13. September 2016

Eltern fordern Richtlinien bei Umgang mit iPad

Seit rund einem Monat gehen alle Sekundarschüler in Aadorf jeden Tag mit ihrem ganz persönlichen iPad in den Unterricht, legen es auf den Tisch und nehmen es am Ende des Tages wieder mit nach Hause (der «Landbote» berichtete). Einige Eltern sind mit dem Umgang zu Hause überfordert: «Es ist brutal frustrierend», sagt eine Mutter. Sie will ihren Namen wie alle Kritiker nicht in der Zeitung lesen. «Ich fürchte, dass mein Kind dadurch in der Schule benachteiligt würde.»
Das Herunterladen von privaten Apps sorgt für Kritik, Bild: Keystone
"Keine Lehrer-Mails mehr nach 18 Uhr", Landbote, 12.9. von Jonas Gabrieli

Offiziell wehre sich deshalb niemand. «Viele halten in der Öffentlichkeit den Mund, aber beim Einkaufen jammern viele über das iPad», sagt sie. Eine andere Mutter sagt: «Mein Kind wartet zu Hause vor dem Tablet öfters auf Hausaufgaben oder Nachrichten der Lehrperson, die diese im Unterricht zuvor angekündigt hat.» Für die Eltern ein Dilemma: «Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in der Schule und während der Freizeit vor dem Gerät sitzen, wollen aber auch, dass sie alle ihre Hausaufgaben erledigen.»

Angst vor Suchtverhalten
Die ständige Erreichbarkeit sei «einschneidend für mein Familienleben», sagt eine der beiden Mütter. Als sie ihrem Sohn am dritten Tag private Apps auf dem Gerät verbieten wollte, sei dieser den Tränen nahe gewesen. Sie fürchtet sich, dass ihr Kind eine Sucht entwickeln könnte. «Ich erziehe nicht jahrelang mein Kind und dann kommt ein iPad und macht ganz viel meiner Vorarbeit kaputt.» Laut Aussage der zwei Kritikerinnen sind es etwa 20 Eltern, die der Schule Vorwürfe machen. «Diese vernachlässigt ihre Verantwortung für die Geräte und hat die Eltern nicht in den Prozess involviert», sagen sie. Man habe die Tablets einfach angeschafft. Beide betonen, dass sie nicht technologiefeindlich seien. «Wir sind nicht prinzipiell dagegen oder wollen das Gerät verteufeln, aber wir fordern eine subtilere Annäherung und klare Regeln.»

«Realbezug ist uns wichtig»
Der Schulleiter der Sekundarschule Aadorf, Peter Meier, widerspricht: «Uns war bewusst, dass es einzelne Schüler gibt, die mit dem Umgang des Geräts Probleme haben könnten.» Das liege jedoch nicht einzig und allein am iPad. «Es kommen gerade für die neuen Sekundarschüler viele Komponenten hinzu: Neues Schulsystem, neue Kameraden, neue Medien, da kann eine Reizüberflutung stattfinden und man ist schnell gestresst.» Dass Schüler nach 20 Uhr noch Nachrichten von Lehrern erhalten, sei «einmal vorgekommen».
Momentan befinde sich die Schule noch in einer «Startphase». «Wir müssen uns immer fragen: Wo setzen wir das iPad ein? Uns ist auch der Realbezug extrem wichtig, dass die Kinder rausgehen, handwerken, die Welt erleben.» Ziel sei es stets, eine «ganzheitliche Schulbildung» anzubieten. «Momentan finden wir zusammen mit den Lehrern heraus, wo es Sinn macht, dass die Schüler das Tablet bewusst einsetzen.» Laut Meier ist das Tablet «ein Hilfs- und Arbeitsgerät». «Es ersetzt den herkömmlichen Unterricht nicht, sondern ergänzt ihn.» In der aktuellen Phase sei es nun wichtig, erste Erfahrungen zu sammeln und selbstkritisch zu sein. Meier findet es «schade», dass die Kritiker sich nicht direkt bei der Schule oder der Elternmitwirkung gemeldet haben. Die Angst vor Nachteilen, weil man sich kritisch äussert, kann Meier nicht nachvollziehen: «Das ist eine Unterstellung.»

Private Nutzung erlaubt
Dem «Landboten» liegt eine Kopie der Nutzungsvereinbarung der Schule mit den Schülern und Eltern vor. Darin steht unter anderem: «Die Nutzung für private Zwecke ist im eingeschränkten Rahmen möglich.» Laut Meier ist es den Schülern erlaubt, private Apps auf das Tablet runterzuladen. Das verärgert: «Das sollte nicht möglich sein», sagt eine Mutter.

Rechtswidrige Inhalte wie etwa rassistische, gewaltdarstellende oder pornografische Seiten sind durch die Vereinbarung verboten. «Es werden sporadisch Stichproben durchgeführt, in denen die Lehrperson die abgespeicherten Dokumente der Schüler kontrolliert und bei Bedarf löscht, nach mehreren Verstössen wird das Gerät eingezogen», sagt Meier. Ist ein Unterricht ohne Tablet überhaupt noch möglich? «Ja, wer kein Gerät zur Verfügung hat, löst die Aufgaben auf dem herkömmlichen Weg.»

«Klarere Richtlinien»
«Wenn ein Kind den Eltern abends um neun sagt, dass es noch etwas für die Schule erledigen muss, ist das für die Erwachsenen kaum überprüfbar», sagt Meier. «Für die Eltern ist es sehr schwierig einzuschätzen, ob ihr Kind spät am Abend tatsächlich noch etwas für die Schule erledigen muss oder nicht.» Deshalb würden diesbezüglich «klarere Richtlinien» geschaffen. «Etwa dass wir sagen: Nach 18 Uhr werden von den Lehrern keine Mails mehr verschickt.»

Ende September tauschen sich die Lehrpersonen an einer internen Veranstaltung zu den neuen Geräten aus. «Falls es dann verfeinerte Regeln gibt, werden diese den Eltern mitgeteilt.» In den Pausen dürfen die Tablets nicht für Spiele hervorgenommen werden. Laut Meier halten sich die Schüler daran. Die kritischen Eltern erzählen das Gegenteil. Sie fordern ausserdem fixe, komplett tabletfreie Tage. Für Meier ist das jedoch nicht umsetzbar: «Dann würden in gewissen Fächern die Tablets gar nie eingesetzt werden.»


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