16. März 2017

Systematischer Lese- und Schreibunterricht fehlt

Schweizer Schüler können nicht mehr richtig Deutsch. Sie haben Mühe mit der Rechtschreibung und lesen nicht gut genug. Woran liegt das? Was ist zu tun?
Man sprickt deutsh, Weltwoche, 16.3. von Daniela Niederberger


Wie es ums Deutsch der Schweizer Schüler steht, weiss ein Redaktionsleiter aus der Ostschweiz aus eigener Erfahrung. Er stellt regelmässig Praktikanten ein und sagt: «Die Rechtschreibung ist bei einer Mehrheit absolut ungenügend. Und es ist reiner Zufall, wie sie Kommas setzen.» Fallfehler kämen häufig vor, «und den Genitiv kennt kein Mensch mehr». Er glaubt auch, dass die Schüler im Denken und in der Logik nicht genügend ausgebildet würden. Viele der jungen Leute, auch solche mit Matura, hätten Mühe, in Zusammenhängen zu denken.

Dass es beim Lesen hapert, weiss man seit den Pisa-Studien. Mängel gebe es auch bei der Rechtschreibung, so eine Studie der Universität Freiburg. 1650 Primarschüler mussten den deutschen Rechtschreibetest «Hamburger Schreibprobe» machen. Es zeigte sich, dass die Schweizer Schüler signifikant schlechter in der Rechtschreibung sind als Schüler in Deutschland und Österreich. Professor Erich Hartmann, der die Studie leitete, sagte gegenüber der Aargauer Zeitung: «Bei Wörtern mit orthografischen Besonderheiten wie Dehnungen, Verdoppelungen oder Tezett schnitten die Schweizer Kinder schon ab der zweiten Klasse schwächer ab als die deutschen.» Besonders erschreckend: 30   bis 45   Prozent der Schüler in der vierten bis sechsten Klasse schrieben noch stark lautgetreu statt orthografisch korrekt.

Systematische Vermittlung fehlt
Jetzt kann man einwenden, dass doch nicht alle Schüler Journalist werden wollten. Aber manch einer vielleicht Polizist. Doch die Polizeischulen haben Mühe, genügend Anwärter zu finden, weil viele die Deutschprüfung beim Eignungstest nicht bestehen.

Was sind die Ursachen dafür? Die wichtigste: Die Schule verlangt weniger als früher. Diktate etwa sind verpönt. «Sie gelten quasi als pädagogische Sünde», sagt eine Primarlehrerin aus dem Kanton Zürich, die seit dreissig Jahren unterrichtet. «Wenn einer noch Diktate macht, entschuldigt er sich fast.» Die Schule wolle keinen «Drill» mehr ausüben und gehe in die falsche Richtung. «Man warf bewährte Dinge über Bord, auch das Auswendiglernen.» Ihre Schülerinnen und Schüler würden jedoch immer noch Gedichte und Texte auswendig lernen. «Sie verinnerlichen dabei Satzstrukturen und Ausdrucksweisen. Sie machen es gern», sagt die Lehrerin.

Urs Kalberer ist Sekundarlehrer, ebenfalls seit rund dreissig Jahren. Er sagt: «Es gibt immer mehr Lehrmittel, in denen nicht so viel verlangt wird. Es geht nicht mehr darum, Texte zu schreiben, sondern es geht in Richtung Lückentext.» Man wolle den Schülern möglichst viele Hindernisse aus dem Weg räumen. Besonders den sogenannt bildungsfernen Kindern. Beim Wörtereinfüllen kommen auch Afrim und Amina mit. Die Lehrmittel sind heute darauf ausgerichtet, Kreativität und Motivation zu fördern. Die Primarlehrerin sagt: «Wenn ich die Sprachlehrbücher von heute mit jenen von vor dreissig Jahren vergleiche, fällt auf, dass sehr viele Fantasy-Themen darin vorkommen und weit weniger Sachthemen.» Die Schüler sollen etwa zu Monstern und Fabelwesen Fantasiewörter entwickeln. «Das nimmt viel Zeit weg. Die Zeit für die systematische Vermittlung von Grammatik und Rechtschreibung nimmt stark ab.»

Dabei wären doch auch Sachthemen wichtig für den Wortschatz und die Begriffsbildung. «Man kann im Dialog Themen erarbeiten, man fragt, begründet, vermutet, erklärt und lernt vielfältige Ausdrucksweisen.»

Um die zarte Pflanze Motivation nicht kaputtzumachen, wird in der Primarschule erst spät mit dem Korrigieren von Fehlern der Schüler angefangen, nach dem Motto: «Hauptsache, sie schreiben gern.» «Dabei wollen die Kinder richtig schreiben», sagt die Primarlehrerin. Bei Zweitklässlern, die mit dem Schreiben beginnen, korrigiert sie noch nicht in die Texte hinein, weil zu viel korrigiert werden müsste. Sie schreibt den Text korrekt darunter, «damit sie das richtige Bild davon haben». In der dritten Klasse korrigiert sie dann. Auch um den Kindern kein falsches Selbstbild zu vermitteln. Ende der dritten Klasse sollen ihre Schüler fehlerfrei abschreiben können.

