30. März 2016

Präventive Nachhilfe

Eltern schicken ihre Kinder bereits frühzeitig in den Nachhilfeunterricht - oder ziehen um. Die Nachhilfe-Organisationen verzeichnen grosse Nachfrage.













Falsche Entwicklung: Unnötige Nachhilfestunden, Bild: 20 Minuten
Auch gute Schüler müssen schon in die Nachhilfe, 20 Minuten, 30.3. von D. Pomper


Zahlreiche Eltern suchen ihren Kindern einen Nachhilfelehrer. Normalerweise ist das der Fall, wenn der Sprössling in einem Fach eine ungenügende Note hat und Mühe mit Mathe oder Französisch bekundet. Die Rektorin der Kantonsschule Kollegium Schwyz stellt nun aber fest, dass es «zum Beispiel in Zürich die Tendenz gibt, dass mit dem Schuleintritt prophylaktisch Nachhilfe genommen wird». Das finde sie eine falsche Entwicklung, so Oetiker-Grossmann gegenüber dem «Boten der Urschweiz».

Formularende
Sandro Principe von der Nachhilfe-Vermittlungsplattform Tutor24.ch bestätigt diesen Trend: «Bereits Viertklässler werden präventiv in den Nachhilfeunterricht geschickt, um Sie aufs Gymnasium vorzubereiten.» Seien die Kinder dann am Gymi, besuchten sie wieder prophylaktisch die Nachhilfe, um die Probezeit zu bestehen.

Grund für diese Entwicklung sei «das Versagen der staatlichen Schule», glaubt Principe. In vielen Klassen seien fremdsprachige Kinder in der Mehrheit. «An vernünftigen Deutschunterricht ist da nicht zu denken», sagt Principe. Auch wegen der höheren Anforderungen im späteren Arbeitsleben seien Eltern zunehmend dazu bereit, für die Bildung ihrer Kinder mehr auszugeben. Und das über alle sozialen Schichten hinweg.

Familien ziehen in den Aargau oder nach Deutschland
Es bestehe allerdings schon eine Korrelation zwischen der Höhe der Steuern und der Anzahl Nachhilfeschüler und Nachhilfelehrer. So führen die Kantone Schwyz, Zug und Zürich die Rangliste an. Über 50’000 Schüler – 60 Prozent davon Buben – und etwa genauso viele Lehrer sind schweizweit bei Tutor.24 registriert. Die Nachfrage steige jährlich um 30 Prozent.

Viele Eltern hätten aber gar keine Lust mehr auf den ganzen Zirkus und würden lieber einen Umzug in Kauf nehmen. Principe weiss von Familien, die von Zürich in den Aargau oder gar nach Deutschland ziehen: «Dort existieren weder Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium noch eine Probezeit.»

«Kinder brauchen keine Nachhilfe»
«Warum schickt man die Kinder nicht bereits im Kindergarten in den Nachhilfeunterricht», fragt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes, rhetorisch. Der präventive Nachhilfeunterricht sei die logische Konsequenz davon, dass Eltern nur «das Beste» für ihre Kinder wollten. Dabei verkennen sie, dass dann kaum mehr Zeit für Hobbys wie Musik oder Pfadi bleibe.

Dass das «schlechte» Schulsystem die Kinder in die Arme der Nachhilfelehrer treibe, glaubt Lätzsch nicht: «Im Kanton Zürich ist die Schule ein sehr erfolgreiches Modell. Die meisten Kinder erreichen die Lernziele.» Ausserdem sei erwiesen, dass ein Anteil von bis zu rund 30 Prozent Fremdsprachiger die Leistung der Kinder nicht mindere.


Bildungspolitiker Matthias Aebischer (SP) pflichtet bei: «Das Schulsystem ist so konzipiert, dass das Kind ohne Nachhilfeunterricht die Lernziele erreichen kann. Wenn das zwischenzeitlich einmal grad nicht möglich ist, bricht keine Welt zusammen. Die Kinder machen ihren Weg.» Er rät Eltern davon ab, zu viel Druck auszuüben, da dies bei den Kindern Frust auslösen könne. Statt stets das Maximum aus ihren Kindern herauszuholen, sollten Eltern auf das Gespür ihrer Kinder vertrauen. Das duale Bildungssystem der Schweiz lasse viele verschiedene Bildungswege zu: «Ein Kind, das am Gymi ist, ist nicht glücklicher, als eines, das eine Lehre macht.»

1 Kommentar:

  1. Eine Kategorie wurde leider vergessen. Es gibt bereits Kinder aus den LP21-Versuchsschulen oder von an der PH nach dem LP21-Dogma ausgebildeten Lehrern, die beim "inidvidualisierten" oder "selbstgesteuerten Lernen" nicht mehr mitkommen, weil sie die Arbeitsblätter nicht verstehen und die linientreuen "Lernbegleiter" gemäss der LP21-Dogma nicht unterrichten, motivieren, erziehen oder erklären dürfen, weil das ja dann kein "selbstgesteuertes Lernen" mehr wäre. Siehe dazu das Beispiel der SOL-Schule Niederhasli (übrigens im Kanton Zürich!), wo sich die Nachhilfe verdoppelt hat. Erhalten solche Kinder keine Nachhilfe, werden sie zu Schulversagern.

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