27. März 2017

Ende des Bildungswunders

Viele Jahre lang galt Finnland als Vorbild: Gute Schulen, super Schüler. Nun bröckelt der Mythos.


 Finnland, Ende des Bildungswunders, Zeit, 23.3. von Thomas Kerstan





Wie schön die Schulwelt im hohen Norden doch aussah, einst, von Deutschland aus betrachtet. In der Pisa-Studie landeten die 15-jährigen Finnen im Jahr 2000 ganz weit vorn: Sie konnten besser lesen als die Schüler aller anderen OECD-Staaten; auf den ersten Plätzen lagen sie auch in Mathematik und den Naturwissenschaften. Ihren deutschen Altersgenossen waren sie rund zwei Schuljahre voraus. Viele wühlte die Studie auf: Deutschland war mittelmäßig, Finnland Spitzenklasse.
Schulexperten und Politiker pilgerten daraufhin gen Norden, von der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) bis zum bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU).
Wenn sie zurückkehrten, wirkten vor allem Sozialdemokraten und Grüne wie beseelt. Die niedersächsischen Grünen wollten "Schulen nach finnischem Vorbild schaffen". Die hessische SPD bot sogar einen deutschen Experten aus dem finnischen Bildungsministerium als Schatten-Kultusminister auf.
Doch der Mythos bröckelt. Laut der neuesten Pisa-Studie aus dem Jahr 2015 haben die finnischen 15-Jährigen im Lesen und in Mathematik inzwischen fast den Stoff eines Schuljahrs weniger gelernt im Vergleich zu den 15-Jährigen im Jahr 2000. Die Welt am Sonntag meldete gar: "Finnlands Pisa-Wunder entpuppt sich als Irrtum." Anlass ist eine 2015 veröffentlichte Studie des schwedischen Bildungsökonomen Gabriel Heller Sahlgren. Er zieht darin die finnische Erfolgsgeschichte fundamental in Zweifel.
Was ist nur los mit Finnland? Warum waren die Schüler dort so gut? Womit ist ihr Leistungsabfall zu erklären? Sind die vielen Finnland-Fahrer gar einem Trugbild aufgesessen?
Ein Rückblick: Was Finnland in den Augen der Deutschen zum Pisa-Sieger machte, war in der gängigen Lesart die Gesamtschule. "Die Gesamtschule ist das Erfolgsmodell der finnischen Pisa-Sieger", hieß es im Spiegel. Die Welt am Sonntag analysierte: "Dank ganztägiger Gesamtschulen sind Finnlands Schüler die besten Europas." Auch die ZEIT berichtete vom "Erfolgsgeheimnis Gesamtschule".

Es gab Gegenstimmen wie die des damaligen Chefs der deutschen Pisa-Studie, Manfred Prenzel, der darauf hinwies, dass Länder mit einem gegliederten Schulsystem ebenfalls Bestwerte erreichten. Auch die finnische Geschichte wurde als Erfolgsfaktor angeführt. Das Land wurde jahrhundertelang von Schweden und Russen beherrscht, die eigene Sprache sicherte die Identität der Finnen; die lutherische Kirche verbot Analphabeten zu heiraten. Zudem rückte die strenge Lehrerauswahl ins Blickfeld, nach der nur die besten zehn Prozent der Bewerber zum Zuge kommen.

Das große Bild jedoch, das hängen blieb, war: Das Bildungswunder verdankt sich der Gesamtschule, die kein Kind zurücklässt. In den Siebzigern löste sie das gegliederte Schulsystem ab; in einer zweiten Reform in den Neunzigern wurde die staatliche Schulaufsicht abgeschafft, und die Schulen wurden autonomer.

Der Bildungsforscher Sahlgren behauptet nun das Gegenteil der herrschenden Lehre: Die guten Ergebnisse bei der ersten Pisa-Studie habe es nicht wegen der Reformen gegeben, sondern ihnen zum Trotz. Sie seien eine Nachwirkung der alten finnischen Schule, eines zentralisierten Systems mit autoritären Lehrern, das die Schüler auch früher schon zu Spitzenleistungen geführt habe. Viele Reformen hätten erst in den neunziger Jahren eingesetzt, deswegen hätten das hierarchische System und der alte Lehrertypus noch nachwirken können. Dass die Finnen danach zurückgefallen seien, liege daran, dass im Zuge der viel besungenen Reformen das hierarchisch-autoritäre System erodiert sei.

Man muss unter die Oberfläche schauen
Wer in Finnland auf Wahrheitssuche geht, der kann schnell die Begeisterung für die moderne finnische Schule teilen. Ein milder Tag im Februar, Besuch an der Viikki-Schule in Helsinkis Nordosten: Ein großer Glasbau, auch innen sind viele Wände aus Glas, der Bau strahlt Offenheit aus. In der Bibliothek hängen Gemälde der ehemaligen Schulleiter, in den Regalen stehen noch richtige alte Bücher, in einer einladenden Kantine wuseln Schüler herum.

