10. August 2014

Bewertungswahn an Kindergärten

Bereits im Kindergarten sollen Defizite erkannt werden. Immer häufiger kommen dabei standardisierte Fragebögen zum Einsatz. Experten kritisieren das Vorgehen.




Bewertungen wie in Grossunternehmen, Bild: Georgios Kefalas

Kritik an Bewertungswahn in Kindergärten, 20 Minuten, 10.8.


Wie werden Aufträge umgesetzt und welchen Entwicklungsstand hat das Kind? Solche Fragen werden in Schweizer Kindergärten zunehmend mit standardisierten Fragebögen beantwortet. Damit sollen sich Lehrpersonen auf Elterngespräche vorbereiten. Auch in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Bern wurden jetzt solche Bewertungssysteme eingeführt. Im Kanton St.Gallen gibt es ihn bereits, insgesamt 76 Punkte sind auf dem Beurteilungsbogen aufgeführt. Sie sollen Aufschluss geben über Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz, schreibt die«Sonntagszeitung».
Damit wird für Kinder eine Norm geschaffen. «Früher war die gesellschaftliche Erwartung weniger hoch», sagt Pierre Felder, Leiter Volksschulen in Basel-Stadt, zur Zeitung. Mittlerweile wollten Eltern genauere Angaben zur Entwicklung ihrer Sprösslinge. «Das Verhältnis zu den Kindern hat sich gewandelt. Die Gesellschaft erwartet, dass Kinder optimal auf ihre Schullaufbahn und somit auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, und das fängt schon im Kindergarten an.»
Fragebögen fördern Therapiewahn
Die standardisierte Bewertung, die man eher von Personalbeurteilungen in Firmen kennt, ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan. Brigitte Fleuti, Präsidentin des Zürcher Kindergarten-Verbands, befürchtet, dass Lehrpersonen so weniger auf den gesunden Menschenverstand hörten und sich stattdessen zunehmend von einem Formular leiten liessen. Ausserdem könnten sowohl Kinder als auch Eltern mit der Hervorhebung von Defiziten nicht umgehen. «Wirft man den Eltern an den Kopf, was ihr Kind nicht kann, kann das kontraproduktiv sein.»
Auch Hans-Ulrich Grunder, Professor am Forschungszentrum für Pädagogik der Universität Basel und an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kritisiert den Trend zur standardisierten Bewertung. Die Kinder würden schon früh «mit einem pädagogisch fragwürdigen Messzwang konfrontiert», sagt er zur Zeitung. Dass die Methode ihr Ziel verfehlt, glaubt auch Margrit Stamm, Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. «Damit züchten wir Kinder heran, die schon im Kindergarten erfahren, dass sie in einem Bereich nicht genügen.» Damit werde der wachsende Therapiewahn zusätzlich gefördert.
In Basel-Stadt will man jetzt erstmals abwarten. Die Testbögen werden ab diesem Schuljahr während zwei Jahren eingesetzt, danach will man eine Bilanz ziehen. Ob die Tests tatsächlich Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes hat, ist derzeit noch unklar. Bekannt ist hingegen, dass so mancher Sprössling bereits im Kindergarten überfordert ist. Schuld daran seien Tussi-Mütter und desinteressierte Eltern. Um dem besorgniserregenden Trend entgegen zu wirken, gibt es mittlerweile Vorkurse für den Chindsgi.


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