbeits- und Lernverhaltens zu verzichten.
Im
Kindergarten und vielleicht sogar in der ersten Klasse soll es keine
obligatorische Bewertung mehr geben. Und in der Oberstufe sollen die Schüler
nur noch einmal pro Jahr ein Zeugnis erhalten. Pulver hat diese Pläne bisher
nicht öffentlich gemacht, obwohl es sie schon länger gibt.
Dass er es
jetzt auf Anfrage tut, liegt daran, dass übers Wochenende massive Kritik laut
geworden ist. Die Stossrichtung: Pulver wolle die Schüler in Zukunft
detaillierter bewerten als heute – neu solle es auch für «Charaktereigenschaften»
Zensuren geben.
Auslöser der
Kritik ist ein Dokument, das die «Basler Zeitung» am Samstag publik gemacht
hat. Es ist eine Anleitung für die Berner Lehrer, wie sie künftig die
«personalen und sozialen Kompetenzen» ihrer Schüler einschätzen sollen.
Pro Fach soll
es auf einer Skala von 1 bis 10 Rückmeldungen zu den Bereichen Selbstreflexion,
Selbstständigkeit und Eigenständigkeit geben. Auch Eigenschaften wie
Pünktlichkeit und Ordnungssinn sollen bewertet werden. Und unter dem Titel
«Soziale Kompetenzen» sollen die Lehrer etwa die Kooperationsfähigkeit ihrer
Schüler und deren «Umgang mit Vielfalt» einschätzen.
Der Bieler
Lehrer und Lehrplan-21-Kritiker Alain Pichard sagte in der «SonntagsZeitung»,
diese Pläne seien «inakzeptabel». Er sieht sich in seiner Befürchtung
bestätigt, mit dem Lehrplan 21 werde eine «psychometrische Vermessung» der
Schüler eingeführt.
«Es wird weniger vermessen»
Erziehungsdirektor
Pulver weist die Kritik zurück. Das Dokument sei ein erster Entwurf und werde
noch vereinfacht. Ausserdem müsse man es im Zusammenhang mit den Anpassungen
sehen, die er bei den Zeugnissen plane. Pulver verspricht: «Die Beurteilung
wird in Zukunft einfacher sein als heute, und die Schüler werden nicht mehr,
sondern weniger vermessen werden.»
Die Bewertung
der «überfachlichen Kompetenzen», an der sich nun die Kontroverse entzündet
hat, soll laut Pulver vor allem den Lehrbetrieben dienen. Im Moment trauen
viele Lehrbetriebe dem Schulzeugnis nicht. Sie verlangen von Bewerbern deshalb
von Privaten angebotene Eignungstests wie den Multicheck oder führen selber
Tests durch.
Pulver will,
dass sich das ändert: «Es ist mein Ehrgeiz, dass die Schulen den Lehrbetrieben
eine Einschätzung bieten können, die ihnen genügt.» Laut Pulver hätten die
Lehrbetriebe am liebsten eine Bewertung, die auf der Liste der zehn
Schlüsselkompetenzen basiert, die die bernischen Berufsberatungs- und
Informationszentren erarbeitet haben.
Die Liste
beginnt mit dem Satz: «Wenn du dich in der Lehre richtig verhältst, hast du
mehr Erfolg.» Dann folgen Kompetenzen wie Einsatzfreude, Ordnungssinn und
Höflichkeit. Pulver will Vertreter der Lehrbetriebe zu einem runden Tisch
einladen, um sich noch einmal anzuhören, was ihre Bedürfnisse sind.
Im April will
er seine Pläne für die angepasste Beurteilung in die Konsultation schicken. Er
betont, dass noch nichts definitiv sei. Es sei auch möglich, dass er am Ende
auf die Beurteilung der überfachlichen Kompetenzen komplett verzichte.
Bildung Bern,
wie der Lehrerverband nun heisst, begrüsst Pulvers Bemühungen. «Wir setzen uns
für eine einfachere Beurteilung ein und haben den Eindruck, dass die
Erziehungsdirektion auf einem guten Weg ist», sagt Franziska Schwab, Leiterin
Pädagogik.
Zwar sei auch
Bildung Bern der Meinung, dass der Bewertungsbogen für die überfachlichen
Kompetenzen noch überarbeitet werden müsse, doch es gebe keinen Grund, «bereits
wieder in Panik auszubrechen». Im Gegenteil: «Ich habe noch nie erlebt, dass
ein Erziehungsdirektor seine Neuerungen so breit abstützt, wie Pulver es tut.»
Nicht
umstimmen lässt sich Alain Pichard. Eine Bewertung des Arbeits- und
Lernverhaltens wie bisher sei akzeptabel, sagt er. Alles, was darüber
hinausgehe, gehe zu weit.
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