4. Dezember 2013

Beschränkte Aussagekraft von Pisa

In einem Kommentar äussert sich Michael Schoenenberger zur Interpretation der jüngsten Pisa-Resultate.
Nun ist also wieder ein Pisa-Triennium vergangen. Zurück liegen fünf internationale Vergleichsstudien. Die Schweizer Schülerinnen und Schüler schneiden 2012 gut ab, teilweise ausgezeichnet. Die 15-Jährigen sind kompetitiv. Dies sollte insbesondere die inländische Wirtschaft zur Kenntnis nehmen, die sich über mangelhafte Kompetenzen der Schulabgänger beklagt. Mittlerweile bleibt der Pisa-Hype aus, wenn die Ergebnisse veröffentlicht werden. Das ist gut so. Denn die Pisa-Studien sind in ihrem Aussagewert begrenzt. Es sind Beschreibungen und Momentaufnahmen. Wenn sie aufrütteln, kann das positiv sein - sofern nicht reiner Aktivismus die Folge ist. Präzisere Erklärungen liefert Pisa nicht. Interessant wird es, wenn die Ursachen von Bildungserfolgen oder Bildungslücken im Zentrum stehen, wenn die Wirksamkeit von Massnahmen überprüft und nach dem Warum gefragt wird.
Pisa hat zunächst die Sucht der Medien nach Rankings perfekt gestillt. In Kombination mit dem dürftigen Abschneiden der Schweizer 15-Jährigen im Jahr 2000 im Lesen war schnell eine explosive Mischung hergestellt. Heute - dies selbstredend auch dank dem guten Abschneiden - kann die Sache nüchterner betrachtet werden. Das muss sie aber auch: Es sei darauf verwiesen, dass die meisten Veränderungen bei den Punktzahlen im statistisch nicht signifikanten Bereich liegen. Man kann diesen Umstand nicht genug betonen.
Insgesamt hat Pisa jedoch in der Bildungspolitik einiges ausgelöst. Der Glaube an die Messbarkeit von Bildung ist heute verbreiteter als vor zwanzig Jahren. Bildungsmonitoring und stärkere Steuerung sind en vogue. Dabei hat eine alte Weisheit auch im 21. Jahrhundert Bestand: Zentral für umfassende Bildung und schulischen Erfolg von Jugendlichen ist die Qualität der Lehrperson, ihr Engagement und ihre Beziehung zur Schülerin und zum Schüler. Es ist darauf zu achten, dass Überprüfung und Monitoring, Steuerung und mögliche Rankings und die damit verbundene stärkere bürokratische Belastung der Schulen den Lehrpersonen nicht die Freude am Unterricht und die Freude an der kommenden Generation vermiesen. Beim Messen ist masszuhalten.
Quelle: NZZ, 4.12. von Michael Schoenenberger

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