Schöpferisches Chaos ist in einem Arbeitsraum zu erleben. Grundschüler üben sich im Umgang mit Computern. Ein Mädchen hat aus Kabeln und Metallfolie eine Art elektronische Orgel gebastelt. Zwei Jungs bringen einem Roboterauto das Fahren auf einem Parcours bei. Noch hält es die Spur nicht sicher, aber das wird es noch lernen. Die Stimmung ist spielerisch, aber konzentriert. Das alles geschieht unter der zurückhaltenden, aber bestimmten Führung des Lehrers, eines Mittdreißigers mit Nerdbrille. So eine Schule wünscht man seinen Kindern.

Gut vorstellbar, dass eine solche Einrichtung die Besucher aus Deutschland in den vergangenen Jahren begeistert hat. Doch die Schule ist die Übungsschule der Universität Helsinki, an der Lehrer ausgebildet werden, eine Schule, die man gern vorzeigt. Haben sich viele Besucher von solchen Musterschulen verzaubern lassen? Stand hier die Anschauung der Erkenntnis im Weg?

Ein anderes Bild zeichnet etwa eine Unicef-Studie: In keinem anderen OECD-Land gehen Kinder so ungern zur Schule wie in Finnland.
Wer mehr begreifen will, der muss unter die Oberfläche schauen. "Uns ist heute bewusst, dass die leicht sichtbaren Eigenschaften der Schulen für das Lernen nicht so wichtig sind", sagt der Psychologe Olaf Köller, der das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel leitet, und bezieht sich damit auf "die Schulform, die Größe der Klassen, Frontalunterricht oder Gruppenarbeit" – eben das, was die Besucher aus Deutschland wahrnahmen. Entscheidend sei das Unsichtbare im Unterricht, wie geistig anregend zum Beispiel die Aufgaben seien.

Mit Unterricht kennt sich Erno Lehtinen aus. Der Mittsechziger mit gepflegtem grauem Bart forscht an der Universität Turku in Südwestfinnland, zwei Autostunden von Helsinki entfernt. Der international angesehene Erziehungswissenschaftler hat daran mitgewirkt, den Mathematikunterricht in Finnland umzugestalten. Denn Anfang der neunziger Jahre befand man sich im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld.

"Wir machten uns mit den Lehrern daran, den Unterricht zu modernisieren", sagt Lehtinen in fließendem Deutsch. Vorher hätten die Lehrkräfte nur Mathematikaufgaben formuliert und mit den Schülern gelöst. "Im neuen Unterricht lernen die Schüler, auch die mathematischen Konzepte zu verstehen, die dahinterstehen, beispielsweise wie man Probleme in der Sprache der Mathematik beschreibt und löst." Die Lehrer lernten auf Fortbildungen, auf welchem Vorwissen man aufbauen könne, wie die Motivation gesteigert werden könne. Im Ergebnis gingen die Mathematikleistungen der Finnen dann bei Pisa durch die Decke.

Die Pisa-Studie betreibt keine Ursachenforschung
Die finnischen Schüler sind also im Zuge der Reformen in Mathematik deutlich besser geworden. Sahlgren hat das unterschlagen, weil es nicht zu seinem Lob der alten finnischen Schule passt. Allerdings ist die Ursache wohl eher in der Modernisierung des Unterrichts zu finden als in den viel besungenen Strukturreformen.

Doch wie erklärt sich der Leistungsabfall der finnischen Schüler nach 2006? Haben da die Lehrer in den Klassenräumen das Zepter aus der Hand gegeben, wie Sahlgren behauptet?

"Die Lehrer waren früher gut, und sie sind es heute", sagt Erno Lehtinen. Eigentlich habe sich in der Schule gar nicht viel geändert – aber im Umfeld der Schule, in der Gesellschaft. Er lenkt den Blick zurück auf den Anfang der neunziger Jahre. Damals durchlitt Finnland eine schwere Wirtschaftskrise, weil durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ein wichtiger Handelspartner von der Bühne verschwand. "Viele, vor allem junge Leute waren lange arbeitslos", sagt Lehtinen. "Wir nennen sie die verlorene Generation." Die Kinder dieser verlorenen Generation, so erklärt Lehtinen die schlechteren Testergebnisse, seien vor ein paar Jahren im Pisa-Alter angekommen. "Die Eltern bieten den Kindern keinen Halt, keine positiven Visionen", sagt Lehtinen. Verschärfend wirke die aktuelle Jugendarbeitslosigkeit von rund 20 Prozent. Die Schüler hätten ein Motivationsproblem.

