Pulver sieht drei Möglichkeiten:
1. Nur noch Mathematik und Deutsch als relevante Übertrittsfächer.
2. Ergänzung der momentan drei Fächer durch NMM (Naturwissenschaften).
3. Alle Fächer (inklusive der musischen) werden in den Selektionsprozess einbezogen.
Buben in der Schule: Still sitzen, fleissig sein, nicht auffallen. Bild: Adrian Moser
Mehr Chancen für die Buben, Der Bund, 6.6. von Mireille Guggenbühler
Schon in zwei Jahren will die Erziehungsdirektion eine grössere
Evaluation der Kontrollprüfungen zum Sek-Übertritt vornehmen. Und allenfalls
den Fächerkanon erweitern, der für den Übertritt eine Rolle spielt – der Buben
wegen. Das sagt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne).
An den jüngst durchgeführten Kontrolltests zum Sek-Übertritt,
die 326 Kinder absolviert haben, schafften 113 den Übertritt. Darunter waren
insbesondere auch viele fremdsprachige Buben. Die Tests legten Kinder ab, deren
Eltern und Lehrkräfte sich nicht über das künftige Schulniveau hatten einigen
können («Bund» vom 31. Mai 2014). «Eigentlich brauchten wir etwas mehr Zeit für
die Evaluation, damit wir sehen, wie sich das Ganze einspielt», sagt Pulver.
Aber: Im Schuljahr 2017/18 wird der Lehrplan 21 im Kanton Bern eingeführt.
Damit steht die Frage im Raum, inwieweit das heutige Übertrittsverfahren
überhaupt damit kompatibel ist. Denn: Der Lehrplan 21 legt Kompetenzen und
Inhalte für den Unterricht in Kindergarten und Schule fest. In einem
kompetenzorientierten Unterricht wird vermehrt Wert auf die Lernprozesse der
Schüler gelegt. Dies bedeutet, dass beispielsweise ein Thema nicht erst am Ende
in Form einer Prüfung getestet wird, sondern dass bereits der Lernweg in die
Bewertung mit einbezogen wird.
Offene Fragen bei der Beurteilung
Für den Erziehungsdirektor ist eines klar. «Der Lehrplan 21
stellt die Selektion nicht infrage.» Man könne von einem Sekundarschüler
durchaus höhere Kompetenzen erwarten als von einem Realschüler. «Die Frage ist
indes, wie man von der Kompetenzbeurteilung zu den Noten kommt, da gibt es
tatsächlich noch offene Fragen.» Pulver findet zwar, dass «die Erwartungen der
Gesellschaft an die Selektion überhöht sind». Dennoch ist es für ihn vor allem
auch aus politischen Gründen undenkbar, die Selektion im Kanton Bern
abzuschaffen. «Die politische Mehrheit in diesem Kanton will an der Selektion
festhalten. Von mir aus packe ich das Thema nicht an. Auch, weil es dringendere
Reformen an der Schule gibt.»
Dennoch könnte sich am Inhalt der Selektion bis zur Einführung
des neuen Lehrplans durchaus etwas ändern, das negiert der Erziehungsdirektor
nicht. Ein Punkt ist die Fächerkombination, die beim Übertritt von der Primar-
in die Sekundarschule zählt: Sie gilt als zu sprachenlastig. Sek-Schüler ist
heute, wer in zwei der drei Fächer Deutsch, Französisch und Mathematik eine
Übertrittsempfehlung hat. Diese Fokussierung auf die Sprachen benachteilige die
Buben, insbesondere auch die fremdsprachigen. «Aus diesem Grund überlegen wir
uns, am Fächerkanon etwas zu ändern», kündigt Pulver an.Dabei fasst die Erziehungsdirektion
verschiedene Optionen ins Auge: die Reduktion der Selektionsfächer – und zwar
auf Deutsch und Mathematik. Oder die Erweiterung der Selektionsfächer, indem
die naturwissenschaftlichen Fächer, also NMM, dazugenommen würden, so wie dies
beim Verfahren für den Übertritt an die Gymnasien bereits der Fall ist. «Oder
aber wir ziehen alle Fächer in die Selektion mit ein, also etwa auch Gestalten,
Musik und Sport.» Pulver selber wäre Letzteres sympathisch, weil dies die
musischen Fächer aufwerten würde. «Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, man
erweise diesen Fächern damit einen Bärendienst.»
«Zu tief eingeschätzt»
Unter anderem hat sich gerade an den kürzlich durchgeführten
Kontrollprüfung zu den Sek-Übertritten gezeigt, dass überraschend viele fremdsprachige
Buben reüssiert haben. «Alle möglichen Untersuchungen bestätigen, dass
fremdsprachige Buben in der Tendenz zu tief eingeschätzt werden», räumt Pulver
ein. Bildungsstatistiken weisen seit Jahren einen unterschiedlichen Schulerfolg
zwischen Buben und Mädchen aus. Sichtbar ist dies etwa anhand der tieferen
Quoten beim Übertritt von Buben in die Sekundarschule, der Maturitätsquoten
oder der Zuweisungen zu Sonderklassen (siehe Kasten). Vielleicht sähe eine
Selektion, die den Buben insgesamt gerechter würde, grundsätzlich ganz anders
aus.
Buben: Fachkompetenz zählt
Für Martin Schäfer, Rektor an der Pädagogischen Hochschule in
Bern, gibt es aufgrund diverser wissenschaftlicher Untersuchungen «Indizien
dafür, dass Buben in einem Selektionsverfahren besser abschneiden, wenn nur die
Fachkompetenz zählt und nicht auch noch das Lern- und Arbeitsverhalten in die
Beurteilung mit einbezogen wird. Dies könnte erklären, weshalb Buben an der
Kontrollprüfung reüssiert haben.»
Gibt es die gerechte Selektion?
Bubengerecht, mädchengerecht oder grundsätzlich gerecht – kann
eine Selektion diesen Anspruch je erfüllen? «Mit dem heutigen Verfahren nähert
man sich gemäss einer Expertenbefragung, die von der PH Bern durchgeführt
wurde, einem gerechten Selektionssystem einigermassen an», sagt Martin Schäfer.
«Die Frage ist für mich aber vielmehr, in welches Schulsystem hinein man
selektioniert.» Je strikter die Trennung zwischen Sekundarschule und Realschule
sei, desto bedeutungsvoller werde die Selektion. «Wenn Jugendliche mit Real-
und Sek-Niveau nach dem Wechsel auf die Sekundarstufe I aber zusammenbleiben,
kann das Selektionsverfahren etwas entlastet werden.» Indes: Nur ganz wenige
Schulen im Kanton arbeiten heute mit einem solchen Modell. Die Realität ist
eine andere: «In den meisten Schulen findet der Unterricht in getrennten Real-
und Sekundarklassen statt, teilweise verbunden mit der Möglichkeit, ein Fach im
jeweils anderen Niveau zu besuchen», sagt Schäfer.

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