21. Februar 2021

Glück als Schulfach

Individuell empfundenes Glück, das wir als langanhaltende Zufriedenheit empfinden, wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus: Die Forschung zeigt, dass glückliche Menschen produktiver und kreativer sind, sie werden seltener krank und haben eine höhere Lebenserwartung.

«Es geht aber nicht darum, nur positive Emotionen zu haben und alle negativen Emotionen wegzudrücken, es geht vielmehr um einen Gleichklang. Die positive Psychologie will ganzheitliches Wohlbefinden fördern» sagt Psychologe Tobias Rahn vom Institut für pädagogische Psychologie an der Universität Braunschweig.

Wie man Glück lernt, am besten schon als Kind, Schweizer Illustrierte, 20.2. 

Glück ist also kein Zufall, sondern erlernbar. In einer Gesellschaft, in der depressive Erkrankungen immer weiter um sich greifen, macht es Sinn, bereits Kindern die Werkzeuge mit auf den Weg zu geben, um ihr eigenes Glück zu finden.

Das Schulfach Glück ist in der Schweiz angekommen

Zum Beispiel, indem man Glück als Unterrichtsfach in den Lehrplan aufnimmt. Das Schulfach Glück steckt noch in den Kinderschuhen. Erst seit wenigen Jahren hört man immer wieder davon, dass Kinder irgendwo auf dieser Welt in Glück unterrichtet werden. Studien belegen, wie positiv sich der Glücksunterricht aufs kindliche Wohlbefinden und die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Kurz: Man hat schon davon gehört – aber es ist alles so weit weg.

Dabei gibt es das Fach Glück auch in der Schweiz. Es wird an noch sehr wenigen Schulen unterrichtet – oder zumindest als Element in den regulären Unterricht integriert. Sekundarlehrerin Lucia Miggiano hat den Glücksunterricht ins Land gebracht. Als Lehrperson und Ausbildnerin.

Im Interview erklärt uns eine sehr fröhlich wirkende Frau am Telefon, weswegen Glück in den Stundenplan gehört.

Lucia Miggiano, was ist Glück?
Im Deutschen haben wir zwei Begriffe in einem. Wir sprechen von Glück als Zufallsglück, also zum Beispiel beim Würfeln. Darauf haben wir keinen Einfluss. Was wir beeinflussen können ist das andere Glück: unsere Lebenszufriedenheit. Dieses Glück ist individuell, wie ein Massanzug.

Im Schulfach Glück lernen Kinder also, ihre eigene Zufriedenheit zu schneidern?
Genau. Es geht darum, den Kindern Werkzeuge mit auf den Weg zu geben, damit sie die Fähigkeit entwickeln, sich selber immer wieder aufzurichten und mit den Dingen, die passieren, einen positiven Umgang zu finden. Es geht also darum, dass Kinder Resilienz entwickeln.

Weswegen gehört Glück als Unterrichtsfach in die Schule? Ist es nicht Aufgabe des Elternhauses, ihre Kinder zu glücklichen Menschen zu erziehen?
Die Persönlichkeitsentwicklung findet nicht nur in einem Bereich statt. Elternhaus und Schule lassen sich nicht voneinander trennen, sie spielen ineinander. Und das Glück der Kinder obliegt nicht den Eltern allein. Es ist ein gesellschaftsrelevantes Thema. Die Schule kann sich diesbezüglich nicht verschliessen.
 
Wie genau sieht eine Lektion Glück denn aus?
Am besten ist es eine Doppellektion pro Woche. Glück kann nicht einmalig unterrichtet werden, es ist ein lebenslanges Lernen, mit dem man sich auch nach der Schule immer wieder auseinandersetzen kann. Der klassische Glücksunterricht in der Schule besteht aus einem Thema und Übungen dazu. Ein Beispielthema wäre: Was kann ich. Die SchülerInnen reflektieren über die eigenen Fähigkeiten. Aber das Schulfach Glück ist nicht immer nur easy. Man hinterfragt und offenbart sich. Das ist anstrengend und trägt manchmal auch eine Verarbeitungsphase nach sich.
 
An wie vielen Schule in der Schweiz wird Glück unterrichtet.
Es gibt 90 Personen in der Schweiz, die die Ausbildung zur Glückslehrperson gemacht haben. Darunter Spitalclowns, ZirkusartistInnen, TrainerInnen. Etwa die Hälfte sind Lehrpersonen. Ich gehe davon aus, dass um die 45 oder 50 das Schulfach Glück unterrichten oder einfliessen lassen.
 
Das sind nicht gerade viele.
In der Schweiz ist die Thematik noch nicht verankert. Es kommen erst nach und nach Anfragen von Schulleitungen zu mir. Wir sind in einer Phase, in der es darum geht, das Fach Glück zu etablieren. Oft ist das Thema jedoch bereits Bestandteil von Fächern, die sich mit Religion, Ethik und Sozialem befassen.

Profitiert die Schule in der Fachvermittlung vom Glücksunterricht?
Natürlich. Wird das Fach Glück unterrichtet, wirkt sich dies auf die anderen Fächer aus. Wenn man sich wohlfühlt, lernt man wesentlich leichter. Ich kenne eine Primarlehrerin, die immer wieder Glückslektionen in den Unterricht eingebaut hat. Ihre Klassen gehörten bei den kantonalen Checks, die regelmässig durchgeführt werden, immer zum oberen Durchschnitt.
 
Welchen ganz einfachen Tipp können Sie Eltern geben, um das Glück ihrer Kinder zu fördern?
Im Alltag immer wieder mal stehen bleiben und den eigenen Kindern sagen, dass man sie gern hat. Dadurch spürt das Kind, dass es gewollt ist. Auch wenn der Alltag in der Familie nicht immer nur harmonisch abläuft, kann es dadurch Kraft schöpfen.

 

Lucia Miggiano

Gründerin der Plattform remaking.ch hat als Mutter, Dolmetscherin, Bankerin und Airhostess Lebenserfahrungen gesammelt, ehe sie Lehrerin wurde. Sie unterrichtet das Schulfach Glück und bildet interessierte Lehrpersonen in der Glücks-Vermittlung aus.


Keine Kommentare:

Kommentar posten