Noch eine weitere Erklärung für den Leistungsabfall drängt sich in Turku auf. Die Übungsschule der Universität liegt in einem Neubaugebiet – in das in den vergangenen Jahren viele Einwanderer aus dem Irak, aus Somalia und Russland gezogen sind. "Das ist neu für Finnland", sagt Lehtinen. Bei der ersten Pisa-Studie waren unter den getesteten 15-Jährigen fast keine Einwandererkinder. Inzwischen ist ihr Anteil in Finnland auf vier Prozent gewachsen. Das ist im Vergleich zu Deutschland (in dem es nach OECD-Kriterien 17 Prozent Einwandererkinder gibt) immer noch wenig, erklärt jedoch einen Teil des Leistungsabfalls. Aber gilt in Finnland nicht das Prinzip, "keinen zurückzulassen"? Ist das Land nicht stolz darauf, schwache Schüler so gut zu fördern, dass alle das Lernziel erreichen? "Das gelingt uns bei den finnischstämmigen Schülern gut", sagt Erno Lehtinen. "In Multikulti sind wir aber noch nicht so geübt."

Marjo Kyllönen, die freundlich-energische Bildungschefin der Stadt Helsinki, bestätigt das. "Wichtig ist, dass die Familie das Lernen unterstützt", sagt sie. Viele Eltern mit Migrationsgeschichte seien dazu nicht in der Lage. "Und auch wir müssen lernen, dass diese Kinder dazugehören", sagt sie. "Wir müssen ein neues Wir finden." Die finnische Schule lebt traditionell davon, dass die Gesellschaft sie trägt. Das scheint zu bröckeln.

Auf der Suche nach Ursachen für das Auf und Ab der finnischen Schule landet man jenseits der gängigen Erklärungsmuster: bei einem neuen Mathematikunterricht, bei den Spätfolgen einer Wirtschaftskrise und bei den für Finnland noch frischen Folgen der Globalisierung. Das ist nicht die ganze Geschichte; es sind neue Mosaiksteine, die das Bild bunter machen.

Einfache Antworten gibt es allein deshalb nicht, weil die Pisa-Studie keine Ursachenforschung betreibt. "Wenn wir über die Ursachen guter oder schlechter Leistungen nachdenken, dann bewegen wir uns oft im Spekulativen", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Christine Sälzer, die das Pisa-Team an der School of Education der TU München leitet.

Was kann man aus alldem lernen? Vermutlich war der Hype um die finnische "Schule für alle" übertrieben. Viele haben sich zu sehr vom leicht Sichtbaren beeindrucken lassen. Sie sind keinem Trugbild aufgesessen, denn in Finnlands Schulen ist Beeindruckendes zu sehen. Doch sie haben einen Bildausschnitt zu stark vergrößert. Die These aber, dass die alte finnische Schule den Erfolg gebracht habe, überzeugt nicht. Dagegen spricht schon die Leistungssteigerung in Mathematik seit den neunziger Jahren.

Lohnt sich der Blick ins Ausland für uns denn noch? "Inspirationen sollte man dort unbedingt suchen", sagt Christine Sälzer, aber Konzepte direkt zu übernehmen bringe nichts, weil das Umfeld sich zu sehr voneinander unterscheide.

Selbst die Sozialdemokraten schauen inzwischen ernüchtert nach Norden. "Die ungestüme Begeisterung für Finnland hat sich zu einer neugierig-kritischen Haltung gewandelt", sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe, der die Arbeit der SPD-Kultusminister koordiniert. Dazu beigetragen hat sicher der deutsche Erfolg in der Pisa-Studie. In Mathematik liegt Deutschland inzwischen auf finnischem Niveau.

Kommentare:

  1. Bis 1991 gab es Klassenunterricht mit viel Üben und Lehrer als Fachautorität, Leistungsförderung, war das massgebliche Prinzip wie heute in Asien. Dann wurde das alte zentralisierte, staatlich organisierte Schulsystem mehr oder minder abgeschafft.
    1990er Einführung des Systems der «Lehrkoordinators» [ = LP21 - Lernbegleiter]: Organisator von Gruppenarbeit, die Schüler anregen, von anderen Schülern, zu lernen und wenig Hausaufgaben vergeben. 1990 nationaler Lehrplan wird kompetenzorientiert/konstruktivistisch (The finish National Board of Education, 2004). Abkehr von leistungsfähigem Schulsystem um «zeitgemässer» zu werden.
    Bildungsforschung: mindestens 10 bis 15 Jahre bis Veränderungen sichtbar werden. Die PISA-Erfolge waren dem Nachwirken des alten Systems geschuldet.
    Nach dem tiefen PISA-Fall begann Finnland um 2015 sein scheinbar so hervorragendes System zu reformieren: Das längere gemeinsame Lernen wurde wieder aufgebrochen. Für Förderschüler wurden Spezialklassen eingerichtet.

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  2. Es ging aber nicht immer bergab, interessant ist die Steigerung in Mathe und Naturwissenschaften im Jahr 2006.

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