1. Juli 2017

A star is born

Jugendliche könnten nach Abschluss der Schule immer noch keinen Kaffee in der Romandie bestellen – das befürchten die vielen Kritiker des Französisch-Lehrmittels «Mille Feuilles». Zumindest den Schülern der 4a der Gelterkinder Hofmatt-Primarschule kann das kaum passieren. «Au restaurant» heisst eine Szene des Theaterstücks, das die Zehnjährigen gestern nach zwei Jahren Franzi-Unterricht aufführten; ausschliesslich in der Sprache Molières.
So lernen die Schüler gerne Französisch, Basellandschaftliche Zeitung, 30.6. von Michel Ecklin

Da bestellt eine ganze Runde eine Mahlzeit, fragt, was da genau auf der Karte stehe, verabschiedet sich, inklusive artigem «Bonjour, Monsieur!», «Que souhaitez-vous manger?», «Merci, Madame!». Dann staunen sie über einen Regenbogen, fragen einander über ihre Lieblingsfreizeitaktivitäten und ihre Ferienpläne ab und meistern dabei den Zungenbrecher «En vacances en France». Da schleicht sich schon mal eine Vergangenheitsform ein, und beim Aufzählen der Monate und Wochentage sprudeln die Zahlen nur noch aus ihnen heraus.

Die Dialoge des Theaterstücks haben sie zwar weitgehend auswendig gelernt. Doch fragt man die Schüler, sagen sie einhellig: «Wir verstehen alles, was wir sagen.» So funktioniert auch der Unterricht mit «Mille Feuilles»: Die Lehrerin spricht möglichst viel Französisch mit der Klasse. Übersetzt wird kaum etwas, die Kinder erraten, was gemeint ist. Und dann setzen sie die gelernten Satzfetzen zu eigenen Sätzen zusammen. Das Lehrmittel setzt auf das Spontane, das Kindern im Primarschulalter eigen ist. Grammatikalische Korrektheit ist dabei zweitrangig.

Zumindest in Spinnlers Klasse scheint dieses Konzept bestens zu funktionieren. Ein Mädchen berichtet voller Stolz aus den Campingferien in Frankreich: «Ich durfte selber etwas einkaufen gehen, und die Verkäuferin hat mich verstanden», sagt es mit einem breiten Lächeln. Nach dem Stück reden einige Schüler miteinander Franzö- sisch, andere tun das zu Hause mit den Eltern. «Französisch macht Spass», versichert ein Junge.

Teilweise improvisiert
Das ist wohl nicht überall so, wo mit «Mille Feuilles» unterrichtet wird. Unter den Eltern, die gestern am Theater waren, ist klar: Dass in der 4a das umstrittene Lehrbuch ein Erfolg geworden ist, hat viel mit der Lehrperson zu tun. Das ist ein Lob an Annemarie Spinnler, die im Gegensatz zu anderen Lehrern keine Berührungs- ängste mit «Mille Feuilles» hatte. Auch sie sagt, dass es Aufgabe der Lehrperson sei, die Kinder in ihrer Spontaneität abzuholen und so die Sprache spielerisch zu lehren. «Mit Liedern geht das sehr gut», hat sie festgestellt. Deshalb setzt sie zusätzlich zu «Mille Feuilles» eine Musik-CD zum Nachsingen ein. Und beim Theaterstück hätten die Kinder teilweise improvisiert, ohne das selber zu merken; etwa wenn ein Gesprächspartner aus der Rolle gefallen sei. Eine Sekundarschulelehrerin mit einer Tochter in der 4a hat Respekt vor dem, was Spinnlers Schüler leisten. Das dritte und vierte Schuljahr sei perfekt, um eine Sprache zu lernen, sagt sie. «Ob sie aber danach, wenn sie in der Pubertät sind, noch so spontan reden, wird sich zeigen.»

Optimistisch, dass die Kinder das Gelernte behalten, ist eine andere Mutter. Sie hat eine Tochter in der 4a und einen zwei Jahre älteren Sohn, dem auf traditionelle Weile Französisch beigebracht wird. «Beide sind etwa gleich weit», stellt sie fest. Die Kritik an «Mille Feuilles» kennt sie, «aber man sollte offen sein für Neues», findet sie.


Das war auch die Einstellung Spinnlers, als sie mit dem neuen Lehrmittel konfrontiert wurde. Dieses schreibe ein «Sprachbad» vor. «Als ich mit den Kindern Franzö- sisch sprach, fing ich an, diese Sprache zu mögen», sagt sie. «Damals als Schülerin hatte ich Französisch nicht gern.»

Kommentare:

  1. Da schafft es doch offenbar eine Lehrerin, ein Theaterstück vorzuführen. Grandios. Ein Stern unter all den unfähigen Französischlehrkräften. So kommt die Botschaft rüber.

    Doch wenn es um erfolgreiche Methoden zur Vermittlung von Französisch geht, ist man noch immer auf Spekulationen angewiesen, obwohl der Entscheid für Frühfremdsprachen längst gefällt wurde. Hier die Rezepte:

    1. Keine Berührungsängste zum neuen Lehrmittel - offen sein für Neues.
    2. Lieder singen, spielerisch lernen (was heisst das?) und generell den Plausch haben.
    3. Das ist alles - das war's!

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  2. Dass man mit Hilfe von "Milles Feuilles" der Sprache Molières mächtig wird, erstaunt mich. Man wird allgemein überrascht sein, dass junge Menschen später z.B. in kaufmännischen Bereichen französisch à la Molière schreiben und sprechen werden :-)
    Andere Menschen besuchen hierfür das Theater, um sich par exemple "Le Malade imaginaire" zu Gemüte führen zu lassen.
    Lieder singen, spielen von Szenen und spielerisches Lernen war schon immer Bestandteil beim Erlernen einer Sprache. Das ist nicht abhängig von einem Lehrmittel.
    Am Wichtigsten ist immer noch die Freude und Kompetenz der Lehrperson, einen Stoff so für die Kinder aufzubereiten, dass deren Lernlust erhalten bleibt.

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  3. Hier versteht es eine Lehrerin die Kinder zu begeistern. Eigentlich müsste es heissen, trotz Mille-Feuilles. Denn in Mille-Feuilles sind ja alltagsnahe Themen nicht vorgesehen.

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