16. Juli 2014

SOL und AdL sorgen für Unruhe

Die geplante Einführung eines "modernen" Unterrichtsmodells hat in der Zürcher Gemeinde Niederhasli eine Kündigungswelle in der Lehrerschaft ausgelöst. Auch in anderen Gemeinden wird über Unterrichtsmethoden gestritten.



Die neuen Trends des 'Selbstorganisierten Lernens' und des 'Altersdurchmischten Lernens' schwappen von den PH auf die Gemeinden über und sorgen für Unruhe, Bild: Georgios Kefalas

Streit um neues Schulmodell, NZZ, 16.7. von Lucien Scherrer


Die Schüler werden in einem «Office» von «Lerncoachs» individuell betreut, und statt Jahrgangsklassen gibt es altersdurchmischte «Homebases»: Die Gemeinde Niederhasli setzt auf neuartige Unterrichtsmethoden, ohne Lehrer im klassischen Sinn und ohne Frontalunterricht. «Selbstorganisiertes Lernen» (SOL) nennt sich dieses Prinzip, das an pädagogischen Hochschulen seit einigen Jahren en vogue ist. Im Sekundarschulhaus Seehalde wird das SOL seit letztem August umgesetzt. In zwei Jahren soll das Unterrichtsmodell nach dem Willen der Schulleitung nun auch im Schulhaus Eichi in Niederglatt eingeführt werden.
«Ermutigend»
Allerdings scheint das SOL in der Lehrerschaft nicht nur auf Gegenliebe zu stossen. Wie der «Zürcher Unterländer» («ZU») am Dienstag berichtete, haben 13 von 30 Lehrern im Schulhaus Eichi gekündigt. Der «überwiegende Teil», so berichteten anonyme Lehrpersonen gegenüber der Zeitung, verlasse die Schule «wegen des neuen Schulmodells». Wer die neuen Unterrichtsformen nicht gutheisse, werde so unter Druck gesetzt, dass vielen nur die Kündigung geblieben sei.
Schulleiter Werner Braun war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Gegenüber dem «ZU» erklärte er, dass nur vier bis fünf der abgetretenen Lehrer gegen das Unterrichtsmodell seien. Die anderen seien aus privaten Gründen gegangen oder weil ihre Leistung ungenügend gewesen sei. Einige Lehrer hätten die «Weiterentwicklung» der Schule aber bewusst «verzögert» und «blockiert». Dabei fühlten sich laut einer Umfrage 84 Prozent der Schüler in den «Homebases» des Schulhauses Seehalde wohl, und eine externe Evaluation der Universitäten Zürich und Freiburg sei ebenfalls «ermutigend» ausgefallen.
Auf den Lehrer kommt es an
Wissenschaftlich ist das «selbstorganisierte Lernen» allerdings höchst umstritten. Befürworter argumentieren, dass der klassische Frontalunterricht nicht geeignet sei, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Das selbstorganisierte Lernen dagegen ermögliche es den Schülern, sich den Schulstoff nach einem individuellen Zeitplan anzueignen. Das fördere Lernbereitschaft und Selbständigkeit.
Kritiker halten dem entgegen, dass nur starke Schüler von diesen Freiheiten profitierten; schwächere Kinder seien dagegen überfordert. Da der Lehrer nur noch eine Art Kumpel («Coach») sei, fehlten den Schülern auch Vorbilder und Bezugspersonen. Ähnlich geteilt sind die Meinungen über das «altersdurchmischte Lernen» (AdL), das in Niederhasli mit dem SOL kombiniert wird. Laut Befürwortern fördert das System die sozialen Kompetenzen der Kinder, gemäss Kritikern fördert es vor allem Chaos und Unruhe. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie wiederum kam in einer vielbeachteten Studie zum Schluss, offene Lernformen und altersdurchmischte Klassen hätten keine messbaren Effekte auf den Lernerfolg der Schüler. Ausschlaggebend seien die Fähigkeiten des Lehrers.
Sicher ist: Wo «moderne» Unterrichtsmethoden von oben verordnet werden, drohen Konflikte zwischen Schulbehörden, Lehrern und Eltern. So wehren sich Eltern in Zumikon derzeit mit einer Petition gegen das altersdurchmischte Lernen, weil die Unruhe in den Klassenzimmern ihrer Ansicht nach zu gross ist (NZZ 8. 7. 14). Zu einem heftigen Streit um AdL kam es auch in Feusisberg (SZ), worauf die Schule ihre Schützlinge mit Armee-Gehörschutzgeräten ausrüstete.

In der Zürichseegemeinde Uetikon sorgte die Einführung des selbstorganisierten Lernens zu einem regelrechten Dorfstreit, der in Petitionen, Rücktritten, Kündigungen und einem Exodus von Kindern an Privatschulen gipfelte. Inzwischen hat man das Prinzip der Selbständigkeit etwas zurückgefahren und den Schülern wieder mehr Strukturen und Verbindlichkeiten auferlegt.

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