19. Februar 2021

Drohende Bildungskatastrophe

Seit mehreren Monaten hält die Corona-Pandemie die Welt in Atem. Die ergriffenen Massnahmen wirken nicht immer wie erhofft und ziehen Kollateralschäden nach sich, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. Denn bei aller Dringlichkeit, die Gesundheit der Menschen zu schützen: Gesundheit umfasst neben der körperlichen Unversehrtheit auch eine psychische und soziale Komponente, und alle drei hängen voneinander ab. Gleiches gilt im übertragenen Sinn für Systeme wie die Familie, die Wirtschaft oder die Schulen. Blickt man auf die zuletzt Genannten, so mehren sich die Hinweise, dass eine Bildungskatastrophe droht.

Der schulische Corona-Stotterbetrieb erzeugt viel Leerlauf und soziale Ungerechtigkeit. Die Hinweise auf eine Bildungskatastrophe mehren sich, NZZ, 19.2. von Klaus Zierer

Immer mehr Studien zur Wirkung des ersten Lockdowns im letzten Jahr belegen deutlich, dass die Lernleistung von Kindern und Jugendlichen insgesamt zurückgegangen ist. Das Homeschooling hat weltweit nicht so funktioniert, wie man es anfänglich in einer Digitalisierungseuphorie erhofft hatte. Dies gilt flächendeckend, also sowohl für die leistungsstarken als auch für die leistungsschwachen Lernenden in den Kernfächern. Bei den Nebenfächern wie Kunst, Musik und Sport sieht es noch schlechter aus, denn sie wurden kurzerhand aus den Stundenplänen gestrichen. Die Schule ist vom Bildungsort zum Lernort verkümmert, und nicht einmal dieser funktioniert wie erhofft.

Brillant im Nichtstun

Gleichzeitig warnen Schulpsychologen davor, dass auch das Lernverhalten von Schülerinnen und Schülern Schaden nimmt. Denn bedingt durch soziale Vereinsamung und schulische Zwangsabstinenz hat der Medienkonsum derart zugenommen, dass viele das Lernen verlernt haben. Überspitzt gesprochen: Das Einzige, was viele in der Krise gelernt haben, ist, nichts zu tun. Hält man sich vor Augen, dass Lernstrategien mit der wirksamste Faktor für Schulerfolg sind, dann ist es Zeit zu handeln. Immer mehr Lernende brauchen eine Beratung, um wieder zurück ins Lernen und manchmal sogar zurück ins Leben zu finden.

Der wichtigste Grund für Lernende, in die Schule zu gehen, ist nicht die Schule, nicht das Fach und nicht die Lehrperson: Es sind die Gleichaltrigen.

Beide Effekte schlagen sich besonders in bildungsfernen Milieus nieder: Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern, die ein geringes Einkommen haben oder einen niedrigeren Bildungsabschluss, sind die grossen Verlierer. Zweifelsfrei war gerade in Deutschland die Bildungsschere immer schon beachtlich, was nicht zuletzt mit der Vielfalt der kulturellen Prägung in den Elternhäusern zu tun hat. Aber die schulischen Massnahmen, die zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriffen wurden, haben diese Situation bereits heute massiv verschärft und verschärfen sie noch weiter. Die Bildungsungerechtigkeit nimmt also zu.

Und schliesslich hat all das Gesagte ökonomische Folgen. Denn der Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau einer Gesellschaft und der Wirtschaftskraft eines Landes ist bekannt: In Ländern mit einem hohen Bildungsniveau wächst die Wirtschaft schneller als in Ländern mit einem niedrigen Bildungsniveau. Bildung ist also nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Ökonomie insgesamt entscheidend. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass die Schulschliessungen und der damit verbundene Distanzunterricht im letzten Jahr bereits massive Einschnitte zur Folge haben. Angesichts des anhaltenden Stotterbetriebs werden diese nicht nur verhärtet, sondern noch weiter ausgebaut.

Kein Weiter-so

Man kann es also drehen und wenden, wie man möchte: Die letzten Wochen und Monate haben dem Bildungssystem geschadet. Die getroffenen Massnahmen haben im Vergleich zu den Jahren davor negative Effekte auf die Bildung. Somit besteht kein Zweifel: Eine Bildungskatastrophe droht.

