Wer die Insel sucht, muss der Palme und der Sonne folgen.
Doch abgesehen von der Bastelarbeit an der Eingangstür hat die Schulinsel im
Stadtzürcher Schulhaus Luchswiesen nichts mit Ferien gemein. Hierhin, in die
ehemalige Hauswartswohnung, kommen Schüler, die eine Pause vom Unterricht
brauchen, Schüler, die das Geschehen im Klassenzimmer stark stören. Oder die
Konflikte mit anderen Kindern haben.
Eine Insel für schwierige Schüler, Basler Zeitung, 30.10. von Raphaela Birrer
Am frühen Montagmorgen ist es noch ruhig in der Schulinsel.
Eine Zweitklässlerin klingelt an der Tür. Ihre Klassenlehrerin hat sie
geschickt. Sie hat Kopfschmerzen und legt sich auf das Sofa in der Ecke des
Arbeitszimmers. Nach der Pause wird dann eine Viertklässlerin während zweier
Lektionen am aktuellen Schulstoff arbeiten. Sie besucht die Insel seit ein paar
Wochen regelmässig, weil ihr Verhalten eine Vollzeit-Teilnahme am Unterricht
erschwert. Für den Nachmittag sind acht Oberstufenschüler im Insel-Plan
eingetragen. Sie werden für die Gymi-Prüfung büffeln.
Eine Folge der Integration
Neben diesen fixen Terminen kann es spontan klingeln an der
Tür, denn die Schulinsel ist ein kurzfristiges, flexibles Angebot für das ganze
Schulhaus. Schüler, die aus unterschiedlichen Gründen zu viel Aufmerksamkeit
von der Klassenlehrperson beanspruchen, finden hier eine beruhigende Umgebung,
ein offenes Ohr, eine enge Betreuung. Ausser an zwei Nachmittagen ist in der
Schulinsel stets eine ausgebildete Lehrerin präsent. Bis zu zehn Kinder kann
sie gleichzeitig betreuen.
Entstanden ist das Angebot im Zuge der integrativen
Schulung, wie Luchswiesen-Schulleiter Christoph Jäggli sagt. Dieser
Systemwechsel fordert die Schulen schweizweit heraus: Seit zehn Jahren sind sie
gesetzlich verpflichtet, einstige Kleinklassen- und Sonderschüler in die
Regelklassen zu integrieren. «Insbesondere verhaltensauffällige Kinder, die
sich nicht lange auf den Unterricht einlassen können, erschweren seither die
Arbeit im Klassenzimmer», sagt Jäggli. Er hat deshalb vor vier Jahren die
Schulinsel eingeführt – als Chance für die betroffenen Schüler, aber auch als
Entlastung für die Lehrer und die restliche Klasse.
Geht es nach dem Zürcher Lehrerverband (ZLV), soll es bald
an jeder Zürcher Schule eine solche Insel geben. In einem neuen Positionspapier
fordert er, dass «alle Schulen über ein niederschwelliges Angebot für Kinder
mit Verhaltensauffälligkeiten verfügen müssen». Für dessen Betrieb müsse der Kanton
an jeder Schule zusätzliche Vollzeiteinheiten zur Verfügung stellen. «Der
Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern kann in der integrierten Schule ganze
Klassen und Lehrpersonen an die Grenze bringen», sagt ZLV-Präsident Christian
Hugi. Häufig reichten kurzzeitige Interventionen, um die Situation zu
deeskalieren. Dafür sei die Schulinsel bestens geeignet, so Hugi.
Basler Lehrer ziehen mit
Der Lehrerdachverband LCH erhebt die ZLV-Forderung deshalb
auch für die ganze Schweiz. «Die Erfahrung zeigt, dass Schulinseln als eines
der niederschwelligen Angebote für Verhaltensauffällige die Lehrpersonen
entlasten», sagt Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle.
Wichtig sei, dass der Insel-Besuch eine temporäre Massnahme bleibe.
Das ist auch im Sinne der Lehrerverbände anderer Kantone:
In Basel-Stadt etwa hat die freiwillige Schulsynode einen Forderungskatalog zur
integrativen Schule zuhanden der Regierung verabschiedet. Darin fordert der
Berufsverband eine «institutionalisierte und niederschwellige Time-Out-Lösung
an jedem Schulstandort», wenn integrativer Unterricht wegen
Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr leistbar sei. «Die Basler Schulen kämpfen
mit ungelösten Problemen der Integration. Mit solchen Angeboten könnten die
Burn-outs in der Lehrerschaft reduziert werden», sagt Präsident Jean-Michel
Héritier.
Auch im Kanton Bern gestaltet sich die Integration
Verhaltensauffälliger schwierig, wie Franziska Schwab vom Lehrerverband Bildung
Bern sagt. «Häufig fehlen schlicht die Ressourcen, um sie adäquat zu betreuen.»
Schulinseln seien in Bern noch nicht verbreitet, aber sie eigneten sich, um
Konflikte rasch zu entschärfen. Statt einer flächendeckenden Einführung
plädiert Schwab für eine Neuverteilung der Ressourcen: Heute erhalten einzelne
Schüler Förderlektionen mit Heilpädagogen zugesprochen – sinnvoller sei es,
diese Unterstützung im Schulhaus zu bündeln und je nach Bedarf auf die Klassen
zu verteilen.
Kantone reagieren verhalten
Die kantonalen Behörden reagieren verhalten auf die
Offensive. «Dass Schulinseln deeskalierend wirken können, ist unbestritten»,
sagt Marion Völger. Für die Leiterin des Zürcher Volksschulamtes sprechen
jedoch mehrere Gründe gegen eine flächendeckende Einführung: Das Konzept sei zu
unscharf definiert, die Gemeinden und deren Bedürfnisse seien zu heterogen, und
die gesetzliche Grundlage für eine kantonale Finanzierung des Angebots fehle.
Dieter Baur, Leiter Volksschulen des Kantons Basel-Stadt,
bestätigt, dass die Integration vielerorts eine anhaltend grosse
Herausforderung ist – und es auch bleiben dürfte. Die Behörden seien bereit,
die Time-Out-Forderung mit dem kantonalen Lehrerverband und weiteren
Fachstellen vertieft zu prüfen. «Wir befürworten jedoch keine flächendeckenden,
sondern schulbezogene Angebote. Nicht jeder Standort hat die gleichen
Bedürfnisse.»
Auf Skepsis stösst die Forderung auch bei Experten für den
Umgang mit Verhaltensauffälligen. «Es besteht die Gefahr, dass jede Störung an
die Schulinsel delegiert und aus dem Unterricht verdrängt wird. Diese
Separation schwächt die Beziehung zur Klassenlehrperson und die schulische
Integration langfristig», sagt Thomas Lustig, Dozent an der Interkantonalen
Hochschule für Heilpädagogik. Statt reaktiver Massnahmen sei es nachhaltiger,
mithilfe der präventiven Arbeit der Heilpädagogen im Schulzimmer Störungen
abzufedern. Dafür bräuchte es allerdings zusätzliche Ressourcen, so Lustig.
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