Zu Beginn ein kleiner Test: Übersetzen Sie bitte folgende
französischen Wörter: zut, chatouiller, le poisson rémora, le putois. Dann wäre da noch le percnoptère. So, und jetzt formulieren Sie noch auf
Französisch, welche Überlegungen und Erfahrungen Sie mit dieser Sprache gemacht
haben, Sie dürfen aber weder avoir noch être noch pouvoir oder sonst ein Verb konjugieren, denn
das hat man Ihnen noch nicht beigebracht. Voilà, chers amis, schon befinden wir
uns mitten im neuen Frühfranzösisch-Lehrmittel «Mille feuilles» für die 3.
Klasse.
Der Schmutzgeier ist Thema im Frühfranzösisch, Bild: Arjan Haverkamp
La folie du percnoptère, Basler Zeitung, 7.11. von Mischa Hauswirth
«Sie haben ja keine Ahnung», hörte ich neulich, als ich den Aufbau
des Lehrmittels kritisierte. «Sie wissen nichts davon, wie man heute lernt.»
Die Lehrer und Pädagogen, die das Lehrmittel toll finden, reden von einem
«Sprachbad», das die Kinder nehmen. Nur: Eltern, die wirklich um das Wohl des
Kindes besorgt sind, werfen es erst ins Becken, wenn sie sicher sind, dass es
nicht untergeht. Bis dahin wird das Schwimmen geübt.
Zugegeben,
ich vermag vielleicht nicht in aller Tiefe zu erfassen, was die didaktischen
Wunderheiler da für ein System vorlegen. Aber ich sehe, ob ein System
funktioniert oder nicht. Und wenn meine Tochter Wörter wiepercnoptère büffeln muss, aber nicht einmal avoir durchkonjugieren kann, von aller, être oder devoir ganz zu schweigen,
und das im zweiten Jahr Französisch, dann ist das System untauglich.
Mit
Theorien ist es ohnehin so eine Sache, liebe Sprachmittelreformatoren. Auch
wenn der Kommunismus in seiner Theorie wundervoll klingen mag, er funktioniert
einfach nicht – er scheitert an der Realität des Menschen.
Was
im heutigen Frühfranzösisch gemacht wird, hat eine Mutter treffend skizziert:
Man legt den Kindern ein Puzzle mit 10 000 Teilen hin, nimmt ihnen aber die
Schachtel mit dem Foto drauf weg, sodass sie gar nicht wissen können, wie sie
das Ganze zusammenbringen sollen. Wenn ein Lehrmittel die Verbkonjugation und
das Lernen von Alltagsdingen derart grobfahrlässig vernachlässigt, wie dies das
«Mille feuilles» tut, hätte es im freien Markt keine Chance. Denn was nützt mir
der percnoptère,
wenn ich ein Sandwich kaufen will?
Apropos percnoptère:
Ich bat eine Französin um ihr Urteil. Wie schlimm ist es, wenn ich dieses Wort
nicht kann? «Spielt keine Rolle, 70 Prozent der Franzosen wissen nicht, was es
bedeutet», sagte sie. Und nach langem Blättern im Lehrmittel runzelte sie die
Stirn. «Ils sont vraiment fous. Ça c’est traumatiser les enfants.» Statt in den
Kindern Freude zu wecken, werden sie frustriert und lehnen «Franzi» ab.
Am
Ende bleibt Eltern nur die Selbsthilfe: Wie früher klassisch Wörter auswendig
lernen und abfragen, Konjugationsregeln erklären, erste kleine Szenen spielen.
Wer sich auf die Schule verlässt, wird irgendwann feststellen, dass das Kind
nach drei Jahren Französisch so gut wie gar nichts kann.

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