6. Juni 2014

Pulver will Buben helfen

Wer im Kanton Bern in zwei der drei Fächer Deutsch, Französisch und Mathematik eine Übertrittsempfehlung hat, ist ein Sekschüler. Diese Fächerkombination benachteilige insbesondere fremdsprachige Buben, findet Bernhard Pulver, Erziehungsdirektor des Kantons Bern. 
Pulver sieht drei Möglichkeiten: 
1. Nur noch Mathematik und Deutsch als relevante Übertrittsfächer.
2. Ergänzung der momentan drei Fächer durch NMM (Naturwissenschaften).
3. Alle Fächer (inklusive der musischen) werden in den Selektionsprozess einbezogen.




Buben in der Schule: Still sitzen, fleissig sein, nicht auffallen. Bild: Adrian Moser

Mehr Chancen für die Buben, Der Bund, 6.6. von Mireille Guggenbühler


Schon in zwei Jahren will die Erziehungsdirektion eine grössere Evaluation der Kontrollprüfungen zum Sek-Übertritt vornehmen. Und allenfalls den Fächerkanon erweitern, der für den Übertritt eine Rolle spielt – der Buben wegen. Das sagt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne).
An den jüngst durchgeführten Kontrolltests zum Sek-Übertritt, die 326 Kinder absolviert haben, schafften 113 den Übertritt. Darunter waren insbesondere auch viele fremdsprachige Buben. Die Tests legten Kinder ab, deren Eltern und Lehrkräfte sich nicht über das künftige Schulniveau hatten einigen können («Bund» vom 31. Mai 2014). «Eigentlich brauchten wir etwas mehr Zeit für die Evaluation, damit wir sehen, wie sich das Ganze einspielt», sagt Pulver. Aber: Im Schuljahr 2017/18 wird der Lehrplan 21 im Kanton Bern eingeführt. Damit steht die Frage im Raum, inwieweit das heutige Übertrittsverfahren überhaupt damit kompatibel ist. Denn: Der Lehrplan 21 legt Kompetenzen und Inhalte für den Unterricht in Kindergarten und Schule fest. In einem kompetenzorientierten Unterricht wird vermehrt Wert auf die Lernprozesse der Schüler gelegt. Dies bedeutet, dass beispielsweise ein Thema nicht erst am Ende in Form einer Prüfung getestet wird, sondern dass bereits der Lernweg in die Bewertung mit einbezogen wird.
Offene Fragen bei der Beurteilung
Für den Erziehungsdirektor ist eines klar. «Der Lehrplan 21 stellt die Selektion nicht infrage.» Man könne von einem Sekundarschüler durchaus höhere Kompetenzen erwarten als von einem Realschüler. «Die Frage ist indes, wie man von der Kompetenzbeurteilung zu den Noten kommt, da gibt es tatsächlich noch offene Fragen.» Pulver findet zwar, dass «die Erwartungen der Gesellschaft an die Selektion überhöht sind». Dennoch ist es für ihn vor allem auch aus politischen Gründen undenkbar, die Selektion im Kanton Bern abzuschaffen. «Die politische Mehrheit in diesem Kanton will an der Selektion festhalten. Von mir aus packe ich das Thema nicht an. Auch, weil es dringendere Reformen an der Schule gibt.»
Dennoch könnte sich am Inhalt der Selektion bis zur Einführung des neuen Lehrplans durchaus etwas ändern, das negiert der Erziehungsdirektor nicht. Ein Punkt ist die Fächerkombination, die beim Übertritt von der Primar- in die Sekundarschule zählt: Sie gilt als zu sprachenlastig. Sek-Schüler ist heute, wer in zwei der drei Fächer Deutsch, Französisch und Mathematik eine Übertrittsempfehlung hat. Diese Fokussierung auf die Sprachen benachteilige die Buben, insbesondere auch die fremdsprachigen. «Aus diesem Grund überlegen wir uns, am Fächerkanon etwas zu ändern», kündigt Pulver an.Dabei fasst die Erziehungsdirektion verschiedene Optionen ins Auge: die Reduktion der Selektionsfächer – und zwar auf Deutsch und Mathematik. Oder die Erweiterung der Selektionsfächer, indem die naturwissenschaftlichen Fächer, also NMM, dazugenommen würden, so wie dies beim Verfahren für den Übertritt an die Gymnasien bereits der Fall ist. «Oder aber wir ziehen alle Fächer in die Selektion mit ein, also etwa auch Gestalten, Musik und Sport.» Pulver selber wäre Letzteres sympathisch, weil dies die musischen Fächer aufwerten würde. «Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, man erweise diesen Fächern damit einen Bärendienst.»
«Zu tief eingeschätzt»
Unter anderem hat sich gerade an den kürzlich durchgeführten Kontrollprüfung zu den Sek-Übertritten gezeigt, dass überraschend viele fremdsprachige Buben reüssiert haben. «Alle möglichen Untersuchungen bestätigen, dass fremdsprachige Buben in der Tendenz zu tief eingeschätzt werden», räumt Pulver ein. Bildungsstatistiken weisen seit Jahren einen unterschiedlichen Schulerfolg zwischen Buben und Mädchen aus. Sichtbar ist dies etwa anhand der tieferen Quoten beim Übertritt von Buben in die Sekundarschule, der Maturitätsquoten oder der Zuweisungen zu Sonderklassen (siehe Kasten). Vielleicht sähe eine Selektion, die den Buben insgesamt gerechter würde, grundsätzlich ganz anders aus.
Buben: Fachkompetenz zählt
Für Martin Schäfer, Rektor an der Pädagogischen Hochschule in Bern, gibt es aufgrund diverser wissenschaftlicher Untersuchungen «Indizien dafür, dass Buben in einem Selektionsverfahren besser abschneiden, wenn nur die Fachkompetenz zählt und nicht auch noch das Lern- und Arbeitsverhalten in die Beurteilung mit einbezogen wird. Dies könnte erklären, weshalb Buben an der Kontrollprüfung reüssiert haben.»
Gibt es die gerechte Selektion?
Bubengerecht, mädchengerecht oder grundsätzlich gerecht – kann eine Selektion diesen Anspruch je erfüllen? «Mit dem heutigen Verfahren nähert man sich gemäss einer Expertenbefragung, die von der PH Bern durchgeführt wurde, einem gerechten Selektionssystem einigermassen an», sagt Martin Schäfer. «Die Frage ist für mich aber vielmehr, in welches Schulsystem hinein man selektioniert.» Je strikter die Trennung zwischen Sekundarschule und Realschule sei, desto bedeutungsvoller werde die Selektion. «Wenn Jugendliche mit Real- und Sek-Niveau nach dem Wechsel auf die Sekundarstufe I aber zusammenbleiben, kann das Selektionsverfahren etwas entlastet werden.» Indes: Nur ganz wenige Schulen im Kanton arbeiten heute mit einem solchen Modell. Die Realität ist eine andere: «In den meisten Schulen findet der Unterricht in getrennten Real- und Sekundarklassen statt, teilweise verbunden mit der Möglichkeit, ein Fach im jeweils anderen Niveau zu besuchen», sagt Schäfer.


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