30. März 2017

Bunte Blase platzt

Wann hat es das zuletzt gegeben? Über Jahrzehnte schienen die Lehrer, ihre Standesverbände und die kantonalen Bildungsdirektionen am selben Strick zu ziehen. Eine von oben initiierte Bildungsreform löste die nächste ab, und immer stiessen sie auf das Wohlwollen der Lehrerschaft und ihrer Exponenten. Die Neuerungen entsprachen dem pädagogischen Zeitgeist, vom «integrativen ­Unterricht» über das «frühe Fremdsprachenlernen» bis zum Vereinheitlichungsprojekt Harmos. Kritik kam deshalb selten von den Lehrern selbst. Wer sie von aussen an die Schule herantrug, stiess meist auf geschlossene Abwehrreihen. Doch jetzt bewegen sich die Fronten.
Revolte der Lehrer, Weltwoche, 30.3. von Philipp Gut



Über sechshundert Unterstufenlehrer haben beim grünen Berner Bildungsdirektor Bernhard Pulver eine Protestnote platziert (Seite 14). Sie könnten sich nicht mehr genügend um die einzelnen Schüler kümmern, lautet der Kernvorwurf. Das ist von entlarvender Ironie. Denn die Missstände, die die Lehrer nun lautstark beklagen, sind nicht zuletzt eine Folge der schulischen Integration. Diese sieht vor, dass auch behinderte oder verhaltensauffäl­lige Schüler in den Regelklassen unterrichtet werden und dort jene «Aufmerksamkeit und Zuwendung» erfahren, die nach Aussage der Berner Aufständischen nun nicht mehr gewährt werden kann. Darunter leiden nicht nur die ehemaligen Sonderschüler, sondern auch die normal- bis überdurchschnittlich begabten Kinder. Das Chaos in den Schulzimmern bremst die Entwicklung aller.

Die regenbogenfarbige Blase platzt, in der viele Lehrer geschwebt haben. Auch die inte­grative Schulung haben die meisten von ihnen begrüsst. Allerdings hat der Kanton Bern bei deren Einführung geschummelt. Eine entsprechende Umfrage bei den Lehrern sei manipulativ ausgelegt worden, schildern Betrof­fene. Neun von zehn Fragen seien allgemein gefasst gewesen, nur eine habe sich konkret darauf bezogen, ob der integrative Unterricht eingeführt werden solle. In diesem Punkt seien viele schon damals skeptisch gewesen, doch aus den positiven Antworten zu den restlichen Fragen habe man eine überwältigende Zustimmung gezimmert.

Was den Lehrern das Arbeiten so schwermacht, ist die fehlende Freiheit – etwas, was diesen Beruf früher attraktiv machte. Der Bieler Lehrer und bekannte Reformkritiker Alain Pichard spricht von einer «massiven Übersteuerung» des Schulsystems (Seite 16). Die Klassenzimmer sind zu permanenten Laborato­rien immer neuer Moden und Methoden geworden, zudem steigt die Belastung durch bürokratische Auflagen, aber auch durch das besonders bei Lehrerinnen beliebte Teilzeitmodell samt Jobsharing.

Die Not vieler Lehrer ist inzwischen so gross geworden, dass sie sich gegen ihre eigenen Verbandsoberen wenden. Deren Nähe zur politischen Macht habe sie blind gemacht für die Verhältnisse an der Basis, kritisiert Pichard. Auch diese Entfremdung ist neu.

Natürlich ist übermässiges Jammern fehl am Platz. Verglichen mit den Belastungen in manchen Jobs der Privatwirtschaft, haben es die Lehrer immer noch gut. Doch es ist richtig, dass die müden Witze über die «Ferientech­niker» der Vergangenheit angehören. Die Einsicht hat sich durchgesetzt, dass die Lehrer ­unter oft schwierigen Bedingungen eine noble Aufgabe für die Gesellschaft erfüllen. Wollen sie sich künftig nicht wieder selbst an der Nase nehmen müssen, bleibt ihnen nur eines: ihren Freiraum zu verteidigen, auch und gerade ­gegen ihre realitätsfernen Kollegen in Verbänden und Verwaltung. 

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