30. Oktober 2018

Reif für die Insel


Wer die Insel sucht, muss der Palme und der Sonne folgen. Doch abgesehen von der Bastelarbeit an der Eingangstür hat die Schulinsel im Stadtzürcher Schulhaus Luchswiesen nichts mit Ferien gemein. Hierhin, in die ehemalige Hauswartswohnung, kommen Schüler, die eine Pause vom Unterricht brauchen, Schüler, die das Geschehen im Klassenzimmer stark stören. Oder die Konflikte mit anderen Kindern haben.
Eine Insel für schwierige Schüler, Basler Zeitung, 30.10. von Raphaela Birrer


Am frühen Montagmorgen ist es noch ruhig in der Schulinsel. Eine Zweitklässlerin klingelt an der Tür. Ihre Klassenlehrerin hat sie geschickt. Sie hat Kopfschmerzen und legt sich auf das Sofa in der Ecke des Arbeitszimmers. Nach der Pause wird dann eine Viertklässlerin während zweier Lektionen am aktuellen Schulstoff arbeiten. Sie besucht die Insel seit ein paar Wochen regelmässig, weil ihr Verhalten eine Vollzeit-Teilnahme am Unterricht erschwert. Für den Nachmittag sind acht Oberstufenschüler im Insel-Plan eingetragen. Sie werden für die Gymi-Prüfung büffeln.

Eine Folge der Integration
Neben diesen fixen Terminen kann es spontan klingeln an der Tür, denn die Schulinsel ist ein kurzfristiges, flexibles Angebot für das ganze Schulhaus. Schüler, die aus unterschiedlichen Gründen zu viel Aufmerksamkeit von der Klassenlehrperson beanspruchen, finden hier eine beruhigende Umgebung, ein offenes Ohr, eine enge Betreuung. Ausser an zwei Nachmittagen ist in der Schulinsel stets eine ausgebildete Lehrerin präsent. Bis zu zehn Kinder kann sie gleichzeitig betreuen.

Entstanden ist das Angebot im Zuge der integrativen Schulung, wie Luchswiesen-Schulleiter Christoph Jäggli sagt. Dieser Systemwechsel fordert die Schulen schweizweit heraus: Seit zehn Jahren sind sie gesetzlich verpflichtet, einstige Kleinklassen- und Sonderschüler in die Regelklassen zu integrieren. «Insbesondere verhaltensauffällige Kinder, die sich nicht lange auf den Unterricht einlassen können, erschweren seither die Arbeit im Klassenzimmer», sagt Jäggli. Er hat deshalb vor vier Jahren die Schulinsel eingeführt – als Chance für die betroffenen Schüler, aber auch als Entlastung für die Lehrer und die restliche Klasse.

Geht es nach dem Zürcher Lehrerverband (ZLV), soll es bald an jeder Zürcher Schule eine solche Insel geben. In einem neuen Positionspapier fordert er, dass «alle Schulen über ein niederschwelliges Angebot für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten verfügen müssen». Für dessen Betrieb müsse der Kanton an jeder Schule zusätzliche Vollzeiteinheiten zur Verfügung stellen. «Der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern kann in der integrierten Schule ganze Klassen und Lehrpersonen an die Grenze bringen», sagt ZLV-Präsident Christian Hugi. Häufig reichten kurzzeitige Interventionen, um die Situation zu deeskalieren. Dafür sei die Schulinsel bestens geeignet, so Hugi.

Basler Lehrer ziehen mit
Der Lehrerdachverband LCH erhebt die ZLV-Forderung deshalb auch für die ganze Schweiz. «Die Erfahrung zeigt, dass Schulinseln als eines der niederschwelligen Angebote für Verhaltensauffällige die Lehrpersonen entlasten», sagt Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle. Wichtig sei, dass der Insel-Besuch eine temporäre Massnahme bleibe.

Das ist auch im Sinne der Lehrerverbände anderer Kantone: In Basel-Stadt etwa hat die freiwillige Schulsynode einen Forderungskatalog zur integrativen Schule zuhanden der Regierung verabschiedet. Darin fordert der Berufsverband eine «institutionalisierte und niederschwellige Time-Out-Lösung an jedem Schulstandort», wenn integrativer Unterricht wegen Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr leistbar sei. «Die Basler Schulen kämpfen mit ungelösten Problemen der Integration. Mit solchen Angeboten könnten die Burn-outs in der Lehrerschaft reduziert werden», sagt Präsident Jean-Michel Héritier.

Auch im Kanton Bern gestaltet sich die Integration Verhaltensauffälliger schwierig, wie Franziska Schwab vom Lehrerverband Bildung Bern sagt. «Häufig fehlen schlicht die Ressourcen, um sie adäquat zu betreuen.» Schulinseln seien in Bern noch nicht verbreitet, aber sie eigneten sich, um Konflikte rasch zu entschärfen. Statt einer flächendeckenden Einführung plädiert Schwab für eine Neuverteilung der Ressourcen: Heute erhalten einzelne Schüler Förderlektionen mit Heilpädagogen zugesprochen – sinnvoller sei es, diese Unterstützung im Schulhaus zu bündeln und je nach Bedarf auf die Klassen zu verteilen.

Kantone reagieren verhalten
Die kantonalen Behörden reagieren verhalten auf die Offensive. «Dass Schulinseln deeskalierend wirken können, ist unbestritten», sagt Marion Völger. Für die Leiterin des Zürcher Volksschulamtes sprechen jedoch mehrere Gründe gegen eine flächendeckende Einführung: Das Konzept sei zu unscharf definiert, die Gemeinden und deren Bedürfnisse seien zu heterogen, und die gesetzliche Grundlage für eine kantonale Finanzierung des Angebots fehle.

Dieter Baur, Leiter Volksschulen des Kantons Basel-Stadt, bestätigt, dass die Integration vielerorts eine anhaltend grosse Herausforderung ist – und es auch bleiben dürfte. Die Behörden seien bereit, die Time-Out-Forderung mit dem kantonalen Lehrerverband und weiteren Fachstellen vertieft zu prüfen. «Wir befürworten jedoch keine flächendeckenden, sondern schulbezogene Angebote. Nicht jeder Standort hat die gleichen Bedürfnisse.»
Auf Skepsis stösst die Forderung auch bei Experten für den Umgang mit Verhaltensauffälligen. «Es besteht die Gefahr, dass jede Störung an die Schulinsel delegiert und aus dem Unterricht verdrängt wird. Diese Separation schwächt die Beziehung zur Klassenlehrperson und die schulische Integration langfristig», sagt Thomas Lustig, Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Statt reaktiver Massnahmen sei es nachhaltiger, mithilfe der präventiven Arbeit der Heilpädagogen im Schulzimmer Störungen abzufedern. Dafür bräuchte es allerdings zusätzliche Ressourcen, so Lustig.


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