4. Februar 2017

Mille-feuilles-Schüler versagen an Prüfungen

«Nach zwei Jahren Primar beginnen nun unsere Kinder mit Frühfranzösisch. Vorne wird in französischer Sprache unterrichtet, doch die Schüler verstehen kein Wort», sagt Katja Christ, Präsidentin der Grünliberalen, Grossrätin und Mutter von zwei schulpflich­tigen Kindern. Und das sei auch begreiflich: «Viele Kinder können zu diesem Zeitpunkt ja nicht einmal richtig Deutsch.» Der Lernerfolg durch das neue Französisch-Lehrmittel «Mille Feuilles», das in Basel-Stadt, Baselland, Bern, Freiburg, Solothurn und im Wallis zum Einsatz kommt, wird nicht nur von ihr infrage gestellt.
Fremdsprachendidaktik zielt an der Realität vorbei, Bild: Schulverlag plus AG
Gewirr im Blätterwald, Basler Zeitung, 4.2. von Franziska Laur


Kinder als Versuchskaninchen
«Mille Feuilles» will Handeln und Kommunizieren statt Grammatik und Vokabelnpauken in den Vordergrund stellen. In der Praxis werden den Kindern oft Texte und Wörter vorgesetzt, deren Bedeutung sie gar nicht richtig verstehen. So müssen sie sich beispielsweise mit Begriffen wie «percnoptère», französisch für «Schmutzgeier», aus­einandersetzen. Ein Begriff, den gar viele Fortgeschrittene nicht kennen. Auch Fehler machen ist Teil des Konzepts. So übersetzen die Kinder «ich» anfangs mit «schö», ohne dass ein ­Lehrer das berichtigt.

Katja Christ ist eine Kritikerin des Frühfranzösisch im Allgemeinen und des «Mille Feuilles» im Speziellen. Unterstützung bekam sie durch die Studie von Simone Pfenninger, die aufzeigt, dass der Frühfremdsprachen­unterricht, so wie er heute betrieben wird, nichts bringt.

Jetzt kommt es noch dicker. Diesen Sommer kommen die ersten Jugend­lichen an die Gymnasien, die bereits ab der dritten Klasse Französisch lernen. Gestern berichtete die Berner Zeitung, dass in Bern der Grammatikteil der Aufnahmeprüfung für das Gymnasium gestrichen werden musste. Grund: Die Schüler können immer noch kaum Verben konjugieren. Dies ist nicht nur ein Frust für die Schüler, sondern auch für die Gymnasiallehrer, die nun nach-­­ holen müssen, was vorher nicht stattgefunden hat. «Das erstaunt mich wenig», sagt Christ. «Schade um eine ganze Schülergeneration, die als Versuchs­kaninchen herhalten musste.»

In Basel müssen die Prüfungen für das Gymnasium nicht angepasst werden. Jedoch nur aus dem Grund, weil bei diesen Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium gar kein Französisch, sondern nur Deutsch und Mathe abgenommen werden. Anzunehmen ist, dass die Basler Schüler um keinen Deut besser als die Berner abschneiden würden.

«Zwei Wochenstunden reichen einfach nicht, um das vom Lehrmittel vorgesehene und zum Lernerfolg notwendige Sprachbad zu nehmen», sagt Katja Christ. Hinter «Mille Feuilles» stecke die Idee, dass die Kinder die Fremdsprache wie eine Muttersprache einsaugen. Dies funktioniere mit einem solch kleinen Wochenpensum nicht. Insgesamt hätten die Kinder in der obligatorischen Schulzeit sogar weniger Französisch-­Unterricht als in Zeiten, als man erst in einer späteren Klasse, dafür intensiver mit dem Unterricht begonnen habe.

Mehr Deutschstunden
Tatsächlich hat die Studie von Simone Pfenninger herausgestrichen, dass ein früher Sprachenunterricht nur etwas bewirkt, wenn er intensiv betrieben wird. Mehr noch: Frühe Fremd­sprachen können auf kurze Sicht die Muttersprache beeinträchtigen. Erziehungsdirektor Christoph Eymann jedoch wischte die Erkenntnisse mit der flapsigen Bemerkung hinweg, die Studie sei qualitativ nicht genügend. Dabei stützte er sich auf Argumente, die Pfenninger später widerlegen konnte.

Im Grossen Rat ist der Aufruhr beschränkt – nicht zuletzt, weil viele Parlamentarier keine Berührungspunkte haben. So ist Katja Christ eine der letzten verbliebenen Kämpferinnen, die auf verschiedenen Ebenen für einen vernünftigen Fremdsprachenunterricht plädiert. Sie fände es um einiges sinnvoller, wenn zuerst mehr in Deutsch­unterricht investiert und mit Französisch später, dafür intensiver und strukturierter sowie mit alltagstauglicherem Wortschatz begonnen würde.


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