En vogue ist derzeit das Deutschlehrbuch «Die Sprachstarken» vom Klett-Verlag. Die Primarlehrerin besuchte einen Lehrer-Weiterbildungskurs zum Thema Rechtschreibung, in dem eine Verlagsvertreterin als Dozentin auftrat. Diese projizierte zum Einstieg einen Elternbrief an die Wand. Die Eltern machten sich Sorgen, dass ihr Kind die Rechtschreibung mit dem Lehrmittel nicht lerne. Die Referentin fragte in die Runde: «Händ Si au so schwierige Eltern?» Damit war die Denkrichtung vorgegeben. Die Primarlehrerin fand es aber nicht in Ordnung, dass Eltern, die sich darum sorgen, blöd hingestellt würden. Sie wehrte sich. Die Verlagsfrau entgegnete, dass die Schüler in neun Schuljahren jedes Rechtschreibproblem kennenlernen würden. Nur: Einmal gehört zu haben, dass man Referat mit «f» und nicht mit «v» schreibt, heisst ja nicht, dass man’s auch weiss.
Ein weiterer Grund für das sinkende Deutschniveau ist der frühe Fremdsprachenunterricht. Fürs Frühfranzösisch und Frühenglisch gehen in der Primarstufe drei bis fünf Deutschlektionen flöten.

Fragwürdiges «Lesen durch Schreiben»
Hinzu kommen fragwürdige Methoden, wie den Kleinsten das Schreiben beigebracht wird. Etwa durch Lautieren. Statt erst Buchstaben zu lernen, um daraus Wörter zu bilden, zerlegt man die Wörter in Laute. Die Methode heisst «Lesen durch Schreiben». Auf Lehrer-online.de wird gerühmt: «Jedes Kind lernt Schreiben und Lesen seinem eigenen Tempo entsprechend. Kein Kind wird wie beim Fibelunterricht in einen Lehrgang ‹gepresst›. Fibelunterricht ist Frontalunterricht im Klassenverband und geprägt von Nachahmungslernen durch wiederholtes Üben, bei ‹Lesen durch Schreiben› geht es um ein weitgehend individuelles Lernen durch Einsicht.» Nachahmungslernen ist also schlecht. Dabei lernen doch das Baby und das Kleinkind alles durch Nachahmen.

Sekundarlehrer Kalberer bezeichnet das Leseverständnis vieler Schüler als «Katastrophe». Dafür verantwortlich seien auch hier die wenig fordernden Lehrmittel. Die meisten Leseaufgaben würden sich darauf beschränken, eine Stelle im Text zu finden. Da werde etwa gefragt: «Wie alt ist der Doktor?» Der Schüler oder die Schülerin scannten den Text: «Da, 41.» Dann der Antwortsatz: «Er ist 41 Jahre alt.» Das Verständnis für einen längeren Text wird so nicht eingeübt.

Die Primarlehrerin findet das schade. Sie liest sehr viel mit den Kindern, erklärt Wörter, bespricht Wendungen. «Das Denken wird angeregt. Und es findet eine Gemütsbildung statt, das Kind lernt, sich einzufühlen in die Figuren», sagt sie. Die Bücher müssten aber Werte vermitteln wie Freundschaft und Aufrichtigkeit.

Die Volksschule will zwar das Lesen fördern. Die Kinder können Bücher ausleihen und im Computerprogramm «Antolin» Fragen dazu beantworten. Doch der Computer ersetze das Gespräch in der Klasse nicht, kritisiert sie. Auch werde es immer schwieriger, gute Bücher zu finden. Die Neuerscheinungen sind sprachlich oft wenig anspruchsvoll.

Der Schule allein die Schuld zu geben für das mangelhafte Deutsch der Schüler, wäre aber falsch. «Wir sind es nicht mehr gewohnt, lange Texte zu lesen», sagt Urs Kalberer. Man hängt am Handy, liest Kurzfutter im Internet. Er fragte seine Schüler einmal, wie viele Whatsapp-Nachrichten sie pro Tag schreiben würden. Der Klassendurchschnitt lag bei fünfzig. «Die Jugendlichen schreiben also sehr viel. Nur kein standardisiertes Deutsch.»
Dass viele Kinder gern schreiben, zeigt der jährliche Schreibwettbewerb der Luzerner Zeitung für Schüler der fünften bis neunten Klasse. Das Interesse ist gross. Im Buch «Der Hund starb – was er nicht überlebte» sind Stilblüten der letzten Jahre vereint. Da liest man: «Der Fremde nahm das Messer und drückte es mir an die Kelle.» Und: «Ich drückte aufs Gas und rahmte sie.» Oder: «Meine schulischen Leistungen wurden schlächter und schlächter.» Ja, eben.


Sie wurden auch in Deutschland schlächter. Die Kultusministerin des links regierten Bundeslandes Baden-Württemberg hat nun in einem Brief an die Schulen gefordert, der Rechtschreibung wieder ihren zentralen Stellenwert zurückzugeben. Es ist «aus meiner Sicht zwingend erforderlich, dass orthografische Fehler von Anfang an konsequent korrigiert werden», schreibt sie. Sie will auch «systematisches (Ein-)Üben» stärken.

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