4. Mai 2017

Bündner Schule kommt nicht zur Ruhe

Die Demokratie hat gesiegt. Über die Anzahl Fremdsprachen in der Bündner Primarschule entscheiden keine Experten, keine Richter und keine Parlamentarier. Mit dem Urteil des Bundesgerichts, die Bündner Fremdspracheninitiative für gültig zu erklären, liegt diese Kompetenz neu allein beim Volk. Der Sieg der direkten Demokratie hat aber einen schalen Beigeschmack. Er bedeutet nämlich auch, dass die reformgeplagte Schule weiterhin nicht zur Ruhe kommt.
Keine Ruhe in der Schule, Südostschweiz, 4.5. Kommentar von Stefan Bisculm


Immer deutlicher zeigt sich: Die Grundfesten der Schweizer Schule im Allgemeinen und der Bündner Schule im Besonderen stehen in einem aktiven Erdbebengebiet, wo zu jeder Unzeit mit grösseren und kleineren Beben zu rechnen ist. Zur Erinnerung: Erst gerade in der Aprilsession hat das Bündner Parlament eine Neuausrichtung der schulischen Integration beschlossen. Ein Entscheid, dessen Auswirkungen heute noch schwer abzuschätzen sind. Weiter wurden gegen die Einführung des Lehrplans 21 erst kürzlich Unterschriften für eine Volksinitiative eingereicht. Die Initianten wollen, dass nicht mehr die Experten über den Lehrplan in der Schule entscheiden, sondern die Parlamentarier und damit in letzter Konsequenz das Volk. Es könnte also die Situation eintreten, dass der Lehrplan 21 schon kurz nach seiner Einführung wieder abgeschafft wird.

Das sind nur zwei der jüngsten Beispiele, die aufzeigen sollen, wie Strategien in der Bildung keine festen Leitplanken darstellen, sondern bloss provisorische Bauten sind, auf die langfristig kein Verlass ist. Anfangs konnten die Bildungsexperten von Schulreformen nicht genug kriegen, jetzt ist die Politik auf den Geschmack gekommen. Aus der Wirtschaft wissen wir, wie unzuverlässige, unberechenbare Rahmenbedingungen kurzfristig zu Verunsicherung und längerfristig zu schlechten Resultaten führen.


Das Bündner Sprachenkonzept mit der ersten (kantonalen) Fremdsprache ab der dritten Klasse und Englisch ab der fünften Klasse kommt in der Volksschule seit knapp vier Jahren zur Anwendung. Zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe sind für viele Schüler sicher keine leicht verdauliche Kost. Um das Konzept abschliessend und fair beurteilen zu können, wären aber noch mehr Erfahrungen nötig. Diese Zeit bleibt nun nicht. Die Schulbehörden müssen schon vorher aufzeigen, dass ein neuerlicher, hektischer Kurswechsel die Schule nicht besser macht.

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