Im lesenswerten Artikel erklärt Pulver auch, wie er im Kanton Bern die Opposition gegen den Lehrplan 21 besänftigt und warum er Volksabstimmungen über den Lehrplan 21 für falsch hält. (uk)
"Im Kanton Bern im Moment kein Widerstand", Bild: Lukas Lehmann
"Das ist ein grosses Missverständnis", Tages Anzeiger, 7.11. von Martin Wilhelm
Herr Pulver, der Lehrplan 21 ist überarbeitet worden. Ist
dieser nun ein rundum gelungener Wurf?
Ich glaube, der Lehrplan 21 ist ein wirklich guter Lehrplan. Wir haben den Wunsch erfüllt, die Inhalte zu harmonisieren, die die Schule vermittelt. Wir haben ihn noch einmal abgespeckt – und er lässt den Lehrern Freiräume.
Ich glaube, der Lehrplan 21 ist ein wirklich guter Lehrplan. Wir haben den Wunsch erfüllt, die Inhalte zu harmonisieren, die die Schule vermittelt. Wir haben ihn noch einmal abgespeckt – und er lässt den Lehrern Freiräume.
Der
Umfang des Lehrplans stiess auf einige Kritik, obwohl manche kantonale
Lehrpläne nicht dünner sind. Nun umfasst er 470 statt 557 Seiten. Eine
Pro-Forma-Kürzung, um die Kritiker zufriedenzustellen?
Nein, nein, wir haben den Lehrplan auch inhaltlich überarbeitet. Wir haben dies mit der Grundhaltung getan, dass die Lehrpersonen die Fachpersonen sind. Ein Lehrplan ist ein Kompass, und nicht ein Gesetzbuch. Es geht nicht darum, dass jede Lehrperson mit jedem Schüler jede Zeile des Lehrplans auf jeden Fall umsetzt. In diesem Sinne haben wir versucht, den Lehrplan von Ballast zu befreien.
Nein, nein, wir haben den Lehrplan auch inhaltlich überarbeitet. Wir haben dies mit der Grundhaltung getan, dass die Lehrpersonen die Fachpersonen sind. Ein Lehrplan ist ein Kompass, und nicht ein Gesetzbuch. Es geht nicht darum, dass jede Lehrperson mit jedem Schüler jede Zeile des Lehrplans auf jeden Fall umsetzt. In diesem Sinne haben wir versucht, den Lehrplan von Ballast zu befreien.
Gegner
befürchten, in Zukunft werde in der Schule kein Wissen mehr vermittelt, weil
der Lehrplan 21 statt Stoffgebiete oder Lernziele Kompetenzen vorgibt. Sie
stehen hinter der Umstellung auf Kompetenzen. Wieso?
Das ist ein grosses Missverständnis. Die Idee, die Schule könnte Kompetenzen vermitteln ohne Inhalte, ist absurd. Es ist niemand kompetent, der nichts weiss. Wollen wir zum Beispiel die Kompetenz vermitteln, mithilfe einer Karte einen Ort zu finden, dann müssen die Schüler wissen, was ein Kartenmassstab ist. Sie müssen auch wissen, wo etwa Paris oder Chur liegen könnte, um überhaupt auf der richtigen Karte nachzusehen. Oder wenn sie einen schönen, komplexen Aufsatz schreiben können sollen, dann müssen sie etwas wissen, um es hinzuschreiben. Zudem: In letzter Zeit wurde häufig gesagt, die Kompetenzorientierung sei umstritten – dabei haben sich in der Vernehmlassung praktisch alle Fachpersonen und Beteiligten damit einverstanden erklärt.
Das ist ein grosses Missverständnis. Die Idee, die Schule könnte Kompetenzen vermitteln ohne Inhalte, ist absurd. Es ist niemand kompetent, der nichts weiss. Wollen wir zum Beispiel die Kompetenz vermitteln, mithilfe einer Karte einen Ort zu finden, dann müssen die Schüler wissen, was ein Kartenmassstab ist. Sie müssen auch wissen, wo etwa Paris oder Chur liegen könnte, um überhaupt auf der richtigen Karte nachzusehen. Oder wenn sie einen schönen, komplexen Aufsatz schreiben können sollen, dann müssen sie etwas wissen, um es hinzuschreiben. Zudem: In letzter Zeit wurde häufig gesagt, die Kompetenzorientierung sei umstritten – dabei haben sich in der Vernehmlassung praktisch alle Fachpersonen und Beteiligten damit einverstanden erklärt.
Der
Lehrplan ist sehr umständlich formuliert. Liegt es daran, dass es ein Missverständnis
gibt, wie Sie sagen?
Es hat sicher mit der Art zu tun, wie der Lehrplan formuliert ist. Früher schrieb man einfach «2. Weltkrieg», was man sofort versteht. Wenn wir heute schreiben: «Kann über geschichtliche Ereignisse des letzten Jahrhunderts diskutieren und einen Text schreiben», ist das komplizierter und kann zu Missverständnissen führen. Man muss aber auch sehen: Die Berufsbildung arbeitet seit Jahren bereits mit Kompetenzen – und niemand wirft ihr vor, es funktioniere nicht.