Was also tun? Ein Weiter-so kann es nicht sein. Weder die Digitalisierung ist der Heilsbringer in der Krise noch das ständige Schliessen von Schulen. Zu sehr greift beides in die pädagogische Grundeinsicht ein: Bildung ist ein sozialer Prozess. Der Mensch braucht den Menschen im Hier und Jetzt, und er braucht ihn analog, weil er digital nicht abbildbar ist. Der wichtigste Grund für Lernende, in die Schule zu gehen, ist nicht die Schule, nicht das Fach und nicht die Lehrperson: Es sind die Gleichaltrigen. Neuste neurologische Untersuchungen zeigen sogar, dass Aufmerksamkeit und Konzentration um ein Vielfaches höher sind, wenn sich Lernende gemeinsam im Klassenraum befinden, anstatt zu Hause vor dem Rechner zu sitzen.

Aus pädagogischer Sicht kann es daher nur heissen: so schnell wie möglich die Schulen wieder öffnen und so viel Präsenz wie möglich. Alle weiteren Massnahmen müssen in diese Richtung weisen. Da ohne Frage Hygienestandards wichtig und finanzielle Ressourcen begrenzt sind, ist einer Aufrüstung der Klassenzimmer mit Hygienevorkehrungen der Vorrang vor einer digitalen Aufrüstung der Kinderzimmer zu gewähren.

Drei Massnahmen

Bis das so weit ist, sind drei Massnahmen zu ergreifen:

Erstens ist das Homeschooling endlich pädagogisch professionell zu gestalten. Sind im ersten Lockdown vielerorts Lehrpersonen untergetaucht, ist im zweiten Lockdown das andere Extrem zu erleben: Lernende werden für mehrere Stunden am Tag mit monotonen Videokonferenzen an die Geräte gefesselt. Bei aller Freude über das Funktionieren der Technik, die Pädagogik darf nicht vergessen werden: Klarheit, Herausforderung, Motivierung und Rhythmisierung sind wichtiger denn je. Allen voran bleibt die Beziehungsarbeit als wichtigste Aufgabe, das heisst Feedback in alle Richtungen und so oft es geht. Zudem ist Masshalten angesagt, insbesondere bei den Lehrplaninhalten. Diese können zwar in einer falsch verstandenen digitalen Einbahnstrasse schnell gelehrt werden, aber gelernt werden sie deswegen noch lange nicht. Eine Entrümpelung der Lehrpläne ist somit unabdingbar, was übrigens nicht erst seit der Corona-Pandemie eine berechtigte Forderung ist.

Zweitens ist durch eine Neuauflage des Schulfernsehens eine Kompensation möglich. Dieses wurde bereits im letzten Jahrhundert forciert, um die damals drohende Bildungskatastrophe einzudämmen. Trotz allen pädagogischen Bedenken gegenüber dem Fernsehen könnten die digitalen Möglichkeiten es revolutionieren: Die Anschlüsse sind vorhanden, und die Systeme laufen stabil. Durch eine kluge Rhythmisierung in 20-minütigen Sequenzen und eine didaktische Aufbereitung auf höchstem Niveau (mit Lernstandserhebungen und -tests) können die Mindeststandards in allen Fächern und allen Jahrgangsstufen vermittelt werden.

Lernende hätten so eine Orientierung, Lehrpersonen eine Unterstützung und Eltern eine Entlastung. Natürlich geht auch das nicht von heute auf morgen. Aber: Es gibt so viele engagierte Lehrpersonen. Warum nicht diese zusammenschliessen, um in der Kürze der Zeit ein solches Notprogramm auf die Beine zu stellen? Die Bildungspolitik müsste die Führung übernehmen und endlich ihre Stärke unter Beweis stellen. Längerfristig könnte das Schulfernsehen ausgebaut und mit digitalen Tools ergänzt werden, so dass es auch nach der Krise hilfreich sein kann – zur Differenzierung und Förderung, zur Vorbereitung und Nachbereitung von Unterricht.

Und drittens sind Sommerschulen eine Lösung, entweder in den letzten Schulwochen oder in den Schulferien – von Lehrpersonen basierend auf den Lernstandserhebungen empfohlen beziehungsweise verordnet. So könnten vor allem Lernende aus bildungsfernen Milieus schnell und einfach erreicht werden. Das Notprogramm des Schulfernsehens liesse sich hier erneut nutzen und integrieren. Eine Begleitung durch pädagogisches Fachpersonal, das dafür entsprechend zu honorieren ist, wäre notwendig und wäre die bildungspolitische Herausforderung. Eine Digitalisierung, die sich an der Pädagogik orientiert – und nicht die sinnlose Umkehrung nach dem Motto: «Hauptsache, digital, weil digital ist modern.»

Sicherlich hätte das eine oder andere schon längst passieren können, ja müssen. Aber lieber spät als nie. Denn jeder Schritt, um die drohende Bildungskatastrophe abzufedern, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Klaus Zierer ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

 

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