Die
Wogen gingen hoch, nachdem der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver
(Grüne) letzte Woche im Gymnasium Lerbermatt den Entwurf der neuen
Beurteilungsberichte nach Lehrplan 21 vorgestellt hatte. Der Bieler Lehrer
Alain Pichard und Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl äusserten am
Wochenende harsche Kritik: Die «psychometrische Vermessung» der Kinder sei «inakzeptabel».
Sie stören sich insbesondere an der neu vorgesehenen Bewertung von Verhalten
und Charakter der Schüler (siehe BT von gestern).
Pulvers Beurteilungsschema wirft Fragen auf, Bild: Andreas Blatter
"Wir wollen das genaue Gegenteil", Bieler Tagblatt, 23.2. von Marius Aschwanden
Jetzt versucht Pulver, die Wogen zu glätten:
«Was wir wollen, ist das genaue Gegenteil: weniger Vermessung, weniger
Beurteilung und weniger Zeugnisse.»
Begründete Kritik
Ursprung
der Kritik ist ein sechsseitiges Dokument, das die «Basler Zeitung» am Samstag
publik machte. Darin ist ersichtlich, dass Lehrpersonen im Kanton Bern in den
siebten bis neunten Schuljahren künftig auch die «personalen und sozialen
Kompetenzen» ihrer Schüler ausweisen müssen. Entsprechende Bewertungen gibt es
etwa für Selbstreflexion und Selbstständigkeit. Hinzu kommen Punkte für
Dialog-, Kooperations- und Konfliktfähigkeit sowie für ideologisch gefärbte
Einschätzungen wie «Umgang mit Vielfalt».
«Diese
Kategorien sind tatsächlich problematisch», sagt auch Bernhard Pulver.
Insbesondere ideologische Einschätzungen hätten dort nichts verloren. So habe
es sich auch nur um einen ersten Entwurf gehandelt, «mit dem ich selber noch
nicht glücklich bin», sagt er. Hingegen dürfe das Dokument auch nicht aus
seinem Zusammenhang gerissen werden. Und um diesen zu verstehen, müsse man die
Entstehungsgeschichte des Bewertungsschemas kennen.
Anspruch der Lehrbetriebe
Die
geplante Einführung des Lehrplans 21 auf das Schuljahr 2018/2019 erfordert auch
eine Anpassung der Bewertung in der Volksschule. «Im Zentrum stand dabei stets
eine Vereinfachung der Zeugnisse», sagt Pulver. So habe er Mitte 2015 in vier
Hearings vor Lehrpersonen verschiedene Änderungen präsentiert: Die Zeugnisse im
Kindergarten und der ersten Klasse werden abgeschafft, die überfachlichen
Kompetenzen wie «Arbeits- und Lernverhalten» werden aus den Zeugnissen
gestrichen, und in der Oberstufe gibt es anstelle von zwei nur noch ein Zeugnis
pro Schuljahr. «Diese Änderungen wurden zwar gut aufgenommen. Die
Oberstufenlehrer haben aber darauf hingewiesen, dass Lehrbetriebe in
Bewerbungsschreiben auch eine Bewertung von überfachlichen Kompetenzen verlangen
würden», so Pulver.
Pulver gibt sich
selbstkritisch
Deshalb
habe sich die Erziehungsdirektion mit Wirtschaftsvertretern zusammengesetzt, um
deren Erwartungen an ein Zeugnis zu eruieren. Auf dieser Grundlage sei
anschliessend das vergangene Woche vorgestellte Bewertungsschema der
«personalen und sozialen Kompetenzen» erarbeitet worden. «Die Einschätzung hat
mit der Notengebung aber nicht das Geringste zu tun», hält Pulver fest.
Vielmehr soll es eine Alternative zum mittlerweile weit verbreiteten Multicheck
sein. Mit diesem Test können Schüler auf Lehrstellensuche ihre überfachlichen
Kompetenzen darlegen.
Pulvers 180°Grad Wende: Sensationell, wie er sich aus dem Kakao zu winden versucht. Der Mann kann offenbar alles rechtfertigen. Immerhin ist nun klar, dass nochmals überarbeitet wird. Der Schlag aus der Presse von Samstag und Sonntag kam konzentriert, heftig und platziert. Er wird auch in den anstehenden Debatten zum LP 21 nachhallen.
AntwortenLöschenDas erinnert doch sehr an die Methode des EU-Oberkommissars Jean-Claude Juncker:
AntwortenLöschen"Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." - in Die Brüsseler Republik, Der Spiegel, 27. Dezember 1999.