- Verakademisierung des Unterrichts.
- Transfer Theorie-Praxis gelingt nicht.
- Zu viele wissenschaftliche Arbeiten.
- Fehlender Praxisbezug der Dozenten.
- Fehlende Informationen.
Was läuft schief an der PH der FHNW? Bild: Oliver Menge
Angehende Lehrer kritisieren Ausbildung: "Bezug zur Praxis fehlt", Solothurner Zeitung, 7.11. von Lucien Fluri
Was läuft
schief an der Fachhochschule Nordwestschweiz und insbesondere an ihrer
Pädagogischen Hochschule? Und was wird dagegen getan? Das waren Fragen, die der
Grünliberale Dornacher Kantonsrat Rudolf Hafner der Solothurner Regierung in
einer Interpellation stellte. Insbesondere beim fehlenden Praxisbezug in der
Ausbildung der künftigen Lehrer sah Hafner grossen Handlungsbedarf.
Dazu hat die
Solothurner Regierung nur wenige Sätze verloren. Das Problem sei erkannt, die
Schule habe den Auftrag, Gegenmassnahmen zu unternehmen. Erste Ergebnisse
sollen Ende 2015 sichtbar sein.
Doch wo liegt
genau das Problem? Auf Anfrage dieser Zeitung äussern sich nun nochmals die
Studierenden der Pädagogischen Hochschule und benennen die Probleme, die
anzugehen sind. Verfasst haben die Antworten die Studierendenvertreter
students.ph Liestal unter ihrer Standortvertreterin Sigrid van Hoogevest. Die Liestaler
sind die einzige Studierendenvertretung, die laut Homepage derzeit an der PH
aktiv ist. Der students.ph-Rat hat derzeit kein Präsidium.
1 Der Unterricht ist zu «verakademisiert»
«Die
Pädagogische Hochschule vermittelt ihre – durchwegs guten – Inhalte vorwiegend
auf einer theoretischen Basis. Wir erkennen durchaus die Bedeutsamkeit
wissenschaftlicher Inhalte, jedoch fehlt in unseren Augen oft der Bezug zur
Praxis. Wir haben den Eindruck, dass wichtige Lerninhalte mit
wissenschaftlichen Texten «erstickt» werden. Das spiegelt sich im Fächerangebot
wider: Der Anteil der wissenschaftlich-orientierten Fächer ist sehr hoch.
Auch der Mangel
an Praxislehrpersonen hängt aus unserer Sicht mit der Verwissenschaftlichung
zusammen und nicht nur mit der Zunahme der Studierendenzahlen. Als
besorgniserregend erscheint uns, der unseren Erfahrungen nach, eher schlechte
Ruf, den die PH bei vielen Lehrpersonen hat. Die Verwissenschaftlichung dürfte
auch ein Grund dafür sein.»
2 Der Transfer Theorie-Praxis gelingt nicht
«Wie der
Transfer der gelernten Theorie in die Praxis gelingen soll, scheint uns oft
rätselhaft. Konkrete Transfermöglichkeiten sind leider nur beschränkt
vorhanden. Immer wieder klagen Studierende darüber, dass sie das im Praktikum
Erlernte nicht umsetzen können, da zwischen zwei Praktika zum Teil eine
einjährige Praxispause liegt. Die dazwischen liegenden Reflexionsseminare und
Mentorate erachten wir zwar als sinnvoll und wichtig, jedoch bleibt bei dem
teilweise immensen Selbststudienaufwand nur wenig Zeit für eine tiefer gehende
Reflexion.»
3 Zu viele wissenschaftliche Arbeiten
«Vielen
Studierenden erscheint der Anteil an den zu bewältigenden wissenschaftlichen
Arbeiten als übermässig gross. Es scheint uns, als haben oftmals auch die
Dozierenden Mühe, diesen grossen Anteil an Selbststudium wirkungsvoll
einzufordern. Die Kapazität für qualitativ gute und produktive Arbeitsprozesse
fehlt sowohl Studierenden als auch Dozierenden. Viele Studierende klagen in der
Folge über die fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit.»
4 Fehlender Praxisbezug der Dozierenden
«Es gibt
Dozierende, welche selber als Lehrperson tätig waren oder noch immer sind. Wir
glauben jedoch, dass der Anteil der Dozierenden mit Praxiserfahrung schwindet.
Wir erachten diese Tendenz als durchaus besorgniserregend. Es geht uns nicht
darum, Dozierende mit einer rein akademischen Laufbahn zu «verteufeln», doch
sind in unseren Augen die Erfahrungen der Dozierenden mit Praxiserfahrung unbezahlbar
und können nicht durch akademisches Wissen kompensiert werden.
Zudem können
Ansprüche zur Unterrichtsdurchführung, welche an Studierende gestellt werden,
von den Dozierenden – bedauerlicherweise oft – nicht eingehalten werden. Auch
wissenschaftliche Erkenntnisse über das Lernverhalten des menschlichen Gehirns
sind nicht immer mit dem Unterricht an der PH FHNW kompatibel.»
5 Informationen fehlen
«Ob sich seit
der ersten Kritik der Studierenden an der Pädagogischen Hochschule etwas
geändert hat, dazu können wir nicht allzu viel sagen, da uns eine transparente
Einsicht fehlt. Dies bedeutet, dass wir aus studentischer Sicht effektiv keine
Veränderung wahrnehmen können. Über konkrete Änderungen, welche die
berufspraktischen Studien betreffen, wären wir erfreut.»
«Zusammenfassend
muss man leider sagen, dass die Praxis einen klar zu geringen Stellenwert hat.
Wir absolvieren eine pädagogische Ausbildung mit dem Ziel, gute Lehrpersonen zu
werden. Aufgrund der Akademisierung der Lehrerausbildung entstehen für die
Zukunft Sorgen und Fragen, denn uns sollen die Kinder und damit die Zukunft der
Gesellschaft anvertraut werden. Mit dieser Stellungnahme wollen wir niemanden
direkt angreifen, aber uns deutlich zu einer Stärkung der Praxis in der
Lehrerausbildung bekennen.»

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