7. November 2014

La folie du percnoptère

Zu Beginn ein kleiner Test: Übersetzen Sie bitte folgende französischen Wörter: zut, chatouiller, le poisson rémora, le putois. Dann wäre da noch le ­percnoptère. So, und jetzt formulieren Sie noch auf Französisch, welche Überlegungen und Erfahrungen Sie mit dieser Sprache gemacht haben, Sie dürfen aber weder avoir noch être noch ­pouvoir oder sonst ein Verb konjugieren, denn das hat man Ihnen noch nicht beigebracht. Voilà, chers amis, schon befinden wir uns mitten im neuen Frühfranzösisch-Lehrmittel «Mille feuilles» für die 3. Klasse.









Der Schmutzgeier ist Thema im Frühfranzösisch, Bild: Arjan Haverkamp



La folie du percnoptère, Basler Zeitung, 7.11. von Mischa Hauswirth

«Sie haben ja keine Ahnung», hörte ich neulich, als ich den Aufbau des Lehrmittels kritisierte. «Sie wissen nichts davon, wie man heute lernt.» Die Lehrer und Pädagogen, die das Lehrmittel toll finden, reden von einem «Sprachbad», das die Kinder nehmen. Nur: Eltern, die wirklich um das Wohl des Kindes besorgt sind, werfen es erst ins Becken, wenn sie sicher sind, dass es nicht untergeht. Bis dahin wird das Schwimmen geübt.
Zugegeben, ich vermag vielleicht nicht in aller Tiefe zu erfassen, was die didaktischen Wunderheiler da für ein System vorlegen. Aber ich sehe, ob ein System funktioniert oder nicht. Und wenn meine Tochter Wörter wiepercnoptère büffeln muss, aber nicht einmal avoir durchkonjugieren kann, von aller, être oder devoir ganz zu schweigen, und das im zweiten Jahr Französisch, dann ist das System untauglich.
Mit Theorien ist es ohnehin so eine Sache, liebe Sprachmittelreformatoren. Auch wenn der Kommunismus in seiner Theorie wundervoll klingen mag, er funktioniert einfach nicht – er scheitert an der Realität des Menschen.
Was im heutigen Frühfranzösisch gemacht wird, hat eine Mutter treffend skizziert: Man legt den Kindern ein Puzzle mit 10 000 Teilen hin, nimmt ihnen aber die Schachtel mit dem Foto drauf weg, sodass sie gar nicht wissen können, wie sie das Ganze zusammenbringen sollen. Wenn ein Lehrmittel die Verbkonjugation und das Lernen von Alltagsdingen derart grobfahrlässig vernachlässigt, wie dies das «Mille feuilles» tut, hätte es im freien Markt keine Chance. Denn was nützt mir der percnoptère, wenn ich ein Sandwich kaufen will?
Apropos percnoptère: Ich bat eine Französin um ihr Urteil. Wie schlimm ist es, wenn ich dieses Wort nicht kann? «Spielt keine Rolle, 70 Prozent der Franzosen wissen nicht, was es be­­deutet», sagte sie. Und nach langem Blättern im Lehrmittel runzelte sie die Stirn. «Ils sont vraiment fous. Ça c’est traumatiser les enfants.» Statt in den Kindern Freude zu wecken, werden sie frustriert und lehnen «Franzi» ab.
Am Ende bleibt Eltern nur die Selbsthilfe: Wie früher klassisch Wörter auswendig lernen und abfragen, Konjugationsregeln erklären, erste kleine ­Szenen spielen. Wer sich auf die Schule verlässt, wird irgendwann feststellen, dass das Kind nach drei Jahren Französisch so gut wie gar nichts kann. 

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