5. Mai 2017

Kurze Geschichte des Schreibens


Schweizer Schulen wollen von Papier und Tinte lange Zeit nichts wissen. Von Urs Hafner
Die Smartphones, auf denen wir tippen, was das Zeug hält, sind die Papierfetzen und die Tinte des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Vor gut 200 Jahren konnten zwar viel weniger Leute schreiben als heute, aber sie taten es mit der gleichen Begeisterung. Und auch sie scherten sich, so wie viele Jugendliche heute, kaum um Orthographie und Grammatik. Beide waren wenig reglementiert.
Schreib nicht, lies!, NZZ, 5.5. von Urs Hafner

Um das Jahr 1700 hingegen besteht die Bevölkerung noch weitgehend aus Analphabeten. Nur eine schmale Schicht von Gelehrten und Beamten ist schreibkundig. Wissen, Erfahrungen und Traditionen im Alltag werden mündlich weitergegeben. Und bevor die Menschen, die nicht zur Elite gehören, schreiben können, lernen sie lesen – und zwar heilige und erbauliche Schriften, den Katechismus, Gesetze und Verordnungen. Die Obrigkeiten schätzen die neuen Kompetenzen des Volks. Wer liest, kann Befehle empfangen. Herrschaftskritische und atheistische Schriften indes werden verboten.

Die Kirche blockt ab
Lesen ist kontrollierbar, nicht aber das Schreiben. Denn Schreiben ist ein subversiver Akt. Wer schreibt, schafft eine Distanz zum Alltäglichen, die nach Erklärung verlangt. Die Schrift führt in den Dissens und in die Fiktion. Wer schreibt, der zaubert.

Bis um 1800 vermittelt die Volksschule keine Schreibkompetenzen, wie der Zürcher Sozialanthropologe Alfred Messerli nachgewiesen hat. Die Obrigkeiten finden Schreiben unnütz, Lesen reiche allemal. Die Geistlichkeit erkennt darin gar eine Gefahr der Selbstvergottung. Nicht einmal die Lehrer können alle schreiben. Der Aufwand ist gross: Man braucht Papier, das selten und teuer ist, ferner Tinte und Federn sowie Ruhe in der überfüllten Schulstube. Nur 5 bis 20 Prozent der Zürcher Landbevölkerung sind des Schreibens mächtig, im Luzerner Mittelland sind es 5 bis 10 Prozent, meistens Männer.
Doch das Bedürfnis nach schriftlicher Kommunikation steigt in der ganzen Bevölkerung. Einfache Leute, die auf der Suche nach einem Auskommen oft unterwegs sind, möchten ihre Angehörigen benachrichtigen. Die Geschäftswelt setzt auf Buchführung, also müssen Händler schreiben können. Sennen und Hirten halten an den Wänden ihrer Hütten Unglücksfälle und Wetterextreme fest. Aus dem ländlichen Raum sind Liebesbriefchen, Spottgedichte, Wetter- und Schuldenbüchlein überliefert.

Die Lust am Schreiben ist gross. Eltern geraten sogar mit Lehrern in Streit, weil ihre Kinder nur lesen lernen. Doch die Trennung von Lesen und Schreiben wird erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufgehoben, als die Volksschulen mit der obligatorischen Schulpflicht auch den Schreibunterricht einführen. Vielerorts schreiben die Schüler auf Schiefertafeln. In Glarus kopieren sie zuerst einzelne Buchstaben, dann Wörter und schliesslich ganze biblische Verse und andere moralische Sentenzen.

Neues Durcheinander
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterrichten die Volksschulen bereits nach mehr oder weniger einheitlichen Regeln. Einige Lehrmittel nehmen jedoch weiter Rücksicht auf die Eigenheiten des heimischen Dialekts, so etwa im Kanton Bern. 1902 übernimmt die Schweiz die Rechtschreibregeln der II. Orthographischen Konferenz in Berlin. Sie sind durch den Philologen Konrad Duden geprägt, den Begründer des gleichnamigen Wörterbuchs. Duden treibt die Standardisierung der Rechtschreibung massgeblich voran.
In den folgenden Jahren erhalten Orthographie und Grammatik immer grössere Bedeutung. Für die Schulen der Deutschschweiz gilt die Rechtschreibung nach Duden, die beträchtliche Zahl der Schreibvarianten wird reduziert. Doch die «korrekte» Schreibweise bleibt umkämpft. 1946 schlägt der «Bund für vereinfachte Rechtschreibung» die Kleinschreibung vor. Er findet kein Gehör. Die letzte grosse Reform beginnt 1996: Sie soll das Schreiben vereinfachen. Doch die Neuregelung ist umstritten. Die Reform wird ihrerseits reformiert, mehrere Redaktionen führen eigene Schreibweisen ein oder halten an diesen fest, so auch die NZZ. Die Folge ist eine Re-Pluralisierung der Orthographie.

Es ist allerdings zu vermuten, dass das neue Durcheinander den vielen Knaben und Mädchen, die mit ihren elektronischen Geräten so viele Texte schreiben wie keine Generation vor ihr, ziemlich egal ist.

   

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