Es hat sicher mit der Art zu tun, wie der Lehrplan formuliert ist. Früher schrieb man einfach «2. Weltkrieg», was man sofort versteht. Wenn wir heute schreiben: «Kann über geschichtliche Ereignisse des letzten Jahrhunderts diskutieren und einen Text schreiben», ist das komplizierter und kann zu Missverständnissen führen. Man muss aber auch sehen: Die Berufsbildung arbeitet seit Jahren bereits mit Kompetenzen – und niemand wirft ihr vor, es funktioniere nicht.
Ändert
sich denn für die Schüler am Ende gar nichts?
Im Kanton Bern gehen wir davon aus, dass die Lehrerinnen und Lehrer am Tag der Einführung gleich Schule geben werden wie bisher. Die Lehrmittel für Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch bleiben dieselben. Kurz: Da ändert sich erst mal nichts. Aber: Der Lehrplan 21 fragt nicht mehr, welcher Stoff durchgenommen wurde, sondern, was die Schüler am Ende können. Das setzt voraus, dass jeder Lehrer die Wirkung seines Unterrichts auf seine Schüler beobachtet, was wiederum Veränderungen im Unterricht bringen wird. Doch dies machen die meisten Lehrerinnen und Lehrer schon heute.
Im Kanton Bern gehen wir davon aus, dass die Lehrerinnen und Lehrer am Tag der Einführung gleich Schule geben werden wie bisher. Die Lehrmittel für Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch bleiben dieselben. Kurz: Da ändert sich erst mal nichts. Aber: Der Lehrplan 21 fragt nicht mehr, welcher Stoff durchgenommen wurde, sondern, was die Schüler am Ende können. Das setzt voraus, dass jeder Lehrer die Wirkung seines Unterrichts auf seine Schüler beobachtet, was wiederum Veränderungen im Unterricht bringen wird. Doch dies machen die meisten Lehrerinnen und Lehrer schon heute.
In
einigen Kantonen hat sich Widerstand formiert. Es scheint, als konnten Sie
diesen im Kanton Bern besänftigen. Wie ist Ihnen dies gelungen?
Wir haben im Kanton Bern zu Veranstaltungen eingeladen. 2000 Lehrpersonen kamen, und von diesen wollte ich hören, welches Ihre Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen in Bezug auf den neuen Lehrplan sind. Sobald man dann zu diskutieren und erklären beginnt, merken die Lehrpersonen auch, was man von Ihnen erwartet. Ich glaube, es ist wichtig, dass man die Informationen auch wirklich hinüberbringt. Dass und dies gelang, ist vielleicht auch der Grund, wieso es im Kanton Bern im Moment keinen Widerstand gibt.
Wir haben im Kanton Bern zu Veranstaltungen eingeladen. 2000 Lehrpersonen kamen, und von diesen wollte ich hören, welches Ihre Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen in Bezug auf den neuen Lehrplan sind. Sobald man dann zu diskutieren und erklären beginnt, merken die Lehrpersonen auch, was man von Ihnen erwartet. Ich glaube, es ist wichtig, dass man die Informationen auch wirklich hinüberbringt. Dass und dies gelang, ist vielleicht auch der Grund, wieso es im Kanton Bern im Moment keinen Widerstand gibt.
Sie
haben selber mal gesagt, der Lehrplan 21 sei ein Auftrag der Gesellschaft an
die Schule. Was spricht dagegen, wenn nun Teile der Gesellschaft mitreden
wollen und eine Abstimmung fordern?
Für mich ist es eine Frage der Stufe. Soll wirklich ein Parlament über einen Lehrplan mit allen einzelnen Kompetenzen in Deutsch, Mathematik und Geografie diskutieren? Stellen Sie sich vor, ein Kantons- oder Grossrat diskutiert fünf Tage lang, ob man in Deutsch im 5. Schuljahr schon komplizierte Texte schreiben soll oder doch eher nicht. Ich glaube, dies würde zu einer Verpolitisierung der Schule und ihrer Inhalte führen. Die Schule bietet immer wieder die Möglichkeit, eine politische Debatte zu lancieren. Ich habe aber das Gefühl, wir müssen die Schule eher vor einer Verpolitisierung schützen. Darum dünkt es mich eigentlich falsch, wenn wir den Lehrplan vor das Parlament oder sogar das Volk bringen.
Für mich ist es eine Frage der Stufe. Soll wirklich ein Parlament über einen Lehrplan mit allen einzelnen Kompetenzen in Deutsch, Mathematik und Geografie diskutieren? Stellen Sie sich vor, ein Kantons- oder Grossrat diskutiert fünf Tage lang, ob man in Deutsch im 5. Schuljahr schon komplizierte Texte schreiben soll oder doch eher nicht. Ich glaube, dies würde zu einer Verpolitisierung der Schule und ihrer Inhalte führen. Die Schule bietet immer wieder die Möglichkeit, eine politische Debatte zu lancieren. Ich habe aber das Gefühl, wir müssen die Schule eher vor einer Verpolitisierung schützen. Darum dünkt es mich eigentlich falsch, wenn wir den Lehrplan vor das Parlament oder sogar das Volk bringen.

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