Seit rund einem Monat
gehen alle Sekundarschüler in Aadorf jeden Tag mit ihrem ganz persönlichen iPad
in den Unterricht, legen es auf den Tisch und nehmen es am Ende des Tages
wieder mit nach Hause (der «Landbote» berichtete). Einige Eltern sind mit dem Umgang
zu Hause überfordert: «Es ist brutal frustrierend», sagt eine Mutter. Sie will
ihren Namen wie alle Kritiker nicht in der Zeitung lesen. «Ich fürchte, dass
mein Kind dadurch in der Schule benachteiligt würde.»
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| Das Herunterladen von privaten Apps sorgt für Kritik, Bild: Keystone
"Keine Lehrer-Mails mehr nach 18 Uhr", Landbote, 12.9. von Jonas Gabrieli
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Offiziell
wehre sich deshalb niemand. «Viele halten in der Öffentlichkeit den Mund, aber
beim Einkaufen jammern viele über das iPad», sagt sie. Eine andere Mutter sagt:
«Mein Kind wartet zu Hause vor dem Tablet öfters auf Hausaufgaben oder
Nachrichten der Lehrperson, die diese im Unterricht zuvor angekündigt hat.» Für
die Eltern ein Dilemma: «Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in der Schule und
während der Freizeit vor dem Gerät sitzen, wollen aber auch, dass sie alle ihre
Hausaufgaben erledigen.»
Angst vor Suchtverhalten
Die
ständige Erreichbarkeit sei «einschneidend für mein Familienleben», sagt eine
der beiden Mütter. Als sie ihrem Sohn am dritten Tag private Apps auf dem Gerät
verbieten wollte, sei dieser den Tränen nahe gewesen. Sie fürchtet sich, dass
ihr Kind eine Sucht entwickeln könnte. «Ich erziehe nicht jahrelang mein Kind
und dann kommt ein iPad und macht ganz viel meiner Vorarbeit kaputt.» Laut
Aussage der zwei Kritikerinnen sind es etwa 20 Eltern, die der Schule Vorwürfe
machen. «Diese vernachlässigt ihre Verantwortung für die Geräte und hat die
Eltern nicht in den Prozess involviert», sagen sie. Man habe die Tablets
einfach angeschafft. Beide betonen, dass sie nicht technologiefeindlich seien.
«Wir sind nicht prinzipiell dagegen oder wollen das Gerät verteufeln, aber wir
fordern eine subtilere Annäherung und klare Regeln.»
«Realbezug ist uns
wichtig»
Der
Schulleiter der Sekundarschule Aadorf, Peter Meier, widerspricht: «Uns war
bewusst, dass es einzelne Schüler gibt, die mit dem Umgang des Geräts Probleme
haben könnten.» Das liege jedoch nicht einzig und allein am iPad. «Es kommen
gerade für die neuen Sekundarschüler viele Komponenten hinzu: Neues
Schulsystem, neue Kameraden, neue Medien, da kann eine Reizüberflutung
stattfinden und man ist schnell gestresst.» Dass Schüler nach 20 Uhr noch
Nachrichten von Lehrern erhalten, sei «einmal vorgekommen».
Momentan
befinde sich die Schule noch in einer «Startphase». «Wir müssen uns immer
fragen: Wo setzen wir das iPad ein? Uns ist auch der Realbezug extrem wichtig,
dass die Kinder rausgehen, handwerken, die Welt erleben.» Ziel sei es stets,
eine «ganzheitliche Schulbildung» anzubieten. «Momentan finden wir zusammen mit
den Lehrern heraus, wo es Sinn macht, dass die Schüler das Tablet bewusst
einsetzen.» Laut Meier ist das Tablet «ein Hilfs- und Arbeitsgerät». «Es
ersetzt den herkömmlichen Unterricht nicht, sondern ergänzt ihn.» In der
aktuellen Phase sei es nun wichtig, erste Erfahrungen zu sammeln und
selbstkritisch zu sein. Meier findet es «schade», dass die Kritiker sich nicht
direkt bei der Schule oder der Elternmitwirkung gemeldet haben. Die Angst vor
Nachteilen, weil man sich kritisch äussert, kann Meier nicht nachvollziehen:
«Das ist eine Unterstellung.»
Private Nutzung erlaubt
Dem
«Landboten» liegt eine Kopie der Nutzungsvereinbarung der Schule mit den
Schülern und Eltern vor. Darin steht unter anderem: «Die Nutzung für private
Zwecke ist im eingeschränkten Rahmen möglich.» Laut Meier ist es den Schülern
erlaubt, private Apps auf das Tablet runterzuladen. Das verärgert: «Das sollte
nicht möglich sein», sagt eine Mutter.
Rechtswidrige
Inhalte wie etwa rassistische, gewaltdarstellende oder pornografische Seiten
sind durch die Vereinbarung verboten. «Es werden sporadisch Stichproben
durchgeführt, in denen die Lehrperson die abgespeicherten Dokumente der Schüler
kontrolliert und bei Bedarf löscht, nach mehreren Verstössen wird das Gerät
eingezogen», sagt Meier. Ist ein Unterricht ohne Tablet überhaupt noch möglich?
«Ja, wer kein Gerät zur Verfügung hat, löst die Aufgaben auf dem herkömmlichen
Weg.»
«Klarere Richtlinien»
«Wenn
ein Kind den Eltern abends um neun sagt, dass es noch etwas für die Schule
erledigen muss, ist das für die Erwachsenen kaum überprüfbar», sagt Meier. «Für
die Eltern ist es sehr schwierig einzuschätzen, ob ihr Kind spät am Abend
tatsächlich noch etwas für die Schule erledigen muss oder nicht.» Deshalb
würden diesbezüglich «klarere Richtlinien» geschaffen. «Etwa dass wir sagen:
Nach 18 Uhr werden von den Lehrern keine Mails mehr verschickt.»
Ende
September tauschen sich die Lehrpersonen an einer internen Veranstaltung zu den
neuen Geräten aus. «Falls es dann verfeinerte Regeln gibt, werden diese den
Eltern mitgeteilt.» In den Pausen dürfen die Tablets nicht für Spiele
hervorgenommen werden. Laut Meier halten sich die Schüler daran. Die kritischen
Eltern erzählen das Gegenteil. Sie fordern ausserdem fixe, komplett tabletfreie
Tage. Für Meier ist das jedoch nicht umsetzbar: «Dann würden in gewissen
Fächern die Tablets gar nie eingesetzt werden.»

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