Niemand bestreitet die Wichtigkeit des Faches, in der Praxis wird aber gekürzt, Bild: Lukas Tschopp
Experten halten Geschichte für ebenso wichtig wie Mathematik, Tageswoche, 17.4. von Lukus Tschopp
Wurde
1291 auf der Rütliwiese der Bund der Eidgenossenschaft beschworen? Ist des
Schweizers neutrale Haltung auf die Schlacht von Marignano zurückzuführen? Und
liegen die Wurzeln der vielgepriesenen direkten Demokratie tatsächlich in der
Schweiz – oder nicht doch im revolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts?
Die Schlachten
von Morgarten und Marignano sowie der Wiener Kongress jähren sich im Wahljahr
2015. Parteien,
Politiker und Historiker streiten dementsprechend um die Deutung vergangener
und vermeintlicher Schweizer Heldengeschichten. Was ist bloss
Mythos? Und was mit Quellen belegbar?
«Geschichte ist kein Fantasy-Game»
In solchen
Fragen liegt es mitunter am Geschichtsunterricht an der Schule, Wissen zur
Orientierung bereitzustellen. Das sagt Susanna Burghartz, Professorin am Departement
für Geschichte an der Uni Basel: «Guter Geschichtsunterricht
soll helfen, Informationen besser einzuschätzen und kritisch zu hinterfragen.»
Offenbar ein hohes Ziel. Burghartz
glaubt, es sei schon viel erreicht, wenn Jugendliche nach der Schulzeit eine
Vorstellung von historischen Dimensionen hätten. «Geschichte ist kein
Fantasy-Game, wo Inhalte beliebig miteinander kombiniert werden können», sagt
sie. Dass man die Instrumentalisierung von Geschichte, etwa durch politische
Parteien, gänzlich verhindern könne, glaubt sie allerdings nicht.
Umso wichtiger
sei es, in der Schule Geschichte zu lehren. An einer Podiumsdiskussion derAlumni-Fachgruppe
Geschichte der Uni Basel debattierte
eine Expertenrunde deshalb darüber, welche Rolle der Geschichte in der
Schulausbildung in Zukunft zukommen soll.
Unnützes Fach?
Im Lehrplan 21
findet historisches Lernen auf Sek 1 nicht im Schulfach Geschichte, sondern im
Fachbereich Räume, Zeiten, Gesellschaften (gemeinsam mit Geographie) statt.
Peter Gautschi, Leiter vom Zentrum
Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der PH Luzern,
rechnete vor, dass für Geschichte gemäss Planungsvorgaben bloss noch 1,3
Lektionen pro Woche übrig bleiben.
Gleichzeitig
wird der Ruf nach nützlichen, wirtschaftsnahen, vornehmlich
naturwissenschaftlich-technischen Ausbildungen laut. Mehr
Bauingenieure, weniger Historiker, lautet der Tenor. Bleibt da das
Unterrichtsfach Geschichte auf der Strecke?
Für
Erziehungsdirektor Christoph Eymann sind nicht Fachtitel oder Lektionenanzahl,
sondern Art und Weise der Wissensvermittlung entscheidend. Gleichzeitig warnt
er davor, zu stark auf die Verwendbarkeit von Schulwissen zu pochen: «Es darf
nicht nur darum gehen, Brauchbares fürs Berufsleben zu vermitteln. Wichtig ist,
die Schüler für etwas zu begeistern.»
Und Peter Gautschi ergänzt:
«Geschichte ist sogar sehr nützlich! Die grossen Probleme unserer Gegenwart
lösen wir nicht mit mehr Ingenieuren und mehr Mathematik. Die lösen wir, indem
wir erkennen, wie unsere heutigen Situation entstanden ist, und was unsere
Gestaltungsmöglichkeiten sind.»
Die Geschichte müsse sich in Sachen
Nützlichkeit also überhaupt nicht verstecken. Im Gegenteil: Sie müsse sich
dieser Diskussion stellen und sich gegenüber der Konkurrenz behaupten.
«Geschichte hat nach wie vor gute Karten», ist Gautschi überzeugt.
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